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Interview
07.08.2021

Jesuitenpater Mertes: "Woelki sieht sein Scheitern nicht"

Der Jesuitenpater Klaus Mertes machte 2010 als Rektor des Berliner Jesuitengymnasiums Canisius-Kolleg Missbrauchsfälle öffentlich.
Foto: Marius Becker, dpa (Archivbild)

Exklusiv Der Jesuit Klaus Mertes löste eine Welle von Enthüllungen über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche aus und wurde dafür als Nestbeschmutzer geschmäht. Wie er über den Kölner Kardinal denkt.

Pater Mertes, verzweifeln Sie manchmal an der katholischen Kirche und ihrem Umgang mit Missbrauchsfällen in den eigenen Reihen?

Pater Klaus Mertes: Nein. Es gibt allerdings in der Kirche den verzweifelten Versuch, das Selbstbild aufrecht zu erhalten.

Das der moralischen Institution?

Mertes: Ich meine das Selbstbild, man könne die Aufarbeitung und die öffentliche Berichterstattung darüber unter Kontrolle halten. Das muss scheitern.

Ihr aktuelles Buch heißt „Den Kreislauf des Scheiterns durchbrechen. Damit die Aufarbeitung des Missbrauchs am Ende nicht wieder am Anfang steht“ (Patmos, 80 Seiten, zwölf Euro). Ist das ein Warnruf an die Bischöfe?

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Mertes: Es ist zunächst einmal eine Reaktion darauf, was im Erzbistum Köln passiert ist.

Reden wir also über den Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki. Ist er gescheitert?

Mertes: Ja. Und zwar entscheidend an seinem Umgang mit seinem Betroffenenbeirat. Er hat ihn instrumentalisiert. Für seine Entscheidung, das Gutachten der Münchner Kanzlei entgegen der ursprünglichen Zusage doch nicht zu veröffentlichen, holte er sich die Zustimmung seines Betroffenenbeirates, und dies, ohne ihn vollständig zu informieren. Damit hat er seine Glaubwürdigkeit verspielt.

Kardinal Rainer Maria Woelki, der Erzbischof von Köln, ist nach wie vor umstritten.
Foto: Oliver Berg, dpa

Trotzdem ist er nach wie vor im Amt.

Mertes: Ich glaube, er tritt deswegen nicht zurück, weil er sein Scheitern nicht sieht. Er versteht sich als ein aufgeklärter Monarch, der alles gut und richtig machen will und auch getan hat, abgesehen von einigen verzeihlichen Fehlern. Offen ist nur, ob auch die beiden Apostolischen Visitatoren, die im Juni vom Papst geschickt in Köln waren, das auch so sehen.

Was würde geschehen, ließe der Papst Woelki in Köln im Amt?

Mertes: Das Vertrauen würde weiter erodieren, und zwar auch das in den Vatikan. Es geht ja auch um das System Meisner, aus dem Woelki kommt, und das besonders eng mit Rom kooperierte.

Mitte Juli hieß es, in 13 von 27 Diözesen sei die Einrichtung von unabhängigen Kommissionen zur Aufarbeitung weitestgehend oder gänzlich abgeschlossen. Ist das nicht ein trauriger Zwischenstand – elf Jahre nach Beginn dessen, was wir als Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Deutschland bezeichnen?

Mertes: Die Bischöfe brauchten bis 2018, um mit der Veröffentlichung der „MHG-Studie“ zu der Erkenntnis zu gelangen: Die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen betrifft nicht nur die Taten von Einzelpersonen, sondern auch das institutionelle Versagen. Die Einrichtung der Kommissionen ist da ein wichtiger Schritt. Mein Problem ist ein anderes: Sind sie wirklich unabhängig?

Mertes: "Die beklagte Institution kann sich nicht selbst aufarbeiten. Sie muss Kontrolle aus der Hand geben"

Sind sie es?

Mertes: Ich sehe Schwachpunkte in der Konstruktion: Die Letztentscheidung über die Zusammensetzung hat der jeweilige Ortsbischof. Betroffene müssen sich bewerben. Einige Bewerbungen werden abgelehnt. Das führt zu Spaltungen unter Betroffenen. In den Kommissionen sitzen auch Priester und Angestellte des Bistums. Da bleiben Abhängigkeiten bestehen. Vor allem: Betroffene, die dann Mitglieder in der Aufarbeitungskommission werden, befinden sich in einer Doppelrolle – sie sind zugleich Kläger und Entscheider.

