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Gedenken: Sieben Städte erinnern an Opfer der Neonazi-Mordserie

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Gedenken: Sieben Städte erinnern an Opfer der Neonazi-Mordserie

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    Eine Gedenktafel erinnert in Heilbronn an die 2007 von Neonazis ermordete Polizistin Kiesewetter.
    Eine Gedenktafel erinnert in Heilbronn an die 2007 von Neonazis ermordete Polizistin Kiesewetter. Foto: dpa

    Nach der Neonazi-Mordserie setzen die sieben betroffenen Städte ein gemeinsames Zeichen gegen rechtsextremen Terror in Deutschland. Als Mahnung und zur Erinnerung an die Opfer sollen jeweils Gedenkorte eingerichtet werden, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Städte Kassel, Nürnberg, Hamburg, München, Rostock, Dortmund und Heilbronn vom Dienstag. "Wir sind bestürzt und beschämt, dass diese terroristischen Gewalttaten über Jahre nicht als das erkannt wurden, was sie waren: Morde aus Menschenverachtung. Wir sagen: Nie wieder!"

    Sieben Städte setzen Zeichen gegen Rechts

    Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), begrüßte die Initiative der sieben Städte. Die Mordserie sei ein "menschenverachtendes Verbrechen von beispielloser Dimension" gewesen. "Umso wichtiger ist das Zeichen, das von der heutigen Entscheidung ausgeht: Die Opfer und ihre Familien dürfen nicht aus dem Blick geraten." Die rechtsextreme Zwickauer Gruppe soll zwischen 2000 und 2007 neun Kleinunternehmer türkischer und griechischer Herkunft sowie eine deutsche Polizistin ermordet haben.

    In Kassel wird ein Platz nach dem Opfer Halit Yozgat benannt. In unmittelbarer Nähe zum Tatort soll am künftigen "Halit-Platz" auch eine Inschrift zur Erinnerung und Mahnung aufgestellt werden. Der junge Mann war 2006 in seinem Internetcafé erschossen worden. Sein Vater Ismail Yozgat hatte in einer bewegenden Rede auf der zentralen Gedenkfeier für die Opfer im Februar in Berlin den Wunsch geäußert, die Straße nach seinem Sohn zu benennen.

    Rostock benennt Straße nach NSU-Opfer

    In Rostock soll eine Straße im Stadtteil Toitenwinkel nach dem Opfer Mehmet Turgut benannt werden. Der damals 25-Jährige Imbiss- Verkäufer war 2004 dort erschossen worden. In Heilbronn soll am Ort des Mordes an der Polizistin Michele Kiesewetter eine vorhandene Gedenktafel durch eine neue mit erweitertem Text ersetzt werden. In Dortmund, wo am 4. April 2006 der Kioskbesitzer Mehmet Kubasik erschossen wurde, soll unter anderem eine Bodenplatte in der Nähe des Kiosks angebracht werden.

    Wo in München mit Gedenktafeln an die Opfer erinnert wird, ist nach Angaben der Stadt noch unklar. Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) sagte: "Wir sind erschüttert, dass die menschenverachtende Ideologie der Rechtsextremisten zu einer Mordserie führte, und wir sind beschämt, dass dies ein Jahrzehnt lang unerkannt bleiben konnte." In Nürnberg soll es an drei Tatorten Gedenktafeln geben.

    Gedenktafeln für Neonazi-Opfer: Barbara John kritisiert

    Das Neonazi-Trio und seine mutmaßlichen Helfer

    UWE MUNDLOS: Der Professorensohn gilt als intellektueller Kopf der Terrorzelle. Am 4. November tötete sich der 38-Jährige selbst in einem Wohnmobil.

    UWE BÖHNHARDT: Der 34-Jährige soll ein Waffennarr gewesen sein, der schnell und gerne zuschlug. Auch er wurde am 4. November tot in dem ausgebrannten Wohnmobil gefunden, wohl von Mundlos erschossen.

