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Gastbeitrag
07.01.2021

Philosophie-Professorin: "Wir leben in einer Welt, die uns entmenschlicht"

Foto: Picone Marco Flavio, stock.adobe.com

Wird Corona uns dazu bringen, unseren Lebensstil nachhaltig zu verändern? Teil 3 der Serie zur Zukunft nach Corona, einer Kooperation von "The New Institute" und unserer Redaktion.

Was ist die wichtigste Lektion, die Sie durch Covid gelernt haben?

Corine Pelluchon: Wir sind alle verwundbar und wir alle haben ein gemeinsames Schicksal. Viele Menschen haben erkannt, dass sie nicht alles beherrschen können, und dass die Verbindung zu anderen Menschen das Wichtigste ist. Das wird uns hoffentlich dazu treiben, unseren Lebensstil und unsere Produktionsweisen zu verändern, denn unsere Art zu Leben ist nicht tragfähig.

Sie sind also zuversichtlich?

Pelluchon: Ich arbeite viel mit Tier- und Umweltthemen und ich weiß, dass Menschen Zeit brauchen, um sich zu verändern. Es gibt viele Widerstände. Die größte Herausforderung ist, die Lücke zwischen Theorie und Praxis zu schließen und zu zeigen, dass es möglich ist, sich zu verändern. Das ist sehr anspruchsvoll.

Können Sie Ihr Konzept der Verletzlichkeit erklären?

Pelluchon: Unsere Verletzlichkeit ist mit unserer Körperlichkeit verbunden - die Tatsache, dass wir essen, abhängig sind von Luft, von Wasser und so weiter. Wir können Menschen nicht im Lichte der Freiheit verstehen. Freiheit ist wichtig - aber unsere Abhängigkeit von der Natur und aller anderer Wesen wirft ein Schlaglicht auf die Conditio Humana. Und das hat weitreichende Konsequenzen, weil das Fundament des politischen Liberalismus von der Vorstellung des Menschen als freiem moralischem Akteur definiert ist, was natürlich sehr wichtig ist und uns dazu treibt, die Gesellschaft auf den Menschenrechten aufzubauen.

Professorin Pelluchon: Im Kontext von Corona gibt es eine andere Krise

Aber?

Pelluchon: Aber wir haben die Beziehungs-Dimension des Subjekts vergessen und die Tatsache, dass Ökologie, Gerechtigkeit gegenüber zukünftigen Generationen und Gerechtigkeit gegenüber Tieren sehr wichtig sind. Sie gehören zu uns. Das Subjekt ist nicht nur dadurch definiert, dass er oder sie den Willen hat, Entscheidungen zu fällen und sie zu verändern - das Subjekt ist niemals allein. Die Ökologie kann nicht von der Existenz getrennt werden und die Existenz nicht von der Ökologie.

Welche Konsequenzen folgen daraus?

Pelluchon: Diese Einsicht stellt uns das Fundament zu Verfügung für einen neuen Gesellschaftsvertrag und einen neuen Humanismus - der nicht auf einer anthropozentrischen Sicht der Welt gründet, sondern die Vielfalt der lebenden Wesen einrechnet. Im Kontext der ökologischen und gesundheitlichen Krise von Corona bedeutet dies, dass es nicht weniger Freiheit gibt, sondern eine andere Freiheit, die neu konfiguriert ist im Lichte unserer Verantwortung Anderen gegenüber, inklusive der Tiere und der zukünftigen Generationen.

“Wir müssen den Dualismus zwischen Natur und Kultur, Vernunft und Gefühl, Menschen und Tieren überwinden.”

Wie verändert sich dadurch das Konzept der Freiheit?

Pelluchon: Die Schlüsselidee dieses Verständnisses von Verletzlichkeit ist unsere Verantwortung: Die Offenheit gegenüber Anderen und die Fähigkeit, sich um ihr Schicksal zu sorgen. Dieser Fokus auf die Verantwortung verändert unsere Vorstellung von Freiheit von innen heraus. Die Frage ist, wie wir einen Weg finden, um Aufklärung und die Säulen der Autonomie, Demokratie und Menschlichkeit zu verteidigen und zu verbreiten - und gleichzeitig die Grundlage der veralteten Aufklärung, den Dualismus zwischen Natur und Kultur, Vernunft und Gefühl, Menschen und Tieren überwinden.

Das ist das Hauptziel Ihres in Kürze erscheinenden Buches über eine neue Aufklärung.

Pelluchon: Ich glaube, wir brauchen eine profunde Kritik, die erklärt, warum die veraltete Aufklärung uns nicht geholfen hat, Katastrophen zu vermeiden und zur Vernichtung der Bedingungen des Lebens, der Natur und der Biodiversität geführt hat. Wir müssen eine Gesellschaft auf der Anerkennung der Gleichheit und Einheit der Menschen bauen und nicht basierend auf der theologischen Ordnung. Aber um das zu tun, müssen wir das Laster der Zivilisation ausmerzen, das damit zusammenhängt, dass wir die Zivilisation von der Natur ferngehalten haben. Ich glaube daran, dass wir einen Universalismus aufbauen können, der nicht auf unrealistischen Konzeptionen von Menschen basiert, aber Raum schafft für andere lebende Wesen.

 

Wie übersetzt sich das in die politische Theorie?

Pelluchon: Die Tatsache, dass wir auf den irdischen Bedingungen bestehen, die Tatsache, dass es Inter-Subjektivität und Kreativität gibt, von dem Moment an, in dem wir geboren sind, die Tatsache, dass leben bedeutet, sich zu reformieren - all das vergrößert das Selbst und gibt uns die Basis für einen neue politische Theorie.