Was folgt daraus für Sie?

Mertes: Es ist jetzt nun einmal so, und wir müssen damit vorangehen. Es ist ja auch nicht nichts. Wäre die katholische Kirche in Polen oder Kroatien schon so weit, wäre das ein Fortschritt.

In der Tat gab es große Fortschritte in Sachen Aufarbeitung und Prävention. Dennoch setzt sich kirchliches Scheitern fort, wie Sie schreiben. Wie das?

Mertes: Keine Institution in Deutschland hat so viel getan für Aufklärung und Prävention sexualisierter Gewalt wie die katholische Kirche. Prävention ist aber nur ein Teil der Aufarbeitung, und Aufklärung kommt an wichtigen Punkten auch nicht vom Fleck, zum Beispiel bei der Frage der Veröffentlichung der Ergebnisse. Das hat mit einem strukturellen Problem zu tun: Die beklagte Institution kann sich nicht selbst aufarbeiten. Sie muss Kontrolle aus der Hand geben, nicht, um sich aus der Verantwortung zu ziehen, sondern um sich ihrer Verantwortung zu stellen.

An wen sollte sie Kontrolle abgeben?

Mertes: Ich sehe prinzipiell drei Möglichkeiten. Im Falle der oberbayerischen Benediktinerabtei Ettal haben sich Betroffenenverein und Abtei auf ein Verfahren und eine externe Moderation beiderseitigen Vertrauens geeinigt. So konnte man sich zum Beispiel auf die Veröffentlichung von Gutachten oder die Höhe der Zahlungen einigen. In Österreich beauftragte der Wiener Erzbischof Schönborn bereits im Jahr 2010 die frühere steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic, eine unabhängige Aufarbeitungskommission zu bilden. Das dritte Modell ist, dass die Bischöfe einer vom Staat zu bildenden Kommission Entscheidungsvollmachten bei der Aufarbeitung überlassen. Dass die Politik von sich aus sagt: „Rückt eure Akten raus“ – das geht im angelsächsischen Recht, nicht aber in Deutschland.

Nichts davon scheint momentan auf bistumsübergreifender Ebene durchsetzbar.

Mertes: Ich glaube, in kleineren Institutionen war das erste Modell anfangs möglich. Das österreichische Modell wäre 2010 auch in Deutschland ein guter Schritt gewesen. Die deutschen Bischöfe kritisierten Schönborn damals allerdings. Vielleicht wäre jetzt überhaupt nur noch Modell drei machbar. Man hat sich aber 2019 anders entschieden, übrigens zusammen mit der Politik – und will eben in jedem Bistum Aufarbeitungskommissionen bilden. Ich hoffe jetzt, dass dieser Weg gelingt.

Mertes: "Mir ist der Vorwurf, auf Zeit zu spielen, auch gemacht worden. Betroffene haben ein Recht auf Misstrauen"

Sie machten 2010 als Rektor des Berliner Jesuitengymnasiums Canisius-Kolleg Missbrauchsfälle öffentlich und lösten eine Welle an Enthüllungen aus.

Mertes: Plötzlich meldeten sich Betroffene aus allen Bereichen der Gesellschaft.

Verstehen Sie, dass Betroffene heute sagen: Die Bischöfe wollen den Skandal aussitzen? Viele Täter sind gestorben, viele Opfer haben keine Kraft, gegen die Kirche anzukämpfen...

Mertes: Mir ist der Vorwurf, auf Zeit zu spielen, auch gemacht worden. Betroffene haben ein Recht auf Misstrauen. Ich weiß, es klingt unbefriedigend – aber manches braucht Zeit, wenn es gut werden soll. Das ist übrigens ein weiteres Problem Woelkis: 2018 war er wohl glaubwürdig erschüttert. Er richtete im Eiltempo einen Betroffenenbeirat ein, er versprach, dass in einem unabhängigen Gutachten die Namen von Verantwortlichen genannt würden, kurz: Er preschte vor. Betroffene applaudierten ihm. Nun ja, und dann instrumentalisierte er den Beirat und nahm das erste Gutachten wegen angeblicher Mängel unter Verschluss. Das kommt davon, wenn man es zu eilig hat.

