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Ist Deniz Yücel ein "antideutscher Hassprediger"?

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Kommentar Von Michael Stifter
23.02.2018

Die AfD wollte Artikel des Journalisten Deniz Yücel offiziell vom Bundestag missbilligen lassen. Was hinter der Wut steckt und warum die Rechtspopulisten falsch liegen.

Über Deniz Yücel kann man sich streiten. Viele seiner Texte zielen sogar darauf ab, dass die Leser sich aufregen. Dass sie diskutieren. Seit der Journalist nach einem Jahr Haft aus einem Gefängnis in Istanbul entlassen wurde, gibt es einen neuen Streit um ihn – losgetreten von der AfD, die Yücel „extremen Deutschland- und Deutschenhass“ vorwirft. Fraktionschefin Alice Weidel kommentierte Medienberichte über seine Freilassung ebenso kurz wie merkwürdig: „Fakenews: Yücel ist weder Journalist noch Deutscher.“ Das ist Unsinn. Erstens wurde der Mann in der hessischen Provinz geboren und hat nicht nur einen türkischen, sondern auch einen deutschen Pass. Zweitens arbeitet er seit vielen Jahren als Redakteur und Korrespondent für verschiedene Medien.

Die Rechtspopulisten wollten sogar den Bundestag dazu bringen, Artikel des Journalisten offiziell zu missbilligen. FDP-Vize Wolfgang Kubicki nannte diesen Antrag in der hitzigen Parlamentsdebatte am Donnerstagabend „intellektuell erbärmlich“, der Grünen-Politiker Cem Özdemir erklärte den Kollegen von der AfD sicherheitshalber: „In der Bundesrepublik Deutschland gibt es keine Gleichschaltung, von der Sie nachts träumen, bei uns gibt es Pressefreiheit.“

Grund für den Zorn der AfD ist eine Kolumne aus dem Jahr 2011

Der Antrag scheiterte klar. Nicht einmal alle AfD-Abgeordneten stimmten dafür. Doch die Vorwürfe gegen Yücel bleiben. Was steckt also dahinter? Anlass für die Wut auf den Autor sind Artikel, die er in der Tageszeitung taz veröffentlicht hat. In einer Kolumne bezog er sich 2011 auf das umstrittene Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin.

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Sein Text beginnt so: „Endlich! Super! Wunderbar! Was im vergangenen Jahr noch als Gerücht die Runde machte, ist nun wissenschaftlich (so mit Zahlen und Daten) und amtlich (so mit Stempel und Siegel) erwiesen: Deutschland schafft sich ab!“ Es folgt eine überspitzte und polemische Abrechnung mit seinem Geburtsland, in der Sätze fallen wie dieser: „Der baldige Abgang der Deutschen aber ist Völkersterben von seiner schönsten Seite.“

Satire oder nicht? Auf jeden Fall eine schwere Provokation

Yücels Gegner werfen ihm Geschmacklosigkeit und Grenzüberschreitung vor. Andere weisen darauf hin, dass die Kolumne ganz offensichtlich als Satire gedacht war. Beide haben recht. Ohne Zweifel hat es der Autor mit seiner Lust an der Provokation übertrieben. Allerdings lässt sich durchaus erkennen, dass seine Worte nicht ganz so ernst gemeint waren.

AfD-Fraktionschefin Alice Weidel bestreitet, dass Yücel Deutscher ist.
Bild: Wolfgang Kumm, dpa

Es ist nicht das einzige Mal, dass Yücel sich im Ton vergriffen hat. Ihn deshalb pauschal als „antideutschen Hassprediger“ zu bezeichnen, ist trotzdem falsch. Die AfD tut damit genau das, was sie anderen so gerne vorwirft: Sie reißt Passagen aus Yücels Texten aus dem Zusammenhang, um ihn damit in Misskredit zu bringen. Dazu passt, dass die Partei das Gerücht verbreitet hat, der Reporter sei auf Kosten des Steuerzahlers aus der Türkei ausgeflogen worden. In Wahrheit hat Die Welt – also Yücels Arbeitgeber – das Flugzeug gechartert. Auch die Behauptung, der 44-Jährige sei bevorzugt behandelt worden, geht ins Leere. Deutsche Politiker haben mit allen diplomatischen Mitteln für seine Freiheit gekämpft. Aber das haben sie eben auch für die Ulmer Journalistin Mesale Tolu und den Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner getan, die ebenfalls in der Türkei hinter Gittern saßen.

Die Bundesregierung hat sich eben nicht nur für Yücel eingesetzt

Die Stimmungsmache gegen Yücel geht inzwischen so weit, dass sogar die Frage im Raum steht, warum sich Deutschland überhaupt „für so einen“ eingesetzt hat. Spätestens hier ist der Punkt erreicht, an dem es keine zwei Meinungen mehr geben kann. Wenn ein deutscher Staatsbürger im Ausland weggesperrt wird, nur weil er dort die Regierung kritisiert hat, kann und darf die Bundesregierung das nicht hinnehmen. Erst recht dann nicht, wenn er ein Jahr in Untersuchungshaft sitzt, ohne je zu erfahren, was ihm vorgeworfen wird. Hier geht es um Menschenrechte, um freie Meinungsäußerung, um Gerechtigkeit. Dabei darf es keine Rolle spielen, ob Yücel irgendwann einmal Artikel geschrieben hat, die man mit guten Gründen als abstoßend empfinden kann.

Auch die AfD scheint langsam zur Besinnung zu kommen. Zumindest offiziell begrüßte ihre Bundestagsfraktion in ihrem Antrag die „Freilassung von Deniz Yücel aus politischer Willkürhaft“. Ihr Ziel haben die Populisten aber ja schon erreicht: Eine völlig überhitzte Debatte um einen unliebsamen deutschen Journalisten. Ja, Frau Weidel: Yücel ist Journalist. Und er ist Deutscher.

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Die Diskussion ist geschlossen.

25.02.2018

„Der baldige Abgang der Deutschen aber ist Völkersterben von seiner schönsten Seite.“

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Man stelle sich vor, dieser Satz wird über Türken oder die Kurden geäußert; da wäre was los...

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Satire oder nicht? Auf jeden Fall eine schwere Provokation

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Wir wissen in Deutschland nicht genau, was Herr Yücel alles in türkischer Sprache geschrieben oder gesagt hat. Er wird seinem Stil treu bleiben und nicht zwischen seinen 2 Pässen hin und her wechseln.

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Dieser nicht von ihm stammende aber rezitierte Türken/Kurden Witz könnte einen v.a. bei anderen Kombinationen auch in Deutschland wegen Volksverhetzung vor Gericht bringen.

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http://www.huffingtonpost.de/2017/02/28/deniz-yuecel-tuerkei_n_15066234.html

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"Ein Türke und ein Kurde werden zum Tode verurteilt. Was ist dein letzter Wunsch?, wird der Kurde vor Vollstreckung gefragt. Er überlegt kurz und sagt dann: Ich liebe meine Mutter sehr. Bevor ich aus dieser Welt scheide, möchte ich noch einmal meine Mutter sehen. Dann darf der Türke seinen letzten Wunsch äußern. Ohne zu zögern antwortet er: Der Kurde soll seine Mutter nicht sehen."

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Der Türke kommt da verallgemeinert schon sehr schlecht weg. Warum der Deutsche Yücel das so unwidersprochen tun darf kann ich nicht nachvollziehen.

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25.02.2018

"Warum der Deutsche Yücel das so unwidersprochen tun darf kann ich nicht nachvollziehen."

Ist ja auch verständlich, denn das Problem liegt wohl daran, dass Sie es nicht nachvollziehen können.

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24.02.2018

Vor seiner Inhfatierung kannt den doch (edit/ Bitte bleiben Sie sachlich) kein Mensch. Er versucht noch ein wenig Kapital aus seiner Inhaftierung zu schlagen - und dann ... ist er wieder Journalist # 23432

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24.02.2018

Ja, seine wiederlichen Aussagen über Deutschland waren doch vielen bekannt.

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23.02.2018

Über daß was der feine Herr Yücel über Deutschland und Herrn Sarazin von sich gegeben hat, wird wann schon noch diskutieren dürfen, ebenso über die deutsch Türken die ihrem Volk den Diktator beschert haben. Da muß man der AfD wohl das Recht einräumen, das darüber gesprochen wird. Hätte diese Äußerung ein AfDler über die Türkei gesagt, wäre der Teufel losgewesen.

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23.02.2018

Komisch. Bei Björn Höckes Rede hat keiner irgendwie auf den genauen Wortlaut gehört.

Der hatte in einer Rede das Holocaust-Mahnmal in Berlin infrage gestellt. ARD und ZDF suggerierten anschließend in ungezählten Berichten, Kommentaren und sonstigen Beiträgen, Höcke habe das Mahnmal als Schande für Deutschland bezeichnet und nicht den Holocaust.

Das war eine bewusste Verdrehung der ganzen Medien und keiner hat interveniert!

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23.02.2018

Wer sich Höckes Rede anhört, erkennt sofort, dass er das Denkmal und den Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte als "Schande" bezeichnet. Höcke ist ein Brunnenvergifter und was sind Sie?

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23.02.2018

Das war eine bewusste Verdrehung der ganzen Medien und keiner hat interveniert!

Von wegen - der wurde genau richtig interpretiert . . .

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23.02.2018

Mit ihrem sinnlosen Antrag im Bundestag haben sich Gauland und Weidel sauber blamiert. Die Redner der anderen Parteien (v.a, Kubicki und Özdemir) haben die AfDler regelrecht vorgeführt. Vielleicht lernen die Rechten daraus. Jedenfalls werden sie in Zukunft vorsichtiger sein.

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23.02.2018

Von "Özdemir " vorgeführt? Seine augenzwingernde und kopfnickende Zappelei sah ich wie überall geschrieben wirklich nur als Abrechnung.

Gerne erinnere ich mich an sein Gesicht nach der Wahl und besser noch beim Platzen von Jamaika. :-)

Ist halt nichts geworden mit Minister und so. Was bin ich froh!

Und ob sich ein Özdemir oder die Regierung für einen "Gustav Müller" den er als Beispiel nennt genauso einsetzt, dass gleich der AM Gabriel dort herum schwirrt bezweifle ich stark. Das kann glauben wer will.

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