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Europawahl

15.05.2019

Frans Timmermanns ist der Kandidat mit zwei Gesichtern

Frans Timmermanns spricht sieben Sprachen fließend – auch Deutsch. Vielen gilt der bisherige Vize der EU-Kommission als idealer Nachfolger von Jean-Claude Juncker.
Bild: John MacDougall, afp

Der Niederländer will EU-Kommissionspräsident werden. Der Sozialdemokrat ist bekannt für einfühlsame Worte. Wenn es um die Demokratie geht, ist er knallhart.

„Super Frans“ – der Ruf eilt im voraus. Frans Timmermans, 57 Jahre alt, verheiratet, vier Kinder, Fußballfan. „Die Sozialdemokratie kehrt zurück, der Frühling kommt“, sagte der Spitzenkandidat neulich in Wien. Hier standen nicht nur Parteitreffen und Interviews auf dem Programm. Der Niederländer besuchte auch eine kleine Wohnung in einem ganzen Block, den die österreichische Hauptstadt für Familien mit geringeren Einkommen hat bauen lassen. Sieben Euro für den Quadratmeter – ein Modell für viele Kommunen. Timmermans war begeistert, unterhielt sich mit Familie Hoog und deren kleinem Sohn. „Ein Kommissionspräsident muss überall sichtbar werden“, sagte er bei dieser Gelegenheit. „Ich will bei den Leuten sein, in den Betrieben, auf den Bauernhöfen, auf der Straße.“

Er ist Junckers wichtigster Vize

Seit Ende letzten Jahres steht fest, dass Timmermans als Spitzenkandidat der Europäischen Sozialdemokraten in die Europawahlen geht. Siegen möchte er und danach zum Präsidenten der EU-Kommission aufsteigen. Das würde kein großer Umzug. Seit 2014 ist der Mann aus Korbach nahe der Grenze zu Aachen bereits Vizepräsident der Behörde, einer von sieben Stellvertretern des Präsidenten Jean-Claude Juncker, sein wichtigster.

Das fällt Timmermans nicht selten auf die Füße. Als er im ersten Fernseh-Duell mit seinem christdemokratischen Gegenspieler Manfred Weber (CSU) ein ums andere Mal Forderungen formulierte und ankündigte, was er alles anders machen wolle, wurde er am Morgen danach in den sozialen Netzwerken gefragt, warum er das denn bisher nicht getan habe. Timmermans ist sein eigenes Problem. Das andere: Er tritt für die gebeutelten Sozialdemokraten an. Erdrutschartige Verluste haben die Mitglieder seiner Parteienfamilie in den meisten EU-Mitgliedstaaten während der vergangenen Jahre hinnehmen müssen. Selbst in seiner niederländischen Heimat stürzten die Genossen von 24,8 Prozent im Jahr 2012 auf 5,7 Prozent 2017. Für die Arbeiterpartei (PvdA), die bis dahin an der Regierungskoalition beteiligt war, das schlechteste Ergebnis überhaupt.

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Mit einer Rede rührte er seine Landsleute zu Tränen

Der frühere Außenminister seines Landes selbst stieg am 21. Juli 2014 innerhalb von sieben Minuten zu einem echten Superstar auf. Nur wenige Tage zuvor war das malaysische Passagierflugzeug mit der Flugnummer MH17 aus Amsterdam kommend mit 298 Menschen (darunter 192 Niederländer) an Bord über der Ostukraine abgeschossen worden. Timmermans trat wenige Tage später vor den UN-Sicherheitsrat und sagte, zeitweise mit tränenerstickter Stimme: „Der Tod meiner Landsleute hat ein Loch in das Herz der niederländischen Nation gerissen… Wie schrecklich müssen die letzten Momente im Leben der Fluggäste gewesen sein. Die Sekunden, nachdem sie verstanden haben, sie werden sterben. Haben Sie noch einmal die Hand ihrer Liebsten gedrückt, haben sie ihre Kinder an ihr Herz gezogen, haben sie sich in die Augen geschaut, in ihrem Blick ein letztes ‚Auf Wiedersehen’?“ Für viele war es die beste Rede eines Niederländers seit dem Krieg. In Rhetorikseminaren wird sie bis heute als Vorbild beschrieben.

Es ist die eine, sensible Seite des Frans Timmermans, der fast philosophisch formulieren kann: „Jeder Mensch hat die Möglichkeit zu lieben und zu hassen. Kultur besteht darin, die Liebe zu fördern und den Hass kleinzuhalten.“ Die andere Seite ist die Angriffslust, mit der er im Streit um Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in einigen östlichen Mitgliedstaaten auftreten kann. Als sich Mateusz Morawiecki, Premierminister Polens, gegen das von Timmermans in Gang gesetzte Verfahren wegen Verstößen gegen die Rechtsstaatlichkeit mit den Worten zur Wehr setzte, er wolle ein „Europa der Nationen“, antwortete der Vize der EU-Kommission schneidend: „Was Morawiecki meint, ist: Gebt uns Geld, gebt uns den Binnenmarkt und haltet die Klappe, was Demokratie, Menschenrechte und die Unabhängigkeit der Justiz angeht. So geht das aber nicht.“

