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Gastbeitrag
08.01.2021

Galeristin Esther Schipper: "Viele haben begonnen, mit den Händen zu arbeiten"

Wie hat die Corona-Pandemie die Kunstwelt beeinflusst?
Foto: Alejandro Garcia, dpa

Wie verändern Krisen die Wirkung von Kunstwerken? Teil 4 der Serie zur Zukunft nach Corona, einer Kooperation von "The New Institute" und unserer Redaktion.

Was war Ihre Erfahrung mit Covid?

Esther Schipper: Ich war tatsächlich im November 2019 in Wuhan, um einen Sammler zu besuchen und kam mit einer Lungenentzündung zurück. Und bereits im Dezember erzählten mir Leute von einem seltsamen Virus in Wuhan. Ich fing an, viel darüber zu lesen, denn ich war noch nie so extrem krank gewesen. Als die Menschen in Europa im Februar begannen, darüber zu sprechen, war es ein bisschen wie: "Ach, das wird uns nie passieren." Ich war mir da nicht so sicher, wegen der Dinge, die chinesische Freunde mir über die Situation erzählten. Darüber wurde hier überhaupt nicht auf dieselbe Art berichtet wie dort. Bereits im Januar schickte ein Künstler, der in Beijing lebt, Bilder von Menschen in kompletter Schutzkleidung, wie aus einem Science-Fiction-Film.

Die Galeristin Esther Schipper.
Foto: Kristian Schuller

Die Kunstwelt ist das wohl am meisten globalisierte Netzwerk von allen.

Schipper: Bereits im Lichte des Klimawandels hatten wir unter Kolleginnen begonnen, über all die Kunstmessen zu sprechen, die wir mitmachten, über die großen Kisten, die wir um die Welt schicken, darüber, dass wir wie verrückt überall herumfliegen. Und wie uns das den schlimmsten CO2-Fußabdruck verpasst. Das waren zwei Gesichter: Man konnte politisch sehr besorgt sein über den Klimawandel und mit Künstlern und Künstlerinnen an diesen Themen arbeiten - aber gleichzeitig jede Woche einen anderen Interkontinentalflug nehmen. Covid hat uns endlich beigebracht, dass es Zeit ist, andere Arten zu entwickeln, Geschäfte zu betreiben.

Später hatten Sie selbst Covid?

Schipper: Es fühlte sich an, wie nichts, das ich jemals zuvor hatte. In der Minute, in der die Symptome begannen, wusste ich, dass ich es hatte. Ich hatte extrem hohes Fieber, was man in meinem Alter nicht oft hat: von normal zu 40 Grad in ein paar Stunden. Es ist seltsam. Man hat das Gefühl, man sei von etwas bewohnt, dass einem Dinge antut. Da ist was hier und da – und dann plötzlich schießt das Fieber sehr weit hoch und man wird super müde und riecht nichts mehr, schmeckt nichts mehr. Und dann schmeckt man plötzlich Dinge anders, als sie sind. Man riecht Dinge, die niemand riecht. Das ist auch interessant. Ich habe das immer noch manchmal.

 

Kann uns die Kunst etwas in diesem Moment mitteilen, über Covid oder die Zerbrechlichkeit des Lebens?

Schipper: In der Idee, dass man von einem Virus besessen ist, liegt etwas sehr Faszinierendes. Viele Künstler und Künstlerinnen arbeiteten in den 1980ern und 1990ern an Themen, die mit AIDS zu tun hatten. Politisch hatte das viel damit zu tun, wie unser Gesundheitssystem funktioniert und wie wir uns umeinander kümmern in einer Gesellschaft. Diese Mal scheinen die Menschen mehr über die Quarantäne nachzudenken, die Einsamkeit, darüber zu Hause zu sein, nicht zu reisen. Viele Leute in meiner Umgebung begannen, mit ihren Händen zu arbeiten, begannen, zu zeichnen oder Dinge zu bauen.

Interessant, dass Sie AIDS erwähnen. Damals gab es viel Wut in der Kunst über eine Gesellschaft, die Menschen sterben ließ. Was ist diesmal anders?

Schipper: Nun ja, es gibt die ganze Anti-Covid-Bewegung, die keine Sicherheitsmaßnahmen anwenden will und das ganze Projekt, das Virus zu überwinden, in Gefahr bringt. Da das Virus mehr und mehr politisiert wird, kann ich mir vorstellen, dass auch Künstler und Künstlerinnen mehr in eine politische Debatte einsteigen.

Sehen Sie diesen politischen Fokus auch beim Klimawandel? Sie vertreten Künstler und Künstlerinnen, die sich ausdrücklich dem Thema widmen, etwa Tomas Saraceno.

Schipper: In einem gewissen Sinne sind Covid und der Klimawandel verwandt. Diese Ereignisse haben die Macht, uns mit der Realität zu konfrontieren. Tomas Saraceno schlägt eigentlich neue Arten des Lebens und Reisens vor. Ein Künstler wie David Claerbout hat gerade einen wunderschönen Film namens "Wildfire" gemacht, ein Wald in Flammen. Der Film ist faszinierend schön und schmerzhaft gleichzeitig. Er sagt nichts. Es sind nur Bäume, die brennen. Etwas, das jahrhundertelang geschehen ist. Aber jetzt hat das eine völlig andere Message.

 

Denken Sie, dass alles wieder wird, wie vor der Pandemie?

Schipper: Ich glaube schon, dass ziemlich viel wieder wird, wie es war, weil den Menschen so langweilig ist - sie können nicht reisen, sie können keine Leute treffen. Auf der anderen Seite realisieren die Menschen auch, dass man durch dieses extreme Reisen dazu neigt, die eigene Gemeinschaft zu vergessen. Jetzt bin ich seit März zu Hause und beginne zu denken: "Ach, Berlin ist schlussendlich doch ganz nett. Hier leben gute Menschen."

Eine letzte Frage. Können Sie diesen Satz vervollständigen: Für mich ist das persönlich, weil ... ?

Schipper: Es mich dazu bringt, viel darüber nachzudenken wer ich bin und was ich tue.

Esther Schipper ist Galeristin in Berlin.

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The New Institute ist eine Neugründung in Hamburg, deren Ziel die Gestaltung gesellschaftlichen Wandels ist. Von Herbst 2021 an werden hier bis zu 35 Fellows aus Wissenschaft, Aktivismus, Kunst, Wirtschaft, Politik und Medien gemeinsam leben und an konkreten Lösungen für die drängenden Probleme in den Bereichen von Ökologie, Ökonomie und Demokratie arbeiten. Gründungsdirektor ist Wilhelm Krull, akademische Direktorin für den Bereich der ökonomischen Transformation ist Maja Göpel. The New Institute ist eine Initiative des Hamburger Unternehmers und Philanthropen Erck Rickmers.

Alle bisher erschienenen Teile der Serie finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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