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Fall Nawalny
25.08.2020

Ordnete Putin den Anschlag auf Kremlkritiker Nawalny an?

Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalny wurde offensichtlich mit einer Substanz vergiftet, die ähnlich in Chemiewaffen wirkt.
Foto: Pavel Golovkin, dpa-Archiv

Der Giftanschlag auf Kremlkritiker Nawalny trägt die Handschrift russischer Geheimdienste. Ein Experte erklärt, welche Fakten auf eine Machtdemonstration deuten.

Schon zu Zeiten des Kalten Krieges war Gift eine der bevorzugten Waffen russischer Geheimdienste. Das Attentat an dem bulgarischen Dissidenten Georgi Markow 1978 in London ging als Regenschirmmord in die Geheimdienstgeschichte ein. Der Täter war zwar vermutlich ein bulgarischer Agent, die Waffe aber, ein präparierter Regenschirm, aus dessen Spitze eine ein Millimeter kleine Giftkapsel unbemerkt ins Bein des Opfers injiziert wurde, lieferte der KGB, wie Jahrzehnte später ein russischer Generalmajor bestätigte. Erst langsam setzte sich das tödliche Rizin frei. Markow starb vier Tage später.

Schon damals waren Giftanschläge ein politisches Signal an Regimegegner und – anders als Morde mit Schusswaffen – nur schwer nachvollziehbar. "Giftanschläge haben in Russland Tradition", sagt der Geheimdienstexperte und Marburger Geschichtsprofessor Wolfgang Krieger. Für ihn besteht kein Zweifel, dass der russische Geheimdienst hinter dem Anschlag auf den prominenten Kreml-Kritiker Alexej Nawalny steckt, der in der Berliner Charité nach wie vor im Koma liegt.

Der Anschlag auf Nawalny als Zeichen Russlands: Flug nach Deutschland passt in Strategie

Die Ärzte haben in Nawalnys Körper Giftstoffe gefunden, wie sie auch in chemischen Kampfmitteln verwendet werden. Krieger, der seit langem die Geschichte der russischen Geheimdienste erforscht und auch Mitglied der Unabhängigen Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes ist, glaubt, dass der russische Präsident Wladimir Putin mit dem Attentat sogar international ein Zeichen setzen wollte. "Deshalb hat Putin auch den Flug Nawalnys nach Deutschland zugelassen", sagt der Geheimdienstexperte. Der Fall Nawalny sei für Putin nach außen, an den Westen, eine Demonstration seiner Macht.

Mannschaftswagen der Berliner Polizei stehen vor der Charite. Hier wird der russische Oppositionelle Nawalny behandelt.
Foto: Kay Nietfeld

Nach innen könnte sich der Anschlag allerdings als Zeichen der Schwäche entpuppen: "Auch wenn Nawalny in Russland kein wirklich einflussreicher Politiker ist, kommt ein Attentat auf einen führenden Oppositionsmann in der Bevölkerung nicht gut an", sagt der Historiker. "Politisch könnte sich das Ganze als Verzweiflungstat Putins erweisen", fügt er hinzu.

Fall Nawalny: Sind die Proteste in Weißrussland der Auslöser des Giftanschlags?

"Im Zentrum der Ereignisse steht die Krise in Belarus", betont der Historiker. Die Proteste in Weißrussland gegen die Wahlfälschung des Diktators Alexander Lukaschenko könnten auch Putin gefährlich werden. "Nawalny hatte öffentlich die Massendemonstrationen zum Vorbild für die russische Bevölkerung erklärt. Wenn die Proteste auf Russland übergreifen würden, wäre dies tatsächlich eine Bedrohung für Putins Macht."

Tausende Menschen versammeln sich auf dem Platz der Unabhängigkeit in Minsk zu einem Protest.
Foto: Dmitri Lovetsky/AP/dpa

Dass der Korruptionsbekämpfer Nawalny Opfer anderer dunkler Kreise geworden sein könnte, hält Krieger dagegen für ausgeschlossen. Putin würde nicht tolerieren, dass Oligarchen oder Geheimdienste auf eigene Faust einen bekannten Politiker wie Nawalny angriffen. "Er hätte längst öffentlich eine Untersuchung angeordnet", betont Krieger.

Geheimdienstexperte: „Bin mir sicher, das Putin persönlich Befehl erteilt hat“

"Ich bin mir sicher, das Putin persönlich den Befehl zu diesem Anschlag erteilt hat", sagt der Geheimdienstexperte. "Es ist völlig undenkbar, dass dies ohne seine Zustimmung geschieht", fügt er hinzu. "Welcher der drei russischen Geheimdienste hinter dem Anschlag steckt, ist unklar und auch zweitrangig." Im Fall des Giftanschlags auf den Ex-Spion Sergei Skripal habe die britische Polizei die beiden Täter mit Namen als hochdekorierte Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GUR identifiziert.

Wladimir Wladimirowitsch Putin kommt am 7. Oktober 1952 als Sohn einer armen Arbeiterfamilie in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, zur Welt.
18 Bilder
Putins Weg vom Arbeiterkind zum Staatschef
Foto: Alexander Zemlianichenko, dpa (Archiv)

Für eine russische Geheimdienstoperation sprechen laut Krieger noch andere Fakten. So habe die kremltreue Boulevardzeitung Moskowski Komsomolez ein Überwachungsprotokoll Nawalnys veröffentlicht, das offensichtlich vom Inlandsgeheimdienst FSB stammt. Darin wird fast minutiös beschrieben, wie der Kremlkritiker offenbar von dutzenden Agenten bei seiner Sibirienreise überwacht wurde. "Es ist völlig ausgeschlossen, dass es einen unbemerkten Mordanschlag auf Nawalny von Unbekannten unter den Augen von zahlreichen Agenten gegeben hat und dann noch der Überwachungsbericht in einer staatsnahen Zeitung auftaucht."

Warum der Westen im Falle Russlands im Dilemma steckt

Die Veröffentlichung habe vielmehr eine klare Botschaft an die Opposition: "Ihr werden alle überwacht. Niemand von euch ist sicher", sagt Krieger. In all dem könne man eine klare Strategie erkennen, auch wenn es keine Beweise gebe, wie im Fall Skripal, als russische Kampfmittel als Gift nachgewiesen wurden. "Im Fall Skripal hat man russische Diplomaten aus Großbritannien ausgewiesen, aber im Fall Nawalny liegt der Tatort in Russland", sagt Krieger. Vielmehr als Kritik bleibe dem Westen deshalb nicht als Reaktion auf die Tat. "Die internationale Gemeinschaft steckt in einem Dilemma: Niemand weiß, was nach Putin käme, niemand will wirklich ein instabiles Russland", betont der Historiker.

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