Und das zweite, das „Gercke-Gutachten“, bescheinigte ihm schließlich, sich keiner Pflichtverletzung schuldig gemacht zu haben. Das ist umstritten. Aber auch seine Äußerungen wurden ja als empathielos empfunden.

Mertes: Und das, obwohl er sich in seiner Sprache so wie die Kirche sehr um Empathie bemüht. Das ist wieder so ein Kreislauf des Scheiterns. Missbrauchsbetroffene empfinden die kirchliche Mitleidssprache als übergriffig. Es gibt ja von beiden Seiten her zunächst einmal keine Augenhöhe, sondern Gefälle: Die missbrauchende Institution ist nach wie vor mächtig, die Anklage gegen sie aber auch. Mit Sätzen wie: „Wir sorgen uns um die Opfer“ will man vielleicht Empathie ausdrücken, spricht aber von oben herab.

Kardinal Reinhard Marx hatte wegen des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche auf sein Amt als Münchner Erzbischof verzichten wollen, Papst Franziskus lehnte sein Rücktrittsgesuch aber postwendend ab.
Foto: Tobias Hase, dpa

Glaubwürdig erschien dagegen nicht wenigen, auch Betroffenen, das Rücktrittsangebot des Münchner Erzbischofs Reinhard Kardinal Marx. Er habe Mitverantwortung tragen wollen für „die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs“. Der Papst nahm es allerdings nicht an. Wie denken Sie darüber?

Mertes: Ich erlaube mir den Luxus, dazu keine Meinung zu haben. Das wäre Kaffeesatzleserei. Bemerkenswert finde ich, dass Marx kürzlich nach Garching an der Alz gegangen ist, um vor Ort um Entschuldigung zu bitten.

Dafür, dass man einen pädophilen Priester aus Essen im Erzbistum München und Freising ab den 80er Jahren weiter in der Seelsorge einsetzte, alleine 20 Jahre in Garching an der Alz.

Mertes: Marx hat damit auch den Schutzmantel weggenommen, der bisher über Joseph Ratzinger, den inzwischen emeritierten Papst Benedikt XVI., ausgebreitet war.

Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst Benedikt XVI., in den Vatikanischen Gärten. Mertes wirft ihm Leitungsversagen vor.
Foto: Lena Klimkeit, dpa (Archivbild)

Ratzinger war von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising. Im März 2010 war bekannt geworden, dass er 1980 dem Umzug des Priesters in sein Erzbistum zustimmte.

Mertes: Das erschütterte das Ratzinger-Bild vom entschiedenen Durchgreifer gegen Missbrauch.

Aber Marx hätte doch längst nach Garching an der Alz gehen können.

Mertes: So, wie ich Betroffenen ein Recht auf Misstrauen zugestehe, so spreche ich Bischöfen nicht ab, dass sie aus ehrlichen Motiven handeln. Ich nehme Kardinal Marx ab, dass er in Garching aufrichtig um Entschuldigung bat – und nicht einfach nur taktisch im Vorgriff auf ein Gutachten, das er in Auftrag gab und das noch dieses Jahr veröffentlicht werden soll. Ich nehme ihm sogar ab, dass er sich darüber schämt, dass er zehn Jahre für diesen Schritt brauchte. Aber die Frage ist doch: Warum?

Ja, warum?

Mertes: Weil tief sitzende Loyalitäten und Machtinteressen und sie tragende Narrative im Hintergrund stehen. Das Leitungsversagen Ratzingers führt ja direkt bis an die Spitze der Weltkirche.

„Wenn das, was wir erlebt haben, wenn der Schock nicht zu einer Reform führt, dann weiß ich nicht, wie groß der Schock sein muss“, sagte Marx. Auch hier: Welche Reform ist überhaupt realistisch?

Mertes: Die Reform beginnt mit der Erkenntnis, dass es nicht nur um Einzelfälle geht, sondern gerade beim Leitungsversagen auch um ein institutionelles Problem. Das monarchische System des 19. Jahrhunderts und das überzogene Priesterbild behindern die Aufarbeitung. Kritische Fragen zur Sexualmoral oder zur Rolle der Frauen stehen an. Je offensichtlicher das alles wird, umso erbitterter wird gegen diese Erkenntnisse in Kreisen polemisiert, die sich für besonders katholisch halten. Aber wer die Einheit der Kirche will, muss nach vorne weitergehen.

