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Wahlkampf

17.09.2015

Erwartet Alexis Tsipras bei der Wahl am Sonntag ein böses Erwachen?

Am Sonntag wird in Griechenland gewählt. Alexis Tsipras droht jedoch ein böses Erwachen. Denn die Chancen stehen hoch, dass die Konservativen an die Macht kommen.
Bild: Orestis Panagiotou (dpa) (Archiv)

Alexis Tsipras trat als Regierungschef zurück, um sich gestärkt wiederwählen zu lassen. Am Sonntag ist Wahltag in Griechenland. Und Tsipras droht auf einmal ein böses Erwachen.

Am Sonntag finden in Griechenland die Parlamentswahlen statt. Alexis Tsipras trat ursprünglich als Regierungschef zurück, um sich gestärkt wiederwählen zu lassen. Doch Tsipras droht nun ein böses Erwachsen.

Ein laues Lüftchen weht über die „Kentriki Plateia“, den Zentralplatz von Kalamata. Jason und sein Kumpel Nikos, beide gerade 18 Jahre alt, warten in der Menschenmenge auf den Star des Abends. Und Alexis Tsipras, der Chef vom „Bündnis der Radikalen Linken“ (Syriza), lässt sie auf dieser Wahlkundgebung in der 150000 Einwohner zählenden Küstenstadt im Süden des Peloponnes lange warten. Fast 90 Minuten werden es am Ende sein. Also haben Jason und Nikos Zeit für ein kurzes Gespräch. Am 5. Juli durften sie zum ersten Mal abstimmen, beim Volksentscheid über die Spar- und Reformvorschläge der Gläubiger Griechenlands. „Wir haben mit Ochi gestimmt“, erzählen sie sichtlich stolz.

„Ochi“, das heißt „Nein“, wie man mittlerweile auch fernab des Landes weiß. 62 Prozent der Griechen haben sich damals für „Ochi“ entschieden. „Jetzt dürfen wir auch bei den Parlamentswahlen erstmals unsere Stimme abgeben“, freut sich Jungwähler Jason. Und für wen? „Für Alexis Tsipras, für Syriza. Er ist der Sauberste von allen Politikern.“ Nikos nickt.

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In Komotini, 800 Kilometer weiter nördlich, sieht das ein anderer Syriza-Anhänger ähnlich. Er steht vor dem lokalen Parteibüro in einer Seitengasse der Innenstadt. Bald wird Tsipras, 41, auf seiner Wahlkampftour hier Halt machen. Sicher, in der nur sieben Monate währenden Amtszeit der Regierung Tsipras habe es durchaus „eine Menge Fehler und Versäumnisse“ gegeben, räumt Leonidas Karatzas, 24, ein. Er studiert im achten Semester Management und weiß: In Griechenland, das eine Rekordarbeitslosigkeit von fast 30 Prozent aufweist, zählt sein Abschluss herzlich wenig. Dennoch: „Ich glaube nicht so sehr an Syriza, sondern an Tsipras. Er ist und bleibt die einzige Hoffnung für Griechenland. Vor allem für die Mittelschicht und die armen Leute. Was ich auf keinen Fall will: Dass die Konservativen wieder an die Macht kommen.“

Konservative könnten am Sonntag an die Macht kommen

Genau dieser Fall, den noch vor kurzem nur Fantasten für möglich hielten, könnte am Sonntag eintreten. Dabei hatte der damalige Premier Tsipras alles so scheinbar gut durchdacht. Er trat, mit guten Umfrage-Ergebnissen im Rücken, nur knapp sieben Monate nach seinem Wahltriumph im Januar zurück, um wiedergewählt zu werden. Um diesmal vier Jahre lang „durchzuregieren“, ohne eine wütende Minderheit in der eigenen Fraktion. Die hatte gegen Tsipras’ Wende hin zu einer Fortsetzung des Sparkurses in Athen offen rebelliert, indem sie das dritte Kreditprogramm, das die Regierung mit der Europäischen Union, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds ausgehandelt hatte, im Parlament ablehnte.

Mittlerweile hat sich diese Minderheit von Syriza verabschiedet. Das Parlament ist aufgelöst, die Regierung wird übergangsweise von der hohen Richterin Vassiliki Thanou geführt. Wer aber glaubte, Tsipras würde die Wahl im Spaziergang gewinnen, sieht sich nun eines Besseren belehrt.

Im August sahen Meinungsumfragen Syriza noch mit bis zu vier Prozentpunkten vor der konservativen Oppositionspartei Nea Dimokratia (ND). Stärkste Partei zu werden, wenn auch nur mit einer Stimme Vorsprung, hat in Griechenland einen besonderen Effekt. Nur der Wahlsieger kassiert einen Bonus von 50 Mandaten – was einiges ausmacht in der 300 Sitze umfassenden „Vouli“, Athens Parlament.

Nun sehen diverse Umfragen die Konservativen plötzlich sogar vor Tsipras und Co. Zumindest ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen zu erwarten. Der nach dem Abgang von Ex-Premier Antonis Samaras neue, moderatere und betont volksnahe ND-Führer Evangelos Meimarakis sei nun sogar populärer als Tsipras, ermittelten die Meinungsforscher. Für Europas vermeintlichen Che Guevara, der glaubte, seine Popularität bleibe auch nach seiner Kehrtwende ungebrochen, ein Schock.

Kostas Kapralos, Mitte fünfzig, Dreitagebart, hat sich jedenfalls festgelegt: „Nie wieder Tsipras!“ Während der Schuldenkrise brachen die Umsätze seines Buch- und Schreibwarenladens auf der malerischen Insel Hydra, eine Fährstunde von Piräus entfernt, drastisch ein. Kapralos wählte im Januar erstmals Syriza – aus Frust, wie er sagt. Ungeachtet der Ende Juni verhängten Kapitalverkehrskontrollen, ungeachtet des drohenden „Grexit“, Griechenlands Ausstieg aus der Eurozone: „Die Regierung Tsipras hat der Wirtschaft einen enormen Schaden zugefügt. Auch mir. Das passiert mir nicht noch einmal. Keine Experimente mehr!“, poltert der Unternehmer. Und was wird er wählen? „Nea Dimokratia.“

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