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Neubaugebiet "Dietenbach"

22.02.2019

Freiburg streitet: Wo liegt Grenze des Stadt-Wachstums?

Landwirte und Umweltschützer kämpfen gemeinsam gegen eines der größten Wohnneubauprojekte in Deutschland, das in Freiburg entstehen soll.
Bild: Steve Przybilla

Freiburg gilt als Öko-Stadt. Nun soll ein Neubaugebiet für 15.000 Menschen entstehen. Die Bürger gehen auf die Barrikaden.

Es sind Szenen wie im Wahlkampf, die sich dieser Tage in Freiburg abspielen: Plakate an fast jeder Laterne, Kundgebungen, Infostände. Doch es sind keine Politiker, über die die Stadt im idyllischen Breisgau am kommenden Sonntag abstimmt. Die Frage auf dem Wahlzettel am 24. Februar lautet: „Soll das Dietenbachgebiet unbebaut bleiben?“

Freiburger wehren sich gegen geplantes Neubaugebiet

Das Dietenbachgebiet ist ein 130 Hektar großes Gelände, das momentan landwirtschaftlich genutzt wird. Wobei allein schon die Definition strittig ist: Die einen sprechen von wertvollem Ackerland, die anderen von einer Maiswüste. Die beabsichtigten Eingriffe in die Natur seien vergleichsweise gering, betont die Stadt. „Für Dietenbach muss kein einziger Baum gefällt werden“, sagt Projektleiter Rüdiger Engel. Naturschützer und Landwirte sind trotzdem gegen den neuen Stadtteil, weil sie Freiburgs Wachstum mit zunehmendem Flächenverbrauch und Wegfall landwirtschaftlicher Areale kritisch sehen.

Auf ebendiesem Gebiet möchte die Stadtverwaltung ein neues Viertel errichten, das die akute Wohnungsnot lindern soll. Bis zu 15.000 Menschen könnten dort in 6500 Wohnungen einmal Platz finden. 110 Hektar, Tramhaltestellen, 20 Kitas, 700 Wohnheimplätze für Studenten; es wäre eines der größten Bauprojekte in ganz Deutschland – und der Versuch, eine Antwort auf die Wohnungsnot und explodierende Mieten und Immobilienpreise zu finden.

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Die Wohnkosten steigen auch in Freiburg immer weiter

Ob es dazu kommt, ist allerdings noch nicht ausgemacht. Zwar gibt es im Gemeinderat eine überwältigende Mehrheit für Dietenbach, auch die Grünen sind dafür. Allerdings haben die Gegner in den vergangenen Wochen mächtig Stimmung gemacht. Dabei geht es auch um die Frage, wie stark sich Naturschutz und Wohnungsbau überhaupt miteinander vertragen.

Die Situation ist seit langem angespannt, weil mehrere tausend Wohnungen fehlen. Die Freiburger geben im Schnitt 38 Prozent ihres Einkommens für Miete aus. Damit zählt Freiburg zu den teuersten Städten Deutschlands. In Zeitungsannoncen präsentieren sich potenzielle Mieter oft wie beim Casting, inklusive Foto. Auf Flugblättern versprechen Wohnungssuchende sogar Prämien, wenn ihnen jemand eine Bleibe besorgt. Das Problem kennen andere Städte auch. Doch Freiburg ist eine der am schnellsten wachsenden Städte.

Politisch ist das Neubaugebiet "Dietenbach" hoch umstritten

Politisch ist das Thema brisant. „Wir brauchen Dietenbach, weil Freiburg sonst keine Zukunft hat“, heißt es in einem gemeinsamen Statement, das 43 von 48 Freiburger Stadträten veröffentlicht haben. Die Gegner argumentieren nicht weniger leidenschaftlich. Auf ihrer Website sieht man eine Landkarte, auf der sich Geldscheine und Monopoly-Häuschen stapeln. Botschaft: Hier tummeln sich Spekulanten.

Die Realität gestaltet sich komplizierter. So schätzt die Stadtverwaltung, dass die Einwohnerzahl bis 2030 auf 245.000 Personen ansteigt. Das wäre ein Plus von 25.000 Menschen im Vergleich zu 2015. „Dietenbach schafft bezahlbaren Wohnraum, damit eine Polizistin, ein Krankenpfleger, ein Feuerwehrmann oder eine Erzieherin in Freiburg wohnen und arbeiten können“, argumentieren die Befürworter, zu denen Wohlfahrtsverbände, das Studierendenwerk und die Bauwirtschaft gehören.

Bürgerentscheid schürt die Emotionen

Die Gegner zweifeln an diesen Zahlen und verweisen auf das Statistische Landesamt, dessen Prognose von nur 236.000 Einwohnern bis 2030 ausgeht. Mehr noch: Sie glauben nicht, dass Dietenbach überhaupt nötig ist, weil der zusätzliche Bedarf durch bereits beschlossene Baugebiete und innerstädtische Aufstockungen gedeckt werden könnte. Zum Beispiel, indem Dachstühle aus- oder Parkplätze überbaut werden.

Da die politischen Mehrheiten in der Öko-Vorzeigestadt klar sind, hatten sich die Befürworter lange Zeit zurückgelehnt. Erst als die Gegner es schafften, genügend Stimmen für ein Bürgerbegehren zu sammeln, brachte sich auch die Pro-Fraktion in Stellung. Der Volkswille ist eben nicht leicht zu prophezeien. „Bürgerentscheide sind oft hochemotional und werden mitunter von Bürgern und Initiativen mit sehr persönlichen Interessen forciert“, sagt Michael Wehner von der Landeszentrale für politische Bildung in Freiburg. Für Politik sei es schwierig, richtig darauf zu reagieren. Mit Sachargumenten alleine ließen sich nicht alle ansprechen, Konflikte nicht immer befrieden. Ergebnisse der Entscheide seien daher kaum vorherzusagen.

Ergebnis des Freiburger Bürgerentscheids ist kaum vorhersehbar

Inzwischen befindet sich der „Wahlkampf“ in der Endphase. Die Infoabende waren so gut besucht, dass manche Besucher keinen Stuhl mehr fanden. Immer wieder kam die Frage auf, wer von einem neuen Stadtteil am Ende profitiert. Sind es wirklich die viel zitierten Erzieherinnen, die das Rathaus gerne anführt? Oder eher „reiche Hamburger“, die Zweitwohnungen kaufen, wie von den Gegnern behaupte?

Bis jetzt wagt niemand zu sagen, welche Argumente am meisten verfangen. Klar ist aber: Selbst wenn die Mehrheit gegen Dietenbach stimmt, müssten irgendwo in der Stadt neue Wohnungen entstehen. Projektleiter Engel brachte es auf den Punkt: „Ohne Dietenbach wird es zu einem zwei- bis vierfachen Flächenverbrauch in der Region kommen.“ Es klang fast wie eine Drohung.

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