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Missbrauch

10.08.2018

Eine Million Kinder in Deutschland sind Opfer sexueller Gewalt

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Meist kommen die Täter aus der eigenen Familie eines Kindes.
Bild: Piotr Wawrzyniuk, fotolia

Die meisten leiden unbemerkt – und häufig sind nahe Verwandte die Täter. Opferschützer fordern: „Wir müssen darüber reden.“

Sexuelle Belästigung von Kindern ist in Deutschland weiter verbreitet als es die jährliche Kriminalstatistik der Polizei nahelegt. Bei weitem nicht alle Täter müssen sich vor Gericht rechtfertigen und für ihre Verbrechen im Gefängnis büßen wie das Paar aus Staufen, das das eigene (Stief-)Kind vergewaltigt und an fremde Männer verkauft hat.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass etwa 18 Millionen Minderjährige in Europa sexuelle Gewalt erfahren. Die Autoren dieser sogenannten Meta-Analyse haben Statistiken, Befragungen und Opferberichte verschiedener Ländern ausgewertet und zu einer großen Schätzung zusammengeführt.

In Deutschland untersucht die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs solche Taten. Die Expertengruppe um die Familienforscherin Sabine Andresen nimmt basierend auf der WHO-Statistik an, dass hierzulande rund eine Million Mädchen und Jungen Opfer sexueller Übergriffe sind. „Das bedeutet, dass etwa ein bis zwei Schüler in jeder Klasse von sexueller Gewalt durch Erwachsene betroffen sind“, so die Berliner Kommission.

Oft leiden die Kinder unbemerkt von Lehrern, Eltern und auch der Polizei. Deren jährliche Kriminalstatistik zeigt nur einen kleinen Teil der Taten – nämlich die, die angezeigt werden. Die Zahl der Sexualdelikte gegenüber Kinder und Jugendlichen, bestätigt das BKA, sei „in den vergangenen Jahren relativ gleich geblieben“. 2017 wurden demnach 13.539 Kinder unter 14 Jahren Opfer. Gleichzeitig betonen die Ermittler, dass die Dunkelziffer „sehr groß“ ist.

 

Auch Exhibitionismus und Nacktfotos fallen unter sexuelle Gewalt

Der Begriff „sexuelle Gewalt“ ist weit gefasst: Wenn ein Erwachsener anzüglich mit einem Kind spricht, vor ihm masturbiert oder sich auszieht, fällt das ebenso darunter wie wenn er es unsittlich berührt oder zu pornografischen Fotos zwingt. Eine Vergewaltigung ist die schwerste Form des sexuellen Missbrauchs.

Eine wachsende Gefahr birgt das Internet – da sind sich die Polizei und Kinderschutzorganisationen einig. Julia von Weiler kämpft als Vorsitzende der Organisation Innocence in Danger (Unschuld in Gefahr) gegen sexuellen Missbrauch: „Die Spielwiese der Täter hat sich durch das Internet ins Unendliche vergrößert“, sagt sie unserer Zeitung. „Sie haben es so leicht wie nie, unerkannt mit Kindern in Kontakt zu kommen.“

Dennoch findet sexuelle Gewalt der Statistik zufolge immer noch am häufigsten in der Familie statt. Bei etwa einem Viertel der jungen Opfer sind es nahe Verwandte, die ihnen so Schlimmes antun.

Mütter als Täterinnen wie in Staufen? Immer noch ein Tabu

Dass auch Frauen, wie in Staufen sogar Mütter zu solchen Gräueltaten fähig sind, ist in der Öffentlichkeit bislang kaum ein Thema. Familienforscherin Sabine Andresen mahnt, dass sich das ändern muss: „Weil es so schwer vorstellbar ist, dass eine Mutter Täterin sein kann, haben wir es hier mit einer Tabuisierung zu tun.“

Der Fall Staufen biete die Chance, dieses Tabu endlich zu brechen. „Alle Beteiligten brauchen das Wissen, dass auch Mütter Täterinnen sein können, damit sie auf Signale des Kindes achten können.“ Auch Opferschützerin von Weiler fordert, besser hinzuhören.

Bei einer Million belästigter Kinder ist sie sicher: „Jeder von uns kennt Opfer, ob wir es wissen oder nicht. Und damit ist es auch wahrscheinlich, dass jeder von uns Täter oder Täterinnen kennt.“ Man müsse anfangen, selbstverständlich über sexuellen Missbrauch zu sprechen – egal ob im Sportverein, in der Kirche oder im Chor. „Dass Erwachsene das Thema so oft verleugnen, schützt die Täter am besten.“

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