    BEATE ZSCHÄPE: Die 37-Jährige ist als Mittäterin wegen Mordes angeklagt. Sie stammt aus zerrütteten Verhältnissen. Aufgefallen ist die erstmal als 17-Jährige bei mehreren Ladendiebstählen. In einem Jugendclub im Jenaer Plattenbaugebiet Winzerla lernte sie Uwe Mundlos kennen. Mit Uwe Böhnhardt hatte sie später eine Beziehung. Nachdem sie am 4. November 2011 die konspirative Wohnung der Gruppe in die Luft gesprengt hatte, fuhr Zschäpe tagelang mit der Bahn tagelang kreuz und quer durch Deutschland, bevor sie sich der Polizei stellte.

    RALF WOHLLEBEN: Der ehemalige NPD-Funktionär sitzt seit dem 29. November 2011 in Untersuchungshaft. Er soll dem Terrortrio 1998 beim Untertauchen finanziell geholfen, ihnen Geld und auch die spätere Tatwaffe zukommen lassen haben. Der 37-jährige Fachinformatiker ist inzwischen zwar nicht mehr NPD-Mitglied. Dass er noch als NPD-Funktionär die NSU unterstützt hat, gilt aber als wichtiges Argument für ein mögliches neues NPD-Verbotsverfahren.

    HOLGER G.: Der am 14. Mai 1974 in Jena geborene G. war der erste mutmaßliche NSU-Helfer, den die Polizei festnahm. G. soll seit Ende der 90er Jahre Kontakt mit dem aus Thüringen stammenden Trio gehabt haben. Den Dreien soll er seinen Führerschein, eine Krankenversichertenkarte und noch im Jahr 2011 einen Reisepass überlassen haben. So soll er ihnen ermöglicht haben, weiterhin verborgen zu agieren und rechtsextreme Gewalttaten zu verüben.

    CARSTEN S.: Der 32-Jährige soll zusammen mit Ralf Wohlleben die Tatwaffe zu den Morden beschafft haben. Nachdem S. umfassend ausgepackt hatte, ließ ihn die Bundesanwaltschaft im Mai nach viermonatiger Untersuchungshaft wieder frei. S. sagte sich nach Auffassung der Ermittler glaubhaft vom Rechtsextremismus los. Außerdem war er zur Tatzeit erst 19 Jahre alt, ihm könnte nach dem milderen Jugendstrafrecht der Prozess gemacht werden.

    ANDRE E.: Dem aus Sachsen stammenden 33-Jährigen wirft die Bundesanwaltschaft Beihilfe zum Sprengstoffanschlag des NSU in der Kölner Altstadt vor. E. soll eine enge Bindung zu dem Trio unterhalten haben. Im Jahr 2006 gab er Zschäpe als seine Ehefrau aus. Er soll den Wohnort der Drei verschleiert haben und ihnen seit dem Jahr 2009 Bahncards beschafft haben. Diese waren auf ihn und seine Frau ausgestellt, jedoch mit den Fotos von Zschäpe und Uwe Böhnhardt versehen.

    In Hamburg war der Gemüsehändler Süleyman Tasköprü 2001 erschossen worden. Wie seiner gedacht werden soll, ist noch nicht abschließend entschieden. Der Erste Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) erklärte, die Stadt nehme ihre moralische Verpflichtung wahr. "Die gemeinsame Initiative ist ein gutes Zeichen."

    Die Ombudsfrau für die Angehörigen der Opfer, Barbara John, kritisierte, dass die Familien nicht an der Entscheidung über die Gedenktafeln beteiligt worden seien. "Von den Angehörigen wusste wieder niemand Bescheid", sagte John dem Tagesspiegel. "Wir wissen ja nicht einmal, ob das alle überhaupt so wollen", sagte sie der Berliner Tageszeitung. Die Angehörigen bitten laut John nun darum, zumindest in weitere Schritte einbezogen zu werden. "Sie würden gerne einen Entwurf der geplanten Gedenktafel sehen und bei der Frage mitreden, wo diese angebracht werden." dpa

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