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Krisen

19.09.2019

Kaschmir: Einer der gefährlichsten Konflikte der Welt

Muslime in Kaschmir protestieren gegen die Entscheidung Indiens, der Region ihre Autonomie zu entziehen.
Bild: Mukhtar Khan, dpa

Die Kaschmir-Region war bereits Kriegsschauplatz zwischen Indien und Pakistan. Zwei Nuklearmächte stehen sich gegenüber, doch die Welt beachtet die Situation kaum.

Im Sommer verwandelte sich die Region Kaschmir in ein gewaltiges Gefangenenlager. Sieben Millionen Menschen wurden unter Hausarrest gestellt, kein Internet, kein Telefon. Es herrschte Nachrichtensperre. Über eine halbe Million indische Soldaten sind in dem Grenzgebiet zwischen den Atommächten Indien, Pakistan und China stationiert. Nicht in Syrien, nicht im Jemen, nicht in der Ukraine – in Kaschmir spielt sich derzeit einer der gefährlichsten Konflikte der Welt ab. Ein Konflikt, der auf die Teilung des Subkontinents 1947 zurückzuführen ist. Fünf Kriege wurden seither um die Region geführt, vier zwischen Pakistan und Indien, einer zwischen Indien und China. Seit die indische Regierung dem von ihr kontrollierten Bundesstaat Jammu und Kaschmir seinen Sonderstatus entzogen hat, kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen indischen Sicherheitskräften und der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung. Warum also ist Kaschmir immer wieder Schauplatz der indisch-pakistanischen Feindschaft?

Der erste Kaschmir-Krieg liegt lange zurück

Als die Briten den riesigen Subkontinent 1947 verließen, teilten sie das frühere Kronjuwel ihres Kolonialreichs entzwei. Im Norden sollten die Muslime leben, im Süden Hindus. Die Geburtsstunde der modernen Staaten Indien und Pakistan. Doch weil in beiden Staaten auch Millionen Andersgläubige lebten, kam es zu brutalen Vertreibungen, Vergewaltigungen und Massakern. Bis zu eine Million Menschen sollen den Tod gefunden haben, mehr als 20 Millionen verloren ihre Heimat. In Kaschmir spekulierte der dortige Herrscher zu dieser Zeit auf einen eigenen, unabhängigen Staat – musste diesen Plan jedoch rasch aufgeben. Letztlich schloss er sich Indien an, was Pakistan nicht akzeptierte. Im Herbst 1947 brach der erste Krieg aus, 1999 der letzte.

Heute ist die Region aufgeteilt in einen indischen Süden, einen pakistanischen Norden und einen östlichen Zipfel, der zu China gehört. Der indische Bundesstaat heißt offiziell „Jammu und Kaschmir“. Es ist der einzige Bundesstaat Indiens, in dem Muslime die Bevölkerungsmehrheit stellen. Das passt vor allem einem Mann nicht: Narendra Modi, Hindu-Nationalist und indischer Premierminister. Vor kurzem hat seine zweite Amtszeit begonnen, in seiner ersten verfolgte er ein nationalistisches, in Teilen rassistisches Programm. Gegen Kritiker seiner populistischen Politik geht Modi rigide vor. Die Wirtschaft wächst zwar, zu dringend benötigten grundlegenden Reformen konnte sich der Premier bisher aber nicht entschließen.

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Modi schwärmt von alten Hindu-Großreichen, betrachtet Muslime meist als Terroristen und verlässt sich auf die „Rashtriya Swayamsevak Sangh“, wenn es um Einschüchterung seiner Gegner geht. Hierbei handelt es sich um eine rechtsextreme paramilitärische Einheit, die 1925 von nationalistischen Hindus nach dem Vorbild von Mussolinis Schwarzhemden gegründet wurde. Der 68-Jährige ist selbst Mitglied. Die Truppe verachtet alles, was nicht hinduistisch ist.