In Polen gilt der Sozialdemokrat als Staatsfeind

In Berlin konnte Timmermans im April vor einem Auftritt bei den Jusos unbeschwert einen Spaziergang vom Hotel zum Willy-Brandt-Haus machen – in Jeans, Polo-Shirt und Sneakers. In Warschau sperrten die Sicherheitsbehörden dagegen viele Straßen ab, als er zu einer Wahlkampfkundgebung anreiste. Einigen Polen gilt er als Staatsfeind Nummer Eins – er, der Demokrat, der Europäer, der Verfechter der Rechtsstaatlichkeit. Seine Appelle gegen nationalistische Regierungen sind eindringlich: „Die Welt hat sich geändert. Wir können nicht mehr alleine auf der nationalen Ebene weitermachen.“ Und dann setzt er einen seiner vielen anschaulichen Sätze hinzu: „Es gibt nur zwei Arten von Staaten in Europa: kleine Länder und kleine Länder, die noch nicht begriffen haben, dass sie klein sind.“ Gerade mal sieben Prozent der Weltbevölkerung stelle die EU. Zusammenhalten, so sagt er, sei unverzichtbar.

Timmermanns entstammt einer römisch-katholischen Familie, hat französische Literatur in Nijmegen studiert. Ein Studienjahr verbrachte er im französischen Nancy. Nach seiner Tätigkeit als Gastdozent am Institut Clingendael wechselte er ins Außenministerium nach Den Haag. Von dort wurde er in den 90er Jahren an die Moskauer Botschaft des Oranje-Staates versetzt. Es war eine Zeit, an die er immer wieder erinnert. Er wisse, sagte Timmermans bei der Einleitung des Verfahrens gegen Polen, wie das Leben in einem totalitären Staatssystem ablaufe. Man müsse früh einschreiten.

Seine Partei ist zu schwach, um ihn zu stärken

Brüssel lernte er als Mitarbeiter des damaligen niederländischen Kommissars Hans van den Broek kennen, bevor er als Berater für die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) tätig war. 2014 schickte Premierminister Mark Rutte Timmermans als Kommissar nach Brüssel. Eigentlich sollte der damalige Finanzminister Jeroen Dijsselbloem den Job bekommen. Doch der hatte sich im Vorfeld der damaligen Europawahl mit abfälligen Äußerungen über Juncker ins Aus polemisiert. Timmermans verkörpert vieles, was sich die Staats- und Regierungschefs von einem Kommissionspräsidenten wünschen: Er hat Regierungserfahrung, ist rhetorisch brillant, spricht sieben Sprachen – darunter Deutsch – fließend. Doch es sieht nicht danach aus, als könne der Hoffnungsträger die Sozialdemokratie rechtzeitig wieder erwecken. Eine kleine Chance bleibt ihm, seitdem feststeht, dass Großbritannien an den Europawahlen teilnimmt: Ein gutes Labour-Ergebnis könnte die sozialdemokratische Fraktion vielleicht erstarken lassen. Stark genug?

„Ich übernehme persönlich die Verantwortung dafür, dass Europa bis 2050 klimaneutral ist“, begann er die deutsche TV-Diskussion und bemühte sich, Entschlossenheit ebenso zu verbreiten wie Zuversicht, dass dieses Europa ein Projekt ist, das bei ihm in guten Händen wäre.

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16.05.2019

Recht viel ist in diesem Artikel über den Europa-Kandidaten Frans Timmermans zu hören, nur eines nicht: dessen markige Worte über Migration:

"Diversity ist das Schicksal der Menschheit! Nicht einmal auf den entferntesten Orten dieses Planeten wird es zukünftig eine Nation ohne Diversity geben. Das ist, worauf sich die Menschheit zubewegt ..."

Martin Lichtmesz (Sezession) schrieb dazu treffend: ´Was mit "Diversity" in diesem Kontext gemeint ist, muß ich an dieser Stelle wohl nicht weiter ausführen. Wie immer wird der Satz von Schmitt "Wer Menschheit sagt, will betrügen" auf das Allerschönste bestätigt.´

Doch wie steht es diesbezüglich bei dem anderen Kandidaten, bei Manfred Weber von der CSU? Die EU, so Weber, müsse "ihre Grenzen mit allen Mitteln sichern ..." Und dann: "Mit der gleichen Entschiedenheit sage ich aber auch: Europa ist ein Kontinent der Humanität, den wir nicht komplett abriegeln können" (Augsburger Allgemeine Live). Wer Augen hat, um zu sehen, dürfte wissen, was dahintersteht, wenn der eine von "Diversity" als dem "Schicksal der Menschheit" spricht, die zugleich das "Ziel der Menschheit" sei, und der andere vom "Kontinent der Humanität". Mit den Worten des Evangeliums:

"Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gleicht getünchten Gräbern, die von außen schön aussehen, innen aber voll sind von Totengebeinen und aller Unreinheit" (Mt 23, 27).

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