Newsticker

Bundesregierung erklärt fast ganz Österreich und Italien zu Risikogebieten
  1. Startseite
  2. Politik
  3. Libyen: Die Angst vor 1000 und einer Nacht

Krieg

21.03.2011

Libyen: Die Angst vor 1000 und einer Nacht

Französische Jets starten Richtung Libyen. dpa

In Libyen herrscht Krieg. Doch die USA wollen einen langen Konflikt vermeiden. Eine neue Front könnte Barack Obama seinen Bürgern nicht vermitteln.

Der Mann ist konsequent. Da steht Muammar al-Gaddafi wie nie zuvor mit dem Rücken zur Wand. Aber auch in dieser Lage wird man aus ihm so wenig schlau wie in den 41 Jahren zuvor, in denen der selbst ernannte „König der Könige“ Libyen mit harter Hand regiert hat. Sind das jetzt die letzten rhetorischen Klimmzüge eines Größenwahnsinnigen oder ernst zu nehmende Drohungen eines skrupellosen Machthabers, wenn er ankündigt, das Mittelmeer zu einem „wahren Schlachtfeld“ machen, seine Waffendepots öffnen und Ferienflieger abschießen zu wollen?

Qualmende Stahlgerippe zeugen davon, dass die Operation „Odyssey Dawn“ (so viel wie: Odyssee Morgendämmerung) der westlich-arabischen Koalition begonnen hat. Tote Soldaten liegen neben ausgebrannten Panzern, Truppentransportern und Fahrzeugen mit aufmontierten Geschützen. Französische Kampfflugzeuge haben hier, am Rande der Oppositions-Hauptstadt Bengasi, die Truppen des libyschen Diktators angegriffen. Eine Attacke, die im letzten Moment kommt, nachdem die Gaddafi-Armee seit Tagen die zweitgrößte Stadt des Landes, in der 700 000 Menschen leben, mit Artillerie beschossen und von Flugzeugen aus bombardiert hat. Mindestens 94 Menschen sollen bei Gaddafis versuchtem Sturm auf Bengasi umgekommen sein. Wie viele seiner Soldaten beim heftigen Luftangriff der Koalition gestorben sind, weiß man nicht.

Die Menschen in der Stadt jubeln, als sie hören, dass sie in ihrem Kampf für die Freiheit nicht mehr allein sind. Und dass die internationale Koalition die Gaddafi-Militärs mit Luftangriffen angeblich gestoppt hat. „Die Attacke ist effektiv gewesen“, sagt jedenfalls ein Rebellensprecher. Umgehend machen sich Einheiten der bewaffneten Opposition auf, um flüchtende Gaddafi-Soldaten zu verfolgen. Nun wollen die Aufständischen aus Bengasi versuchen, die Richtung Tripolis liegende Stadt Ajdabiya, 160 Kilometer südlich von Bengasi, wieder einzunehmen.

Es ist Samstagabend, als die ersten französischen und britischen Jets starten und militärische Ziele in der Umgebung von Bengasi, der Stadt Misurata und der Hauptstadt Tripolis angreifen. In der Nacht zu Sonntag schießen Schiffe der US-Marine und der britischen Royal Navy dann mehr als 110 Marschflugkörper ab. Satellitengesteuert zerstören sie Luftabwehrstellungen an der libyschen Küste.

Am Sonntagvormittag folgt eine zweite Angriffswelle, diesmal mit Tarnkappenbombern und Kampfjets. Offenbar mit durchschlagendem Erfolg. „Gaddafis Luftabwehrsystem ist schwer getroffen worden“, sagt ein Sprecher der Koalition. Und US-Generalstabschef Mike Mullen erklärt mit kühler Sachlichkeit: „Die Flugverbotszone ist errichtet.“ Man habe keine Hinweise darauf, dass die libysche Luftwaffe aktiv sei oder Gaddafi, wie befürchtet, einen Einsatz chemischer Waffen vorbereite. Schließlich hat es zuvor Medienberichte gegeben, wonach die westlichen Staaten befürchten, Gaddafi verfüge über Giftgas-Vorräte. Von angeblich zehn Tonnen Senfgas in mehreren Fässern ist die Rede.

Als die Raketen auf die libyschen Regierungstruppen niederprasseln, ist der amerikanische Präsident Barack Obama nicht bei seinen Generälen in Washington, sondern auf Staatsbesuch in Brasilien. Es ist die erste große Lateinamerika-Reise seiner Amtszeit, und eigentlich soll es hier um Bauprojekte gehen und um niedrigere Handelsschranken. Stattdessen steht Obama in der Retorten-Hauptstadt Brasilia am Rednerpult und sagt: „Wir können nicht müßig danebenstehen, wenn ein Tyrann seinem Volk droht, dass es keine Gnade geben wird.“

Neben einer griffigen Begründung für den US-Einsatz ist dem Präsidenten vor allem eine Botschaft an seine Landsleute wichtig: Amerika handelt nicht allein. Fünf Mal in seiner gerade mal dreiminütigen Rede spricht Obama von der „breiten Koalition, die auf die Rufe eines bedrohten Volkes antwortet“. Gezielt spielt er die Rolle der USA bei der Militär-Intervention herunter.

Es sind ungewohnt zurückhaltende Worte, die auch von Außenministerin Hillary Clinton kommen. „Wir führen dies nicht an“, sagt sie in Paris – obwohl der gesamte Einsatz zurzeit tatsächlich unter amerikanischem Kommando steht. Vor allem Clinton hat in der entscheidenden, angeblich hitzigen Sitzung kurz vor der Annahme der Uno-Resolution den eher skeptischen Obama bearbeitet, nicht den gleichen Fehler zu machen wie ihr eigener Mann zur Zeit des Völkermords von Ruanda 1994.