Mertes: "Das Kirchenvolk muss an Entscheidungen darüber beteiligt werden, wer Bischof und wer Pfarrer wird"

Es heißt auch: In der evangelischen Kirche, die demokratischer organisiert ist und Pfarrerinnen hat, gibt es doch genauso Missbrauchsfälle und die Zahl der Kirchenaustritte ist hoch...

Mertes: Genau. Sexueller Missbrauch ist Machtmissbrauch und findet deswegen immer in systemischen Kontexten statt. Bei der Odenwaldschule mit ihrer demokratischen Pädagogik war das nicht anders. Jedes System muss also bei der Aufarbeitung auf die eigenen Machtstrukturen blicken, die formellen und die informellen. Für die katholische Kirche brauchen wir da die Einführung einer innerkirchlichen Verwaltungsgerichtsbarkeit, in der Amtsträger wegen Amtsversagens beklagt werden können. Betroffene sollten künftig nicht länger nur als Zeuginnen oder Zeugen in Prozessen gegen Kleriker auftreten dürfen, sondern auch als Nebenklägerinnen und Nebenkläger. Und: Das Kirchenvolk muss an Entscheidungen darüber beteiligt werden, wer Bischof und wer Pfarrer wird.

Bischofsernennungen sind ein höchst intransparenter Prozess, bei dem der Papst ein entscheidendes Wort mitredet. Gäbe es echte Mitbestimmung, hätten Sie Chancen, in Hamburg Erzbischof zu werden.

Mertes: Das habe ich gehört. Das ist ein nettes Kompliment, aber völlig unrealistisch.

Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Ihnen im April das Bundesverdienstkreuz verlieh, erinnerte er daran, dass Sie als „Nestbeschmutzer“ diskreditiert wurden. Schmerzt Sie dieser Vorwurf?

Mertes: Ich denke nicht so viel darüber nach, weil es ja einfach lächerlich ist. Mein persönliches Ziel ist: Ich möchte nicht bitter werden. Deswegen vermeide ich die Beschäftigung mit Gift und Galle, die auf mich gespuckt werden, egal von wem. Ich habe nicht vor, mir meine Freude am Leben und am Glauben verderben zu lassen.

Zur Person: Klaus Mertes, 66, ist ein in Bonn geborener Jesuit, Oberer des Ignatiushauses in Berlin und Redakteur der Zeitschrift Stimmen der Zeit. Bis 2020 war er Direktor des Kollegs St. Blasien im Schwarzwald und Lehrer für Religion und Latein. Zuvor arbeitete er von 2000 bis 2011 als Rektor des Jesuitengymnasiums Canisius-Kolleg Berlin. Sein aktuelles Buch: Den Kreislauf des Scheiterns durchbrechen. Damit die Aufarbeitung des Missbrauchs am Ende nicht wieder am Anfang steht. Patmos, 80 Seiten, zwölf Euro.

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Die Diskussion ist geschlossen.

08.08.2021

Klaus Mertes hat sich große Verdienste in der Aufarbeitung des Verbrechens Kindesmissbrauch gemacht . Er war es der die Sache überhaupt angestoßen und weiterentwikelt hat . Dafür wird er von der Kirche als Nestbeschmutzer bezeichnet . Eine Sprache die in mafiösen Kreisen verwendet wird . Man muss auch die Politik in Mitverantwortung ziehen , weil sie erlaubt das die Kirche ein Staat im Staat ist ,und ihre Gesetze oft selber macht . Wo bleibt die staatliche Justiz die solche institutionellen Verbrechen aufklärt ? Dieser Verein sollte in dieser Form aufgelöst werden und eine Neue Kirche aufgebaut werden , getrennt aber Kontroliert vom Statt . Eine Institution die immer noch nicht die Menschenrechte ratifiziert hat , hat keine Daseinsberechtigung . Aufklärung und Gerechtigkeit wird es in diesem Verbrechen nie geben . Zum Glück schaft dieser Verein der sich römisch katholische Kirche nennt so langsam selber ab .

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08.08.2021

Nicht nur Woelki ist gescheitert
Hallo Katholische Kirche Aufwachen ihr hinkt seid 500 Jahren hinterher
Euer Verein löst sich von selber auf

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08.08.2021

Dass dieser Verein römisch katholische Kirche sich in Selbstzersetzung befindet ist nicht mehr als recht . Die Blutspur den die Institution hinterlassen hat ist immens .

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