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Sri Lanka

23.04.2019

IS reklamiert Anschläge von Sri Lanka mit mehr als 300 Toten für sich

Eine Frau weint während der Beerdigung eines Opfers der Anschläge in Sri Lanka.
Bild: Lakruwan Wanniarachchi, afp

Sri Lankas Regierung vermutet ein internationales Netzwerk hinter den Anschlägen. Sie sollen eine Vergeltung für die Anschläge von Christchurch sein.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) hat die Selbstmordanschläge auf Hotels und christliche Kirchen in Sri Lanka mit mehr als 300 Todesopfern für sich reklamiert. Das IS-Sprachrohr Amak berichtete am Dienstag in den sozialen Netzwerken, die Angreifer seien IS-Kämpfer gewesen. Nach Einschätzung der Regierung Sri Lankas waren die Anschläge als Vergeltung für den Anschlag auf Moscheen im neuseeländischen Christchurch im März gedacht, wie Vize-Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene im Parlament des Inselstaates erklärte. Dazu machte Amak keine Angaben.

Sri Lanka: IS reklamiert Anschläge mit mehr als 300 Toten für sich

Kämpfer des Islamischen Staates hätten "Bürger der Koalition und die christliche Gemeinschaft" attackiert, so das Sprachrohr. Mit "Bürgern der Koalition" bezeichnet der IS Staatsbürger von Ländern, die der internationalen Anti-IS-Koalition angehören, die die Terrormiliz in Syrien und im Irak bekämpft. Sri Lanka gehört der Koalition nicht an. Touristen in den angegriffenen Hotels könnten gemeint sein.

Die Echtheit der Bekennernachricht ließ sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Sie wurde über die üblichen Kanäle in den sozialen Netzwerken verbreitet, in denen der IS auch in der Vergangenheit Anschläge für sich reklamiert hatte. Der IS gilt in seinem Stammgebiet in Syrien und dem Irak als besiegt. Experten warnen aber weiter vor der Gefahr von Anschlägen durch die Extremisten.

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Sieben sri-lankische Selbstmordattentäter hatten sich am Ostersonntag nahezu zeitgleich in drei Kirchen in mehreren Städten und drei Luxushotels in der Hauptstadt Colombo in die Luft gesprengt. Einige Stunden später gab es zwei weitere Explosionen in einem kleinen Hotel und einer Wohngegend in Vororten Colombos. Die Zahl der Toten lag nach Regierungsangaben vom Dienstag bei 311 - darunter 37 Ausländer. Laut Unicef kamen auch 45 Kinder ums Leben. Mehr als 500 Verletzte wurden nach Angaben der Polizei noch in Krankenhäusern behandelt. 42 Menschen waren laut Polizei in Gewahrsam. Darunter sei auch ein syrischer Staatsbürger.

Sri Lankas Regierung glaubt, die Täter hatten Hilfe aus dem Ausland 

Der Vize-Verteidigungsminister sagte, eine extremistische Islamistengruppe mit Verbindungen zur Gruppe National Thowheeth Jamaath habe nach Einschätzung der Regierung die Anschläge verübt. Rachegelüste und Hass hätten die Täter motiviert - nicht Religion. Zuvor hatte die Regierung die National Thowheeth Jamaath direkt verantwortlich gemacht. 

Es hatte vor den Attacken Hinweise auf Anschlagspläne der Gruppen gegeben, wie Kabinettssprecher Rajitha Senaratne am Montag erklärte. Ausländische Geheimdienste hätten bereits am 4. April über mögliche Selbstmordanschläge auf Kirchen und Touristenziele in Sri Lanka informiert. "Wir tragen die Verantwortung, es tut uns sehr leid", sagte Senaratne im Namen der Regierung. 

Die Regierung sei überzeugt, dass die Täter Hilfe aus dem Ausland gehabt haben müssen, hieß es weiter. "Wir glauben nicht, dass diese Angriffe von einer Gruppe von Menschen verübt wurden, die auf dieses Land begrenzt waren", sagte Senaratne. "Es gab ein internationales Netzwerk, ohne das diese Angriffe nicht gelungen wären." Näher äußerte sich die Regierung nicht.

Über einen Ableger des Islamischen Staates in Sri Lanka ist bisher nichts bekannt. Allerdings hatte die in Washington ansässige Jamestown-Foundation im Jahr 2015 berichtet, der IS habe seine Fühler auch nach Sri Lanka ausgestreckt.

Wie schon Kabinettssprecher Senaratne am Vortag kritisierte Vize-Verteidigungsminister Wijewardene am Dienstag im Parlament, dass Premierminister Ranil Wickremesinghe und einige Minister nicht über die vorab vorliegenden Hinweise über die Anschlagspläne informiert worden seien. Hintergrund sind Spannungen zwischen den in einer Koalition regierenden Parteien von Wickremesinghe und Staatspräsident Maithripala Sirisena, dem als Verteidigungsminister die Sicherheitskräfte unterstehen. Sirisena hatte Wickremesinghe Ende vergangenen Jahres überraschend entlassen und ersetzt. Wickremesinghe gewann aber den Machtkampf und blieb im Amt. Bis Ende dieses Jahres steht eine Präsidentenwahl in Sri Lanka an.

In Sri Lanka gilt nach den Anschlägen der Notstand

Sirisena erklärte in der Nacht zum Dienstag einen öffentlichen Notstand - im Interesse der öffentlichen Sicherheit, der Wahrung der öffentlichen Ordnung und zur Sicherung der Versorgung der Bevölkerung mit Waren und Dienstleistungen erklärt, wie es in einer Erklärung des Präsidenten hieß. Die Sicherheitskräfte sollen seinem Büro zufolge weitreichende Befugnisse erhalten. Nach dem Gesetz können diese etwa für Hausdurchsuchungen ohne Erlaubnis eines Gerichts und für Verhaftungen ohne Haftbefehl gelten. Solche Bestimmungen waren während des Bürgerkriegs in Sri Lanka von 1983 bis 2009 fast dauerhaft in Kraft - und auch darüber hinaus noch bis 2011.

Der Dienstag wurde zu einem nationalen Trauertag erklärt. Am Morgen wurden drei Schweigeminuten abgehalten. Zahlreiche Bestattungen fanden statt. In der Nacht zum Dienstag hatte erneut eine Ausgangssperre gegolten. Um das Verbreiten von Gerüchten zu unterbinden, blieb der Zugang zu sozialen Medien gesperrt.

Unter den getöteten Ausländern ist auch ein Deutsch-Amerikaner, wie das Auswärtige Amt mitteilte. Weitere deutsche Opfer gebe es nach derzeitigen Erkenntnissen nicht, sagte eine Sprecherin am Montag weiter. 14 Ausländer wurden nach Angaben des Außenministeriums Sri Lankas vom Montag noch vermisst.  

Sirisena berief ein dreiköpfiges Team ein, das die Anschlagsserie untersuchen und in zwei Wochen einen ersten Bericht vorlegen soll. Die internationale Polizeiorganisation Interpol kündigte an, Spezialisten mit Expertise in den Bereichen Tatortuntersuchung, Sprengstoff, Terrorismusbekämpfung und Opferidentifizierung zu entsenden. 

Die meisten Opfer hatte es bei den Anschlägen in den Kirchen gegeben, als gerade Ostergottesdienste stattfanden. In dem Inselstaat sind etwa sieben Prozent der 20 Millionen Einwohner Christen. Rund zehn Prozent sind Muslime. Die meisten Einwohner sind Buddhisten. (dpa)

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