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Interview
12.03.2021

Kabarettist Mathias Richling: "Schwaben himmeln Kretschmann als Bürgerkönig an"

Mathias Richling und Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann.
Foto: Jan-Philipp Strobel, dpa (Archivbild)

Exklusiv Der Kabarettist Mathias Richling erklärt, wie es ist, in Baden-Württemberg seit zehn Jahren von den Grünen regiert zu werden und warum Kretschmann so erfolgreich ist.

Herr Richling, als CSU-regierte Bayern würde uns interessieren, wie das ist, seit zehn Jahren von den Grünen regiert zu werden. Merken Sie als Baden-Württemberger einen grundsätzlichen Unterschied zu all den Jahren CDU-geführter Landesregierungen?

Mathias Richling: Als Winfried Kretschmann 2016 vor seiner ersten Wiederwahl stand, gab er manchmal die Sottise preis, dass er nicht am Amt hänge und die Demokratie so stabil sei, dass das Land nicht untergehe, wenn ihm wieder ein CDU-Ministerpräsident folgen würde. Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich, dass er der Ansicht war, dass das Land auch nicht untergegangen war, als er mit den Grünen 2011 begonnen hatte, Baden-Württemberg zu regieren. Womit er durchaus recht hatte. Denn die CDU hatte sich zwar circa 60 Jahre hier als legitimer Nachfolger von Kaiser Wilhelm II. empfunden und auch so aufgeführt. Aber Winfried Kretschmann hat dieses Bedürfnis nach Ehrerbietung und Anhimmelung bald befriedigt und den Schwaben gestattet, ihn als Bürgerkönig anzusehen. Also, es gab natürlich einige Unterschiede zu den Jahrzehnten mit der CDU, aber wir Bürger wollten sie uns nicht anmerken lassen.

"Wir Schwaben können sagen: Wir haben die Grünen verändert"

Haben die Grünen das Land verändert oder das Regieren die Grünen?

Richling: Ja, durchaus. Zuerst hatte sich allerdings das Land verändert. Respektive, dieses Land war mit seiner Geduld am Ende. Und Lug und Betrug des letzten christdemokratischen Ministerpräsidenten – dessen Name uns gerne nicht mehr einfallen will – waren einfach in unverschämter Weise nicht mehr versteckt genug praktiziert worden, als dass wir hätten darüber hinwegsehen können. Als dann die Grünen vor zehn Jahren die Macht übernahmen, haben sie sich sehr wohl darum bemüht, das Land zu verändern. Aber die Schwaben wären nicht die Schwaben, wenn wir diese zehn Jahre nicht genutzt hätten, den Spieß umzudrehen. Und jetzt können wir sagen: Wir haben die Grünen verändert.

Mathias Richling gehört seit Jahrzehnten zu den bekanntesten deutschen Kabarettstars
Foto: Marijan Murat, dpa

Historisch betrachtet scheinen die Schwaben gern zur Renitenz zu neigen: Von der Märzrevolution 1848 über die am Kaiserstuhl geborene Anti-Atom-Bewegung bis in die der Gegenwart, wenn man an Stuttgart 21 oder jüngst die in Stuttgart groß gewordene Querdenker-Bewegung denkt. Passt es da zur Mentalität, wenn die Baden-Württemberger sich die aus der Protestbewegung kommenden Grünen als Regierende in die Rathäuser und die Staatskanzlei setzen?

Richling: Es ist für uns sogar eine logische Konsequenz. Wenn eine Regierungsübernahme oder Regierungsbeteiligung nicht Ziel einer Opposition oder einer Protestbewegung wäre, so wäre sie nichts weiter als L’art pour l’art, als Protest um des Protestes wegen. Sie wäre ja nichts weiter als eine Selbstbefriedigung. Meistens ist das in der Geschichte leider auch so. Nur bei uns Schwaben nicht.

"Sehr froh wie Kretschmann mich parodiert, wie ich ihn parodiere"

Ist ein gewisses Wutbürger-Gen im Südwesten verbreitet? Kretschmann hatte neulich für Furore gesorgt, als er sich bei Markus Lanz zum Thema Schulöffnungen in Rage geredet hatte. Stiehlt er Ihnen als Parodist mit solchen Auftritten die Schau?

Richling: Die Show stiehlt er mir ganz gewiss nicht. Im Gegenteil. Ich bin sehr froh, wenn er in anderen Sendungen oder öffentlich mich parodiert, wie ich ihn parodiere.

Sie schlüpfen seit einem Jahrzehnt parodierend in Ihren SWR-Fernsehshows in die Haut von Herrn Kretschmann. Wie sehr haben Sie Ihr Alter Ego dabei kennengelernt?

Mathias Richling als Winfried Kretschmann
Foto: mathias-richling.de

Richling: Sehr. Ich ziehe daraus die Erkenntnis, dass politischer Erfolg oder Macht oder wie immer Sie es nennen mögen selbst in diesem Fall zu erschreckenden Verkehrungen führt. Die Bürgernähe von Winfried Kretschmann ist legendär. Auch sein stetes Bemühen um das Deutlichmachen komplexer Inhalte mit einleuchtenden Beispielen ist legendär. Ich habe immer gesagt, dass Winfried Kretschmann die große Begabung hat, selbst das plausibel und einleuchtend erklären zu können, was er falsch machen muss. Auch wenn die Volksseele kocht. Das hatte für mich vor einiger Zeit jedoch seinen Siedepunkt überschritten, als er seinem CDU-Innenminister Thomas Strobl recht gab, der zu Beginn der Corona-Zeit die Menschen in Baden-Württemberg aufforderte, anonym bei der Polizei diejenigen anzuzeigen, die Abstände oder sonstige Corona-Maßnahmen nicht einhalten würden. Das ist nach Paragraf 241a Strafgesetzbuch eine strafbare Handlung. Kretschmann betonte damals, es wäre keine Denunziation. Man konnte froh sein, dass man nicht durch Verpetzen der Nachbarn angezeigt wurde, wenn man den Feindsender hört. Oh, Pardon, das war ja eine andere Zeit.

