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München

30.10.2014

Finanziert der deutsche Kunsthandel den Terror des IS?

Im Kloster der Heiligen Thekla in Maalula ist fast alles kaputt. Das Dorf ist Syrien-Touristen aus der Zeit vor dem Krieg bekannt. Sakrale Gegenstände, die dort nicht zerschlagen wurden, sind möglicherweise im Antiquitätenhandel gelandet.
Bild: Joseph Eid (afd)

Auf dem Kunsthandel lastet ein schwerer Vorwurf. Durch den Ankauf von Antiken aus dem Nahen Osten soll er den Terror finanzieren. Doch das Geschäft ist schwer durchschaubar.

Dieter Gorny musste damit rechnen, dass die Polizei kommt. Die Fassade seines Geschäftshauses am Münchner Maximiliansplatz war im Fernsehen deutlich zu erkennen gewesen, ebenso der Katalog der Juni-Auktion „Kunst der Antike“. Wurden hier und in einem weiteren Münchner Auktionshaus illegal importierte Beutestücke aus Raubgrabungen und Plünderungen in Syrien versteigert? Eine ARD-Dokumentation legt diesen Verdacht nahe. Mit seinem Filmtitel geht das Produktionsteam sogar noch einen Schritt weiter: „Das geplünderte Erbe – Terrorfinanzierung durch deutsche Auktionshäuser“, lautet er.

Wie der Kunstraub den Terror des IS finanziert

Auch die Polizei hatte den Film gesehen. Sie kam am Donnerstag voriger Woche diskret in Zivil, zwei Kriminalbeamte des Sachgebiets Kunstfahndung. Die Beamten seien „im Gespräch mit den Auktionshäusern“, teilt Eva Legath, Sprecherin des Bayerischen Landeskriminalamtes, auf Anfrage mit. Ein Verfahren gebe es zurzeit nicht.

Der Besuch der Polizei scheint Geschäftsführer Dieter Gorny nicht sonderlich zu beunruhigen. Was ihn härter trifft, sind Reaktionen von Kunden: „Drei haben mich angeschrieben und beschimpft“, sagt er. Die „Story im Ersten“ hat Empörung ausgelöst.

Finanziert der deutsche Kunsthandel den Terror des IS?

Betroffenheit erzeugten Bilder von nicht erkennbaren Gestalten mit staubigen Schuhen und von Löchern im Wüstensand. Sie erwecken den Eindruck, als zeichne die Kamera unmittelbar das Treiben von Raubgräbern im syrischen Kriegsgebiet auf. Als Zeuge kommt ein verwegen aussehender Mann zu Wort: „Entweder sie beliefern Isis, weil sie dazu gezwungen werden, oder sie sind selbst von Isis.“ Eine Behauptung, die Entsetzen auslöst. Aber ist sie haltbar?

Der Zeuge ist in der Szene bekannt, Michel van Rijn, einst selbst ein Schmuggler, hatte der Polizei in München Ende der 1990er Jahre einen wertvollen Tipp gegeben: Kunstschätze aus Nordzypern, die während der türkischen Besatzung aus Kirchen und Klöstern weggeschafft worden waren, lagerten in einer Wohnung in der Nähe des Hauptbahnhofs. Insider sagen, der Holländer habe damals seinen früheren Partner verpfiffen. Jetzt mischt er anscheinend wieder mit.

Und noch ein in der Branche bekanntes Gesicht taucht in der Dokumentation auf: der Kriminalarchäologe Michael Müller-Karpe vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz. Beim Kunsthändlerverband Deutschland ist er „berüchtigt“, wie es in einer Presseerklärung heißt, weil er „fanatische Feldzüge gegen den deutschen Kunsthandel führt“. Einzelne Erfolge kann Müller-Karpe vorweisen, gerade in München. Er war der Initiator, als in den letzten Jahren eine mehr als 4000 Jahre alte sumerische Streitaxt und eine fast 3000 Jahre alte assyrische Keilschrifttafel sichergestellt wurden. Beide sind inzwischen an den Irak zurückgegeben worden, die Streitaxt sogar hochoffiziell vom damaligen Außenminister Guido Westerwelle. Spektakuläre Fälle wie diese sind allerdings selten. Oft muss Müller-Karpe erleben, dass Verfahren nach langen juristischen Auseinandersetzungen eingestellt werden.

Problem ist die Rückverfolgbarkeit der Antiken

Selbst wenn Polizei oder Zoll einen Tipp bekommen, wo verdächtige Antiken zu finden sind, scheitern sie oft an der Eigentumsfrage. „Wir haben die Beweispflicht, und das ist recht schwierig“, sagt Silke Jakobi, Sprecherin des Zollfahndungsamtes in Stuttgart. Das Problem ist die Rückverfolgbarkeit. „Nach dem deutschen Recht muss ein normales Hühnerei besser deklariert sein als die wertvollste Antike“, kritisiert die für Kunstfahndung beim Bundeskriminalamt zuständige Hauptkommissarin Sylvelie Karfeld. In den Auktionskatalogen wird die Herkunft antiker Objekte stets mit dem Hinweis auf „Privatsammlungen“ angegeben.

Selbst dieser Hinweis fehlte bei einem Miniaturstreitwagen, der bei der Münchner Auktion im Juni für 3000 Euro wegging. In der ARD-Dokumentation diente das antike Spielzeug als Beispiel für Objekte unklarer Herkunft. Was die Kunstfahnder bei ihrem Besuch am Maximiliansplatz darüber in Erfahrung gebracht haben, ist nicht bekannt.

