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Warum der Papst nicht bereit ist, die Kirche zu erneuern

Kommentar Von Julius Müller-Meiningen
24.02.2019

Der Anti-Missbrauchs-Gipfel im Vatikan ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer. Den Worten folgen keine Taten. Verantwortlich ist Franziskus höchstpersönlich.

Jesus Christus war vor 2000 Jahren wohl das, was man heute einen spirituellen Freak nennen würde. Er sprach absurd anmutende Mantras wie „Liebet eure Feinde“ oder „Selig sind die Sanftmütigen“. Wie damals beherzigen auch heute die meisten Menschen ganz andere Grundsätze. Über Feinde wird allgemein angenommen, man müsse sie bekämpfen. Und den Ton geben nicht die Sanftmütigen an, sondern diejenigen, die besonders laut sind. Die einfachen Lehren Jesu Christi haben also auch heute viel Potenzial. Die Frage ist, wie viel Potenzial die Gemeinschaft noch hat, die im Namen Jesu seine Lehren in der Welt vertreten will.

Anti-Missbrauchs-Gipfel: Wo ist der reuige Franziskus?

Nach der Rede zu urteilen, die Papst Franziskus am Sonntag zum Abschluss der viertägigen Vatikankonferenz zum Thema sexueller Missbrauch im Klerus hielt, hat die katholische Kirche keine Kraft, sich zu erneuern. Zu Beginn der Tagung war es Franziskus selbst, der „Konkretheit“ forderte. Am Ende lieferte er erneut eine vage Absichtserklärung darüber, wie sich die Kirche beim Schutz von Minderjährigen engagieren will. Und er teilte aus: gegen ideologische Polemiken und journalistische Kritik. Von den sanftmütigen, reuigen Blicken, die auch Franziskus in den vergangenen Tagen erkennen ließ, war am Sonntag keine Spur mehr.

Um Bekenntnisse und Ankündigungen weiter ernst nehmen zu können, ist zu viel passiert in der Kirche. Man muss gar nicht weit in die Vergangenheit und auf die jüngsten Enthüllungen in den USA oder Chile blicken. Allein während des Pontifikats Jorge Bergoglios seit 2013 sollen über 2200 katholische Priester von Bischöfen im Vatikan wegen Missbrauchs angezeigt worden sein. Jeden Tag wird damit durchschnittlich ein Priester im Vatikan gemeldet, dem glaubwürdig Missbrauch vorgeworfen wird. Die Kirche hat das Missbrauchs-Drama nicht im Griff, es ist noch immer in vollem Gange. Das große Dilemma der katholischen Kirche wurde offensichtlich: Wenn der Papst nicht selbst vorangeht, irrt seine Herde umher. Es waren viele sinnvolle Vorschläge auf der Antimissbrauchskonferenz zu hören. Reue und Schuldbekenntnisse der Bischöfe waren zahlreich und glaubwürdig wie selten. Aber die Kluft zwischen den seit Jahren um dieselben Gedanken kreisenden Worten und der konkreten Umsetzung dieser Elemente wurde nun überdeutlich. Anstatt zu beschleunigen und den Kinderschutz wirklich universal effektiv zu gestalten, bremst der Papst höchstpersönlich. Was hindert ihn, endlich konsequent durchzugreifen?

Kulturelle Unterschiede als Feigenblatt

Die zentralistisch geführte Kirche beruft sich bei diesen Gelegenheiten gerne auf die kulturellen Unterschiede, die ein ausgewogenes Vorgehen notwendig machen würden. Während in Afrika und Asien kaum offen über Sexualität oder gar Missbrauch gesprochen werden kann, sind westliche Gesellschaften viel weiter. Das ist richtig. Doch Betroffenen in den jeweiligen Kontinenten hilft man mit dieser Argumentation nicht, im Gegenteil. Das Gebot der Stunde aber wäre: Papst Franziskus müsste endlich konsequent durchgreifen gegen jeden Priester und Bischof, der sich des Missbrauchs oder seiner Vertuschung schuldig macht, und ihn entlassen.

Offenbar will der zu Beginn seines Pontifikats als Revolutionär verklärte Franziskus das nicht. Eine Erklärung dafür dürfte in seiner eigenen Vergangenheit liegen. Als Erzbischof von Buenos Aires lag auch Jorge Bergoglio mehr am Ansehen der Institution als an den Opfern, selbst als Papst ist Franziskus nicht über alle Zweifel erhaben, schützte immer wieder Täter. Null Toleranz, das hieße, sich auch zu den eigenen, ganz persönlichen Fehlern zu bekennen. Dazu ist dieser Papst nicht bereit.

Lesen Sie dazu auch die Reportage: Missbrauchsopfer reagieren erbost auf Abschlussrede des Papstes

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