Sichtlich unwohl fühlt sich Obama bei diesem ersten Militäreinsatz, den er nach gut zwei Jahren im Amt selbst zu verantworten hat. Seine Zustimmung für die Luftschläge gegen Gaddafis Luftabwehr knüpft er an Bedingungen. Der Einsatz müsse zeitlich eng begrenzt sein und weit wichtiger noch: Kein US-Soldat solle seine Stiefel in den libyschen Sand setzen müssen. „Ich will, dass das amerikanische Volk versteht, dass der Einsatz von Gewalt nicht unsere erste Wahl war“, sagt Obama.

Nach Irak und Afghanistan nun binnen eines Jahrzehnts eine dritte Front in einem moslemischen Land zu eröffnen, erschreckt das längst kriegsmüde Amerika. Auch Top-Militärs und Verteidigungsminister Robert Gates haben von einem solchen Abenteuer abgeraten. In der letzten Woche war die Zustimmung für den Afghanistan-Einsatz auf den tiefsten Stand seit Beginn des Krieges gefallen. Worum es in Libyen geht, ist vielen Amerikanern auch nicht im Ansatz bewusst. Sechs von zehn US-Bürgern glauben laut jüngsten Umfragen nicht, dass ihr Land eine Verantwortung habe, den Konflikt in Libyen zu stoppen.

Der Stimmung daheim muss Obama ebenso Rechnung tragen wie den Ressentiments gegenüber Amerika in der moslemischen Welt. Heute, nach Afghanistan und Irak, sind die USA noch unpopulärer als Mitte der 80er Jahre, als Ronald Reagan Gaddafi, den „verrückten Hund des Nahen Ostens“, im Alleingang bombardieren ließ, ohne ihn am Ende von der Macht verjagen zu können.

Auch politisch ist Obamas Einsatzbefehl daheim umstritten. Liberale Demokraten sind in Aufruhr. „Alle wurden konsultiert, die Arabische Liga, die Vereinten Nationen, nur der Kongress nicht“, schimpft der Abgeordnete John Larson, die Nummer vier in der Partei Obamas. Konservative wiederum fordern, dass die USA in diesem Konflikt mehr Führungskraft zeigen müssten. Nichts hat sich in Amerika überdies an der Skepsis geändert, was nach den Luftschlägen folgt. „Was passiert als Nächstes?“, fragen Kommentatoren in Zeitungen und im Fernsehen. „Es kann im Zuge der Luftangriffe eine Pattsituation zwischen Gaddafi und den Rebellen entstehen. Was machen wir dann?“, fragt Mark Quarterman vom Zentrum für Strategische Studien in der Washington Post.

Anders als Briten und Franzosen mit ihrer weit schärferen Rhetorik betont Obama, dass es bei den Angriffen auf Landebahnen, Radar und Kommunikationswege um den Schutz der bedrängten Zivilbevölkerung und nicht in erster Linie um einen Regimewechsel in Libyen gehe. Auch dies soll Erwartungen herunterschrauben, der Sturz Gaddafis könne eine Sache von Tagen sein. Da werden in den politischen Zirkeln Washingtons quälende Erinnerungen wach, wie lange es seinerzeit dauerte, trotz Flugverbotszone und Dauerbombardements Serbiens Diktator Slobodan Milosevic von der Macht zu vertreiben.

Gaddafi jedenfalls macht keinerlei Anstalten, einlenken zu wollen. Im Gegenteil: In einer Ansprache im staatlichen Fernsehen, bei der man allerdings nur seine Stimme hört, spricht er von einem Krieg gegen die „Kreuzritter“: „Dies ist nun eine Konfrontation des libyschen Volkes mit Frankreich, Großbritannien und den USA, mit den neuen Nazis.“ Und die Argumente liefert das Fernsehen gleich hinterher. In vier Städten seien zivile Ziele von den Angriffen getroffen worden. Darunter befinde sich auch ein Krankenhaus. Mindestens 64 Menschen seien ums Leben gekommen. US-Generalstabschef Mullen dagegen sagt, er wisse nichts von zivilen Opfern. Zugleich kursieren Oppositionsberichte, wonach Gaddafi Tote aus Leichenschauhäusern zu den Bombenorten bringen lässt, um ein Massaker unter Zivilisten vorzutäuschen. Überprüfen lassen sich solche Angaben nicht.

Die Militäroperation der Koalition stützt sich auf die UN-Resolution 1973, die Libyens Zivilbevölkerung gegen weitere Angriffe schützen und eine Flugverbotszone durchsetzen soll. Als die Truppen des Diktators am Samstag trotz einer versprochenen Waffenruhe ihre Offensiven auf Städte der Opposition fortsetzen, entschließt sich die westlich-arabische Koalition einzugreifen. Wo sich Gaddafi selbst während der Luftangriffe aufhält, die ja auch im Raum Tripolis stattfinden, weiß man nicht. Alles, was man von ihm hört, ist die Tonbotschaft im Staats-TV, bei der Sätze fallen wie: „Wir werden unser Land nicht verlassen, wir werden es befreien.“

Und die Propaganda geht weiter. Mehrere tausend Anhänger, darunter Gaddafis Tochter Aisha, ziehen zu dessen Residenz in Tripolis, um als „menschliche Schutzschilde“ das Machtzentrum des Diktators zu bewahren. Der festungsartige Palast befindet sich in der Bab-al-Azizia-Kaserne, die schon einmal, 1986, von US-Kampfjets angegriffen worden ist. In einem Interview hat Gaddafi erst versichert: „Mein ganzes Volk liebt mich. Meine Landsleute würden sterben, um mich zu beschützen.“ mit afp

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren