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Coronavirus

23.03.2020

Kliniken bereiten sich auf den Corona-Ausnahmezustand vor

In der Notaufnahme im Klinikum Essen werden Stühle mit Wegwerfplanen für Corona-Patienten vorbereitet.
Bild: Marcel Kusch, dpa

Plus Die Anspannung in den Kliniken vor einem Anstieg der Corona-Patientenzahlen wächst. Zu allem Überfluss hat Minister Spahn eine Empörungswelle ausgelöst.

Noch scheinen die Zahlen beherrschbar: Knapp 60 Corona-Patienten behandeln die drei Unikliniken in München. Die Millionenregion um die Landeshauptstadt zählt derzeit die meisten Infizierten in Bayern. Ein Zentrum ist das TU-Klinikum Rechts der Isar. Dort liegen etwas über 30 Patienten, bei denen die Coronavirus-Krankheit Covid-19 mit schweren Symptomen ausgebrochen ist, ein Drittel davon muss auf die Intensivstation. Auch am Uniklinikum Augsburg behandeln die Mediziner Stand Montag 13 Corona-Patienten.

„Die Situation ist im Moment stabil, das Universitätsklinikum Augsburg baut weitere Kapazitäten auf“, beschreibt Sprecherin Ines Lehmann die Lage. Derzeit arbeiten die Mitarbeiter den Pandemieplan ab. „Es wurde eine eigene Covid-19 Intensivstation ausgerüstet und eine zusätzliche Isolierstation etabliert“, sagt Lehmann.

In der Corona-Krise werden Teilzeitbeschäftige in den Kliniken rekrutiert

Derzeit rekrutiert das Großkrankenhaus Teilzeitbeschäftigte, externe Kollegen und Medizinstudenten, um auf die befürchtete große Welle an Corona-Schwerkranken vorbereitet zu sein. Und auch in Augsburg wartet man dringend auf die von Bund und Land angekündigten Lieferungen von Schutzkleidung: „Wir erwarten in den nächsten Tagen und Wochen zusätzliche Lieferungen, die Situation ist angespannt“, sagt Sprecherin Lehmann.


Nur an einer einzigen Front hat sich die Lage der deutschen Kliniken etwas entspannt: Noch am Freitag und übers Wochenende fegte ein gewaltiger Empörungssturm über Gesundheitsminister Jens Spahn durch die deutsche Krankenhauslandschaft. Sein als „Schutzschirm“ für die Klinken angekündigter Gesetzentwurf zur Finanzierung der Notfallversorgung löste nicht nur Entsetzen, sondern Insolvenzängste aus: „Das ist kein Schutzschirm, sondern ein fataler politischer Fehler des Bundesgesundheitsministers“, erklärte selbst der katholische Krankenhausbetreiber der Schwestern vom Göttlichen Erlöser TGE.

Geschäftsführer Rainer Beyer warf Spahn nicht nur vor ein Bürokratiemonster zu schaffen, sondern auch ein „kniefieseligstes, erbsenzählendes Hin- und Hergerrechne als Grundlage für die Institutionen, die es in der größten Krise Deutschlands seit dem zweiten Weltkrieg an der Front medizinisch richten sollen“. Da Kliniken auf Anordnung der Regierung auf planbare Eingriffe verzichten, entgehen ihnen derzeit in der Regel mindestens die Hälfte ihrer bisherigen Einnahmen. In Spahns erstem Entwurf hätte eine Klinik darüber hinaus statt der üblichen 85.000 Euro nur 30.000 für ein zusätzliches intensivmedizinisches Bett mit Beatmung erhalten.

Jens Spahn reagierte auf die massive Empörungswelle

Nach der massiven Empörungswelle änderte der CDU-Minister am Montag seinen Entwurf grundlegend. Der Beschluss des Bundeskabinetts sieht nun 2,8 Milliarden Euro als Ausgleich der Verschiebung planbarer OPs vor. Das neue Gesetz komme nun den Kliniken weit entgegen und sei „jetzt sehr krankenhausfreundlich“, sagt der renommierte Gesundheitsökonom Jürgen Wasem unserer Redaktion. Wer das Gesetz jetzt noch kritisiere, betreibe Fundamentalopposition. Die Probleme der Kliniken lägen ganz woanders und seien schon vor der Corona-Krise bekannt gewesen.

Der Professor für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen hofft deshalb auf weitreichende langfristige Konsequenzen aus der Coronavirus-Krise für die Gesundheitspolitik. Die Debatte, ob es in Deutschland zu viele Krankenhäuser und Überkapazitäten bei den Betten gebe, werde in Zukunft neu geführt werden müssen, sagt Wasem. „Dass die Krise bislang in Bezug auf die Todeszahlen so viel glimpflicher als etwa in Italien verläuft, hängt auch damit zusammen, dass wir deutlich umfangreichere Krankenhauskapazitäten haben“, betont er „Wir müssen als Gesellschaft nach der Krise die Frage erörtern, wie viele Reservekapazitäten wollen wir vorhalten und finanzieren“, betonte er.

Jetzt rächt sich die unzureichende Ausstattung mit Pflegepersonal

Gleiches gelte für die unzureichende Ausstattung der deutschen Krankenhäuser mit Pflegepersonal „Bei der Pflege war auch schon vor Corona klar, dass es Fehlentwicklungen gegeben hat, da haben zu viele Krankenhäuser zu viel Personal eingespart.“ Und zwar vor allem deswegen, um finanziellen Spielraum für Investitionen zu gewinnen: „Denn das ist das Hauptproblem im Krankenhaus: Die Bundesländer kommen ihrer Verpflichtung, die notwendigen Krankenhausinvestitionen zu bezahlen, vollkommen unzureichend nach“, kritisiert Wasem. „Wird die Inflation berücksichtigt, geben die Bundesländer heute halb so viel Geld für Investitionen der Krankenhäuser aus als vor 25 Jahren.“ Ohne eine Änderung dieses Missverhältnis, werde sich die Situation der Krankenhäuser kaum je verbessern.


„Dass die Krankenhäuser aus ökonomischem Druck zu stark Pflegekräfte abgebaut haben, ist schon vor der Krise klar gewesen“, sagt Wasem. Für mehr Pflegepersonal brauche es bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung. „Das alles galt schon vor Corona, aber es gilt jetzt umso mehr“, sagt Wasem. Zur Bewältigung der Krise fordert Wasem eine deutliche Ausweitung der Corona-Tests. „Wir müssten viel offensiver testen und dann die Infizierten isolieren, damit die Ausbreitung verlangsamt wird“, betont er, „da erweist sich ja die Strategie in Südkorea als sehr erfolgreich“. „Wir müssen wegen der Herdenimmunität erreichen, dass 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infiziert werden, ohne dass bis dahin die Krankenhäuser und Arztpraxen zusammenbrechen“, so der Experte.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Corona offenbart Schwächen der Gesundheitspolitik

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