Richling findet, dass Corona das Thema Wahlkampf in den Schatten stellt

Es scheint, Sie werden auch in Ihren Programmen immer böser. Liegt das an Ihnen oder an der Politik? Werden Sie eher wütender als altersmilde?

Richling: Wütender, auf jeden Fall wütender. Und es liegt natürlich an der Politik. Und daran, zu sehen, wie wenig aus – manchmal auch notwendigen – Fehlern gelernt wird. Wie dreist man immer noch ist oder wie dreister man wird, obwohl jeder weiß, wie durchschaubar auch Politiker und Politik allein durch Internet und soziale Medien geworden sind. Es reicht das aktuelle Beispiel von der Gier bei den Maskenbestellungen.

Wie erleben Sie den Wahlkampf? Spielen Landesthemen neben Corona überhaupt eine Rolle oder geht es vor allem um die Frage des Ministerpräsidenten, der seinen Wahlslogan „Sie kennen mich“ einfach von der ewigen Kanzlerin Merkel gemopst hat?

Richling: Welchen Wahlkampf? Nein, die Dominanz von Corona, mit der nun wirklich jede einzelne Nachrichtensendung zu jeder Stunde im Hörfunk und zu allen möglichen Sendezeiten im Fernsehen eröffnet wird, hat allein das Wort Wahlkampf schon aus unserem Bewusstsein gestrichen. Vielleicht ist das der einzige positive Nebeneffekt von Corona, dass wir die meist doch leeren, nicht haltbaren und immer gleichen Floskeln eines Wahlkampfes nicht zur Kenntnis nehmen müssen.

Wahlslogan von Angela Merkel gemopst: "Sie kennen mich"
Foto: Christoph Schmidt, dpa

Mathias Richling vermisst Edmund Stoiber zum Parodieren nicht

Kann Sie eigentlich Herr Kretschmann über den Verlust Ihres einstigen kongenialen Parodie-Partners Edmund Stoiber hinwegtrösten?

Richling: Ich habe in den vielen Jahren der „Mathias-Richling-Show“ über 200 verschiedene Prominente karikiert. Da war Edmund Stoiber zwar immer eine willkommene Abwechslung. Aber nachgetrauert habe ich keinem.

Macht der reale Wahnsinn, der nach den Donald-Trump-Jahren die Welt nun mit der Corona-Pandemie und ihren Auswüchsen im Griff hält, den Kabarettisten das Leben schwer, weil sich vieles kaum noch überzeichnen lässt?

Richling: Nein, natürlich nicht. Zumal die Auswüchse ja oft auch erst wahrgenommen werden, wenn sie wörtlich zitiert, aber in einen erhellenden Zusammenhang gestellt werden. Manchmal reicht es sogar ohne den erhellenden Zusammenhang. Oder braucht es den, wenn ich einfach nur wörtlich zitiere, was Frau Merkel antwortete auf die Frage, ob sie die sozialen und psychischen Probleme in dieser Corona-Zeit nicht belasten: Dass sie nämlich manchmal nachts wach würde und über die Dinge nachdenke.

Richling: Künstler empfinden Cornona-Politik als beleidigende Herabsetzung

Auch Sie erleben seit Monaten den Lockdown, abgesehen vom Fernsehen, als faktisches Auftrittsverbot. Hat die Politik Kunst und Kultur trotz ihrer Versprechen im Stich gelassen?

Richling: Selbstverständlich. Das fängt schon damit an, dass mein Ministerpräsident Kretschmann neulich auf die Frage nach Theater- und Konzertverboten sagte, man müsse jetzt eben mal auf Freizeitbeschäftigungen verzichten. Kunst und Kultur sind also eine Freizeitbeschäftigung? Das haben alle Operndirektoren, Schauspieler, Sänger, Tänzer, Choreografen, Kabarettisten und so weiter zu Recht schon als beleidigende Herabsetzung empfunden. Dazu kommt, dass in der Reihenfolge der Erwähnten, wenn es um Lockerungen oder Erleichterungen geht, die Theater und Konzertveranstalter die letzten sind.

Wie beurteilen Sie dabei die Rolle der Medien in der Pandemie?

Richling: Es war auffällig, dass mit Beginn der Krise alle Nachrichten und alle Talkshows voll waren mit dem Bestätigen der Regierungsmaßnahmen. Man hatte stets das Gefühl, es werden meistens Menschen gefragt, die mehr und mehr und mehr Lockdown wollen. Und man hatte das unbedingte Gefühl, dass es eine freiwillige, vielleicht auch logische Vereinbarung zwischen Regierung und Medien gibt, dass man die Entscheidungen der Regierung möglichst nicht infrage stellt im Katastrophenfall. Und den haben wir ja hier. Man muss natürlich zugeben, dass das auch Sinn machen würde: Stellen Sie sich vor, wir wären im Krieg und die Regierung beschließt, wir fallen ein in Moskau – da kann die Presse nicht sagen: Paris wäre uns aber lieber gewesen.

Wann hoffen Sie wieder Bühnenbretter vor Publikum unter den Füßen zu haben?

Richling: Fragen Sie Frau Merkel. Aber erwarten Sie keine Antwort.


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