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Journalismus
15.09.2020

"Bild"-Berichte im Fall Solingen: Springer-Chef Döpfner räumt Fehler ein

Die Berichterstattung der "Bild" über den Fall Solingen hat Kritik ausgelöst. Springer-Chef Döpfner spricht nun von einem Fehler - während "Bild"-Chef Reichelt die Berichte verteidigt.
Foto: Roberto Pfeil, dpa

Springer-Chef Mathias Döpfner nennt die Berichterstattung der "Bild" über den Fall Solingen einen Fehler. Ein Rüffel für seinen Angestellten, den "Bild"-Chef Julian Reichelt.

Man kann es als Rüffel von oberster Stelle sehen, ein Appell an die eigene Branche war es in jedem Fall: Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer SE, Mathias Döpfner, streifte am Dienstag gleich zum Auftakt des Jahreskongresses des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) auch die Berichterstattung seines eigenen Blattes Bild über Solingen. Dort soll eine 27-Jährige Anfang September fünf ihrer sechs Kinder getötet haben. Die Bild veröffentlichte unter anderem WhatsApp-Nachrichten, die der überlebende elfjährige Sohn nach dem Tod der Geschwister mit einem zwölfjährigen Freund austauschte.

Der Bild droht eine öffentliche Rüge vom Presserat

Daran gab es scharfe Kritik, auch von Journalisten und Medienforschern – bis hin zum Aufruf, die Bild zu boykottieren. Nach Informationen unserer Redaktion wird das Selbstkontrollorgan Deutscher Presserat noch in dieser Woche über die Einleitung eines Verfahrens gegen die Bild entscheiden. Ihr droht eine öffentliche Rüge. Beim Presserat waren mehr als 160 Beschwerden eingegangen. Er prüfte in den vergangenen Tagen, welche Verstöße gegen den Pressekodex vorliegen könnten, unter anderem, ob die Veröffentlichung das Ansehen der Presse beschädigt haben könnte. Bild-Chefredakteur Julian Reichelt hatte die Art der Berichterstattung verteidigt: Auch die Polizei habe aus Chats zitiert.

Mathias Döpfner: "Wir haben Fehler gemacht bei Axel Springer"

Mathias Döpfner widersprach seinem Angestellten nun öffentlich und unmissverständlich:"Wir haben Fehler gemacht bei Axel Springer", sagte er. "Wir haben den Schutz von Minderjährigen in diesem Fall eindeutig missachtet." Döpfner wies zugleich darauf hin, dass der vielkritisierte Artikel schnell zurückgezogen worden sei. Man habe intern viel und sehr kritisch über ihn diskutiert. "Wir wollen und wir müssen das in Zukunft besser machen." Vielleicht, so Döpfner, könne dieser Fall Anlass für eine breite Debatte sein. Auf Nachfrage von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz, der gemeinsam mit Unternehmerin Tijen Onaran als Moderator durch das Kongress-Programm führte, sprach Döpfner zudem von einer "heilsamen Lernerfahrung", die der Fall sein könne. Jeder Journalist müsse sich dem eigenen Gewissen stellen.

Mathias Döpfner ist Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE.
Foto: Bernd von Jutrczenka, dpa

Damit sprach er auch ein Wort an, das, so Schmitz, "schön daherkommt, aber viele Debatten auslöst": "Haltungsjournalismus". Ein Wort, das Rechtspopulisten als Schimpfwort verwenden – indem sie Journalisten unterstellen, diese seien Aktivisten und verfolgten eine "linke" Agenda. Über die Frage, ob Journalismus Haltung braucht, diskutierten am Dienstag Judith Wittwer, Ko-Chefredakteurin der Süddeutschen Zeitung, und Philipp Oehmke, USA-Korrespondent des Nachrichtenmagazins Der Spiegel in New York, mit Schmitz. Oehmke gab zu bedenken, dass Neutralität als Forderung an den Journalismus problematisch sei, wenn damit gemeint sei, allen Positionen eine gleiche Wertigkeit zuzusprechen. Wittwer, die aus Zürich stammt, ergänzte mit Blick auf die Geschichte der Schweiz: Der Begriff sei dehnbar, sehr oft sei Neutralität missbraucht worden. Auch für den Journalismus gelte: "Eine absolute Neutralität im Journalismus ist eine Illusion."

Die entscheidende Grenze zwischen Haltung und Aktivismus

Wo aber verläuft die Grenze? Für Mathias Döpfner ist das klar: Medien müssten "Zeitzeugen der Realität" sein, "nicht Missionare eines bestimmten Weltbildes", sagte er. Wenn Journalisten von Aktivisten nicht mehr zu unterscheiden seien, "dann können wir einpacken". Gesinnungsjournalismus in welcher Form auch immer sei falsch, sagte auch Philipp Oehmke.

Aufgabe von Journalisten sei es, mit Mediennutzern ins Gespräch zu kommen, meinte Judith Wittwer. Hierfür sei zum Beispiel ein Streitgespräch mit einem Corona-Kritiker die geeignete Form. "Wir sollten nicht einfach Plattformen bieten, sondern wir sollten inhaltlich uns mit den Positionen auseinandersetzen, gerade wenn es um extremere Positionen geht, die vielleicht auch Falschaussagen beinhalten könnten". Aufgabe von Journalisten sei es nicht, in den Empörungswettbewerb sozialer Medien einzusteigen, so Wittwer. Auch das eine Frage der Haltung – der Haltung seriöser, verantwortungsvoll berichtender Journalisten.

Lesen Sie dazu auch: Über 160 Beschwerden gegen Solingen-Berichte der "Bild"

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