Pakistan und Indien bereiten sich verbal auf den Krieg um Kaschmir vor

Der Premier legte die Zündschnur, die das Pulverfass Kaschmir zur Explosion bringen könnte, am 5. August. An diesem Tag verstieß seine Regierung einseitig gegen die Grundbedingungen des Beitrittsabkommens von 1947. Die garantierten dem neu gegründeten Bundesstaat unter anderem weitgehende Autonomie, eine eigene Verfassung und Flagge. Diesen Sonderstatus hob die Regierung auf. Außerdem machte Modi per Gesetz aus einem Bundesstaat zwei.

Pakistan reagierte empört auf die indischen Pläne und wies den indischen Botschafter in Islamabad aus. Zugleich erklärte es, den bilateralen Handel aussetzen und den „illegalen, einseitigen“ Schritt Indiens vor den UN-Sicherheitsrat bringen zu wollen. Imre Khan, der Premierminister Pakistans, drohte mit der „nachdrücklichsten“ Antwort auf Indiens Politik, zu der Pakistan in der Lage sei. Ein Krieg liege in der Luft, Pakistan sei nicht der Aggressor. Währenddessen befand sich Modi auf Dienstreise in Russland, internationale Kritik am Vorgehen der indischen Regierung in Kaschmir verbat er sich.

In Indien stehen die Menschen zumeist hinter Modis Entscheidung, die er als eine Art Entwicklungshilfe für die Region bezeichnet. Nur eine engere Bindung an Indien könne der Korruption und Gewalt ein Ende setzen und für Wachstum und Wohlstand sorgen, begründete Modi seine Entscheidung. Und tatsächlich: Wegen der strengen Gesetze gegenüber Nichtmuslimen gab es in Kaschmir über Jahre nur wenig wirtschaftliche Entwicklung, hunderttausende Pandits – eine hinduistische Minderheit in Kaschmir – wurden in den neunziger Jahren vertrieben. Sie leben heute in Flüchtlingslagern in der Stadt Jammu, ohne Hilfe von der indischen Regierung, und nähren die nationalistischen Gefühle Indiens. Mit ihnen ging ein Großteil der Wirtschaftskraft. So entstand eine seit 30 Jahren andauernde Spirale aus Gewalt und Gegengewalt. Mehr als 70000 Menschen sollen dabei umgekommen sein.

In Indien gibt es wenig Kritik an Modis Vorgehen in der Region Kaschmir

Die Frage allerdings ist, wie Modi Kaschmir entwickeln will, wenn dort plötzlich hunderttausende Soldaten aufmarschieren und die Bewohner über keine modernen Kommunikationsmittel verfügen. Es ist schwierig festzustellen, was genau in der abgeriegelten Region vor sich geht. Vor allem ausländische Medien, aber auch indische und pakistanische Blogger, berichten von Gewalttaten gegenüber der Zivilbevölkerung, Toten bei Schusswechseln und schlimmen hygienischen Zuständen. Auf Twitter melden sich Aktivisten zu Wort, deren Inhalte kaum zu überprüfen sind. In erster Linie sei Indien für Gewalttaten verantwortlich, was dessen Regierung zurückweist. Die indische Presse äußert sich verhalten zur aktuellen Kaschmir-Krise. Und die Mehrzahl der Kommentatoren ist mit dem Vorgehen Modis prinzipiell einverstanden, von deutlicher Kritik ist nichts zu lesen.

Heute ist der gesamte Subkontinent von einem nationalistischen Fieber ergriffen – nur dass die befallenen Staaten keine militärischen Schwächlinge sind, sondern hochgerüstete Nuklearmächte.

Die Blockade Kaschmirs lockert sich inzwischen. Die Gefahr, dass die Gewalt aus Kaschmir unkontrolliert auf die beiden Nationen Indien und Pakistan übergreift, ist damit aber nicht gebannt. Einen Krieg will wohl keine Seite, denn die beiden Regionalmächte haben viel zu verlieren. Indien würde durch einen Krieg ökonomisch weit zurückgeworfen werden. Der Subkontinent ist so integriert in globale Wertschöpfungsketten und abhängig von Importen, dass einer Eskalation folgende Sanktionen und andere Maßnahmen das Land ebenso wie Pakistan empfindlich schwächen würden. Aufatmen kann die aber Welt nicht: Denn jemand, der die Nuklearmächte Pakistan und Indien bremsen und an den Verhandlungstisch bringen könnte, ist nicht in Sicht.

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