Der betroffene Kunsthändler sagt, das kleine Stück sei vom Vorbesitzer auf einer Antiquitätenmesse für 500 Euro gekauft worden. Dass mit solchen Kleinbeträgen der Terror finanziert werde, sei ein absurder Vorwurf. Bei seinen letzten drei Antiken-Auktionen 2013 und 2014 seien 2600 Objekte mit einem Gesamtwert von 5,5 Millionen Euro versteigert worden, davon gerade mal 47 aus Syrien und dem Irak im Gesamtwert von 86 000 Euro. „Die meisten hatten Referenzen, dass sie schon seit Jahrzehnten in Europa sind“, beteuert Dieter Gorny.

Der Kriminalarchäologe Müller-Karpe, der häufig von der Polizei als Gutachter eingeschaltet wird, hat zu dem Thema einen grundsätzlichen Standpunkt: „Was angeboten wird, kann im Grunde nur aus Raubgrabungen stammen, denn archäologische Funde aus legalen Grabungen kommen ins Museum“, sagt er. Schon seit 1869 sei das so. Damals wurde im Osmanischen Reich das Ausgraben von Kulturgütern und der Export ohne staatliche Genehmigung verboten. Dieses Gesetz gelte bis heute auch in den Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches, also auch in Syrien und im Irak.

In der juristischen Praxis spielt die Jahreszahl 1869 in Deutschland offenbar keine Rolle. Selbst Museen kauften noch in der Zeit danach antike Relikte. Die Münchner Glyptothek besitzt zum Beispiel zwei Grabreliefs aus der syrischen Wüstenstadt Palmyra. Erworben wurden diese 1909 in Paris, sagt Direktor Florian Knauß.

Aktuell von Bedeutung sind die Embargos gegen den Irak und gegen Syrien, die schon für Antiquitäten gelten, die nur 100 Jahre alt sind. Heiligenbilder oder Kreuze aus dem demolierten Kloster der Heiligen Thekla in dem Christendorf Maalula nahe der libanesischen Grenze gehören genauso dazu wie jahrtausendealte Grabbeigaben aus den vorderasiatischen Hochkulturen.

Ein Problem für die Strafverfolger ist die geografische Zuordnung von Objekten, die illegal aus ihrem Zusammenhang gerissen wurden. „Bei einer attischen Vase ist das so gut wie unmöglich“, sagt Knauß. Griechen und Römer hatten riesige Herrschaftsgebiete, in denen überall ähnliche Gegenstände verwendet wurden.

Es ist nicht leicht, seriöse Quellen zu finden

Fachleute, die in diesem Wirrwarr mühsam versuchen, Verluste sauber zu dokumentieren, damit Kulturgüter eines Tages dorthin zurückgegeben werden können, wo sie hingehören, haben es nicht leicht, seriöse Quellen zu finden. Einer von ihnen ist der aus Syrien stammende Archäologe Mamoun Fansa. Soeben hat er sein zweites Buch über die Zerstörung archäologischer und baulicher Schätze in seiner Heimat fertiggestellt, das am 3. November erscheint.

Fansa, der bis zu seiner Pensionierung Direktor des Museums Mensch und Natur im niedersächsischen Oldenburg war, wird immer wieder gefragt, warum er sich mit alten Steinen beschäftige, wo doch in Syrien mindestens 150 000 Menschen getötet und mehr als sieben Millionen in die Flucht getrieben wurden. Die Welt, so sagt er, dürfe nicht tatenlos zusehen, wenn ein Volk seine kulturelle Identität verliert. Eine der geschichtsträchtigsten Regionen unserer Zivilisation blute aus. Fansa hat viele Verbindungen in seine alte Heimat. Er weiß, dass selbst unbekannte Fundorte, die lediglich in archäologischen Registern verzeichnet waren, aussehen wie Mondlandschaften. „Die Raubgräber haben mit Bulldozern und kleineren Gerätschaften gearbeitet“, schreibt er.

Von Isis oder IS, wie die Terrororganisation Islamischer Staat abgekürzt wird, berichtet Fansa nichts. „Es gibt sehr unterschiedliche Informationen über die Täter dieser Raubaktionen. Sicher ist, dass seit Beginn des Krieges in Syrien Antiquitätenhändler aus Jordanien, dem Libanon, dem Irak und der Türkei aktiv an den Plünderungen des syrischen Kulturguts beteiligt sind.“ Sicher ist für ihn auch: Die Kriegsparteien finanzieren sich aus dem Verkauf.

Fansa nennt auch die immer wieder bezweifelte Summe von rund acht Milliarden Dollar Umsatz, die dem illegalen Kunsthandel zugeschrieben wird. Diese Schätzung stamme von der US-amerikanischen Sicherheitsbehörde United States Immigration and Customs Enforcement (ICE) von 2012.

Wie groß das Handelsvolumen in Deutschland ist, kann niemand beantworten. Die Erfahrung der letzten Jahre habe gezeigt, so Fansa, „dass auch in Deutschland die Gesetze verschärft werden müssen“.

Eine noch recht neue Akteurin in der Szene will diese alte Forderung der Archäologen und Museumsfachleute erfüllen: Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). Sie will erreichen, dass nur noch solche Kulturgüter nach Deutschland eingeführt werden dürfen, die über eine offizielle Ausfuhrlizenz des Herkunftslandes verfügen. Das Gesetz soll 2016 in Kraft treten.

Kunsthändler Dieter Gorny hat nichts dagegen: „Eine Ausfuhrlizenz von 2016 an – einverstanden“, sagt er. Was davor eingeführt wurde, ist dann wieder das alte Problem.

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