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Kriminalstatistik

11.05.2020

Erschreckende Zahlen: Sexuelle Gewalt gegen Kinder nimmt zu

Experten haben in Berlin neue Zahlen zu Gewalt an Kindern vorgelegt. Demnach sterben in jeder Woche im Schnitt zwei Kinder in Deutschland.
Bild: Silvio Wyszengrad

Experten haben am Montag neue Zahlen zu Gewalttaten gegen Minderjährige vorgelegt. Im Schnitt werden in Deutschland zwei Kinder und Jugendliche pro Woche getötet.

Es geschieht hinter verschlossenen Türen, oft unbemerkt von Nachbarn, Freunden oder der Polizei: In Deutschland wird täglich Dutzenden Kindern brutale Gewalt angetan. Die Fallzahlen legten in vielen Bereichen im vergangenen Jahr deutlich zu. Die Gewaltkurve könnte wegen der Corona-Krise noch weiter ansteigen, warnten am Montag Experten in Berlin.

Gewalt an Minderjährigen: Jede Woche werden im Schnitt zwei Kinder getötet

Dabei sind schon die Angaben aus der Kriminalstatistik 2019 erschreckend. So nahm die Zahl der Kinder, denen sexuelle Gewalt angetan wurde, um neun Prozent auf knapp 16.000 Fälle zu. „Das bedeutet, dass jeden Tag durchschnittlich 43 Kinder Opfer von sexueller Gewalt wurden“, mahnte der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch. Der sogenannte sexuelle Missbrauch stieg ebenfalls um neun Prozent auf 15.700 Fälle. 235 Kinder wurden Opfer von Vergewaltigung und Nötigung, ein Plus von 20 Prozent gegenüber dem Jahr zuvor. Die Zahl der „vollendeten Misshandlungen“ sank leicht auf 4055 Opfer. Im Schnitt wurden pro Woche zwei Kinder getötet. Insgesamt waren es 112 Kinder. 93 davon waren jünger als sechs Jahre.

Der Missbrauch setzt sich im Internet „grenzenlos und dauerhaft fort“, wie Münch mahnte. Die Herstellung, der Besitz und die Verbreitung sogenannten kinderpornografischen Materials explodierte von 7449 Fällen in 2018 auf knapp 12.300 Fälle im letzten Jahr. Der Chef der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker, kritisierte vor diesem Hintergrund die gesellschaftliche und politische Entwicklung. Kinder seien „immer noch Betroffene zweiter Klasse“, der strafrechtliche Schutz sei viel zu gering, sagte er. Die Höchststrafe bei Ladendiebstahl betrage fünf Jahre. Für die Verbreitung von Material mit sexuellen Gewalthandlungen an Kindern drohten maximal drei Jahre.

Gewalt-Prävention: Kinderarzt fordert mehr Informationsaustausch zwischen Ärzten

Der Kinderarzt Ralf Kownatzki forderte angesichts der Fallzahlen einen verbesserten Schutz von Kindern vor Misshandlung, Vernachlässigung und Missbrauch. Kownatzki ist Vorsitzender des Vereins Riskid, der zur Prävention ein elektronisches Informationssystem für Ärzte betreibt. Er spricht sich für eine gesetzliche Regelung aus, die bei Kindesmissbrauch den Informationsaustausch zwischen Ärzten ermöglicht. Dieser sei bisher an das Einverständnis der potenziellen Misshandler gebunden, erklärte Kownatzki, der von einer „absurden Rechtssituation“ sprach.

Der Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, wies auf die Verschärfung der Lage durch Corona hin. „Durch häusliche Isolation waren und sind viele Kinder jetzt noch größeren Gefahren familiärer Gewalt ausgesetzt“, sagte er. Trotz der neuen Lockerungen fehle in der Corona-Krise noch immer und viel zu oft der Kontakt zu helfenden Einrichtungen. Angesichts der gestiegenen Staatsverschuldung packe ihn „die pure Verzweiflung“. Er sei „in größter Sorge, dass Kinderschutz jetzt auf der politischen Prioritätenliste weiter nach unten rutscht“, mahnte Rörig.

Warum Kinderschutz besonders in Zeiten von Corona wichtig ist

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz äußerte ähnliche Sorgen. „Ich befürchte eine Zunahme der Gewalt – je länger die Situation andauert“, sagte sie unserer Redaktion mit Blick auf Corona. Sie habe Sorge, „dass sich im Moment das ohnehin existierende Dunkelfeld vergrößert, wenn es um Missbrauch und Gewalt an Kindern geht“, erklärte die Vizepräsidentin des Deutschen Kinderschutzbundes.

Deligöz forderte die Regierung zur Wachsamkeit auf: „Kinderschutz ist systemrelevant und sollte auch in Krisenzeiten nicht hinten runterfallen.“ Sie forderte eine bessere Vernetzung aller relevanten Stellen sowie genügend Personal für die Jugendämter.

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