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Katholische Kirche
01.12.2021

Prozess um Finanzskandal: Wie sich die Vatikan-Justiz blamiert

Der Vatikan fuhr beim Kauf einer Luxusimmobilie Millionen-Verluste ein. Jetzt läuft ein Strafprozess, in dem auch der Papst offenbar nicht gut aussieht.
Foto: dpa

Der Prozess um Veruntreuung in Millionenhöhe droht zur Farce zu werden. Das könnte auch dem Papst schaden

Es sei der „komplizierteste Maxi-Prozess, der jemals im Vatikan geführt wurde“, schreibt die römische Tageszeitung Il Messaggero. Und es geht weiter: An diesem Mittwoch wird der Strafprozess im Vatikan gegen Kardinal Angelo Becciu und weitere fünf Angeklagte fortgeführt. Vordergründig geht es um Millionenverluste des Vatikans im Zusammenhang mit Investitionen in Immobilien. Beim Kauf einer Londoner Luxus-Immobilie sollen Mitarbeiter des Papstes Millionen veruntreut haben, Verluste von über 100 Millionen Euro stehen zu Buche. Die Anklage lautet außerdem auf Amtsmissbrauch, Betrug, Erpressung und Geldwäsche.

Flossen Millionen von Spendengelder für die Kirche in dubiose Projekte?

Sechs Monsignori, im Vatikan beschäftigte Laien sind zusammen mit italienischen Geschäftsleuten angeklagt, gegen weitere vier Personen wird ermittelt. Der Hauptvorwurf lautet, die Kirchenmänner hätten das Geld, das Gläubige dem Papst in einer jährlichen Spendenaktion zukommen lassen, zum Fenster hinaus geworfen und sich gegebenenfalls daran bereichert. Der Peterspfennig wird weltweit am 29.Juni angeblich für karitative Zwecke eingesammelt, laut Anklage flossen Millionensummen an zwielichtige Geschäftsleute und dubiose Fonds.

Doch zu diesen inhaltlichen Fragen ist man in der wegen Corona und entsprechenden Abstandsregelungen in die Vatikanischen Museen verlegten Gerichtsaula noch gar nicht vorgedrungen. An den bisherigen vier Verhandlungstagen ging es um prozessrechtliche Fragen, deren Beantwortung in eine Blamage für den Vatikan und Papst Franziskus münden könnten. Franziskus wird immer mehr zum steinernen Gast in einem Verfahren, das dem Vatikan als Beweis für das Bemühen um Transparenz und Rechtsstaatlichkeit dienen soll, bislang aber eher das Gegenteil bewirkt hat. Der Vorsitzende Richter Giuseppe Pignatone, bis 2019 ein bekannter Antimafia-Staatsanwalt in Italien, sprach von einem „sehr komplizierten Prozess“. Die Frage ist nun, ob das Verfahren überhaupt fortgesetzt werden wird. Die Reputation der Vatikanjustiz steht auf dem Spiel.

Um Transparenz scheint man im Vatikan noch immer nicht bemüht zu sein

Zentrum des Verfahrens sind die Aussagen eines Kronzeugen, der fünfmal von den Vatikanermittlern um Strafverfolger Alessandro Diddi vernommen wurde. Monsignor Alberto Perlasca war von 2007 bis 2019 Verwaltungsleiter der ersten Abteilung des Staatssekretariats, der Regierungszentrale des Vatikan, und kontrollierte dort alle Konten-Bewegungen inklusive der Vorgänge um die Londoner Immobilie.

Franziskus hatte angekündigt, als Papst im Vatikan aufzuräumen. Gegen Transparenz in den Geheimkonten des Staatssekretariats mit einem Volumen von rund 1,4 Milliarden Euro hatten sich vor allem Kardinal Becciu und seine Mitarbeiter gewehrt, darunter Perlasca. Nach seiner zweiten Vernehmung behandelten die Ermittler Perlasca nicht mehr als Beschuldigten, sondern als Hauptbelastungszeugen, wohl gegen das Versprechen der Straffreiheit. Die Anwälte der Verteidigung beklagten, bisher nur Ausschnitte aus den 115 Stunden Videomaterial der Vernehmungen Perlascas zur Verfügung gehabt zu haben. Offenbar sollen sensible Informationen nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

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Auch der Ruf des Papstes steht in diesem Prozess auf dem Spiel

Es geht auch um die Rolle des Papsts. Er griff durch Erlasse in den Prozess ein, so änderte er etwa das Prozessrecht im Bezug auf die Anklage von Kardinälen, die zuvor nicht zugelassen war. Auszüge aus einem Vernehmungsprotokoll mit Perlasca legen außerdem nahe, dass die Strafverfolger privat mit dem Papst über das Verfahren sprachen, ohne das der Austausch Eingang in die Gerichtsakten fand.

Die Verteidigung forderte, entweder müsse Franziskus persönlich vernommen werden oder der Prozess müsse eingestellt werden. Die Rolle des Papstes wirft auch insofern Fragen auf, weil der Pontifex im Dezember 2018 einer Besprechung im Vatikan beigewohnt haben soll, in der eine Zahlung von 15 Millionen Euro an den als dubios geltenden, in die Immobiliengeschäfte verwickelten italienischen Geschäftsmann Gianluigi Torzi verabredet wurde. Franziskus, so behaupten Zeugen, habe ein „gerechtes Honorar“ für den Broker gefordert. Der „große Ankläger“ Perlasca (Corriere della Sera) schloss schließlich die Millionen-Verträge mit den Geschäftsmännern ab. Heute lebt er zurückgezogen in seinem Heimatbistum Como.

Franziskus muss sich zudem den Vorwurf gefallen lassen, das Prinzip der Unschuldsvermutung missachtet zu haben, als er Kardinal Becciu, den Substituten im Staatssekretariat im Herbst 2020 schasste und ihn seiner Ämter enthob. Könnten die Richter den Kardinal freisprechen, ohne den Papst zu blamieren? Franziskus war an verfahrensentscheidenden Vorgängen beteiligt und ist gleichzeitig als „Papstkönig“ letzte Instanz. Mit einem modernen Verständnis von Justiz ist das kaum in Einklang zu bringen.

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