Was anders wäre als der bisherige Liberalismus?

Pelluchon: Das könnte eine andere Form des Liberalismus sein. Ich glaube nicht, dass der Markt ein Feind ist. Das Problem heute ist, dass der Staat dem Markt keine Grenzen setzt. Natürlich ist der Kapitalismus nicht nur ein Wirtschaftssystem, sondern auch ein Lebensmodell, eine Art zu denken, eine Art mit anderen zu sein. Das Projekt, das ich mit meinem neuen Buch verfolge, ist das Projekt der Emanzipation zu fördern, individuelle und kollektive Emanzipation, was immer mit Aufklärung verbunden war. Aber wir können das nicht mit den alten Werkzeugen tun, wir müssen kritisch untersuchen, warum sich Vernunft in Irrationalität verwandelt.

"Ökologie hat auch soziale Dimensionen"

Umfasst diese Irrationalität auch die Zerstörung der eigentlichen natürlichen Grundlage unserer Existenz?

Pelluchon: Wenn wir gründlich über die ökologischen Herausforderungen nachdenken, kann man die Ökologie nicht auf Umweltprobleme wie die Erschöpfung der Ressourcen oder den Klimawandel reduzieren. Die sind sehr wichtig, aber Ökologie hat auch soziale Dimensionen, geistige und moralische Dimensionen, sie ist verbunden mit einer Art gemeinsam mit anderen schöpferisch zu sein und den Platz der Menschen in der Natur zu untersuchen. Der Beitrag der Philosophie ist ein tiefes Verständnis davon, was Ökologie ist.

Welche Rolle spielt dabei die Vorstellungskraft?

Pelluchon: Um den Klimawandel zu bekämpfen, den eigenen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren und aufzuhören Tiere zu essen, muss man sich innerlich verändern. Der Beitrag der Philosophie ist es, eine andere Vorstellungskraft aufzubauen, die erklärt, wie wir Vernunft und Wissenschaft wieder mit unserer Lebenswelt verbinden können. Wie können wir eine Geschichte der individuellen Emanzipation erzählen, die nicht nur eine Art ist, sich gegenseitig zu bekämpfen, sondern eine Art zu bauen, um Kriege auszumerzen, den Krieg gegen Tiere oder den Krieg gegen die Natur oder die Arbeit oder den Krieg gegen uns. Das Leid der Tiere ist eine Art Spiegel, der ein Schlaglicht auf die Tatsache wirft, dass unser Entwicklungsmodell verrückt ist.

Wenn Sie davon sprechen, die fundamentalen Konzepte der individuellen Freiheit und Autonomie zu verändern - ist dann die Konsequenz davon, auch die Strukturen der Demokratie zu verändern?

Pelluchon: Natürlich! Demokratie ist ein Gesellschaftsprojekt. Und viele Menschen haben das Gefühl, sie hätten ihre Freiheit verloren, dass wir nicht alles meistern können, dass der Markt und andere komplizierte Dinge ihr Leben bestimmen. Aber wir müssen verstehen, dass wir die Macht haben, das Gemeinwohl ins Zentrum zu stellen und die tiefe Repräsentation zu verändern, die einer politischen und wirtschaftlichen Ordnung ihre Kraft verleiht. Demokratie ist ein Ideal, wie der Philosoph John Dewey gesagt hat, aber auch eine Methode. Aber wir müssen das Verhältnis mit der Öffentlichkeit neu überdenken, denn das Konzept der Öffentlichkeit verweist nicht auf eine Idee der Menschen als wären sie vereint.

 

Was meinen Sie genau?

Pelluchon: John Dewey hat die Ausübung der Demokratie nicht in einem Top-down-Ansatz verstanden, aber auch nicht in einem Bottom-up-Ansatz im naiven Sinne. Demokratie erfordert Individuen, die in der Lage sind, sich zu organisieren und die über kritische Fähigkeiten verfügen. Wir leben in einer Welt, in der viele sagen, die Zukunft sei bereits geschrieben, und dass wir uns bloß an die kapitalistische Ordnung anpassen müssen, was dann das Ende der Geschichte sei. Wir können Dinge ändern - was natürlich sehr anspruchsvoll ist. Ich bestehe auf dem Individuum, so dass soziale und strukturelle Veränderungen auf demokratische Art und Weise verwirklicht werden können, statt aufgrund von Angst oder Zwang.

Eine letzte Frage. Können Sie diesen Satz vervollständigen: Für mich ist das persönlich, weil –

Pelluchon: – eine der Ursachen dieser Krise unsere Interaktionen mit Tieren ist, was ein Schlaglicht auf die Tatsache wirft, dass wir in einer Welt leben, die uns entmenschlicht.

Zur Person: Corine Pelluchon ist Professorin für Philosophie in Paris und künftig Fellow des THE NEW INSTITUTE.

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The New Institute ist eine Neugründung in Hamburg, deren Ziel die Gestaltung gesellschaftlichen Wandels ist. Von Herbst 2021 an werden hier bis zu 35 Fellows aus Wissenschaft, Aktivismus, Kunst, Wirtschaft, Politik und Medien gemeinsam leben und an konkreten Lösungen für die drängenden Probleme in den Bereichen von Ökologie, Ökonomie und Demokratie arbeiten. Gründungsdirektor ist Wilhelm Krull, akademische Direktorin für den Bereich der ökonomischen Transformation ist Maja Göpel. The New Institute ist eine Initiative des Hamburger Unternehmers und Philanthropen Erck Rickmers.

Alle bisher erschienenen Teile der Serie finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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