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Massaker in den USA
04.08.2019

Bluttat von El Paso: Haben die USA ein Rassismus-Problem?

Soeben sind in dem Einkaufszentrum in El Paso mindestens 20 Menschen erschossen worden. Diese Kunden bringen noch schnell ihre Waren in Sicherheit.
Foto: Mark Lambie/The El Paso Times/AP, dpa

Das Massaker von Texas fällt in eine Zeit, in der das politische Klima in den USA völlig vergiftet ist. Wird der Rassismus dort tatsächlich immer schlimmer?

Für die rund 1000 Kilometer lange Fahrt in die texanische Grenzstadt El Paso benötigt er zehn Stunden. Zeit genug für den 21-Jährigen aus dem blütenweißen Bilderbuch-Vorort von Dallas, seinen teuflischen Plan noch einmal zu überdenken. Doch der junge Mann ist fest entschlossen.

Die Uhrzeit der Überwachungskamera zeigt 10:39:35 an, als er am Samstag früh den gut besuchten Walmart im „Cielo Vista“-Einkaufszentrum über die Abteilung für Autozubehör betritt. El Paso liegt direkt an der mexikanischen Grenze, die Mehrheit der annähernd 700.000 Einwohner sind Latinos. Ob dieser Umstand in seinem Kopf herumschwirrt, als der schmächtige Kerl mit einer automatischen Waffe das Feuer auf die wehrlosen Menschen eröffnet?

Dann: Gewehrfeuer im Stakkato, leblose Körper auf dem Boden, Menschen, die Deckung suchen, Pulverdampf, Schreie und Chaos. Ein Massaker.

„Ich sah ein Baby, das vielleicht sechs bis acht Monate alt war, mit Blut auf seinem Bauch“, erzählt Manuel Uruchurtu, 20, einem Reporter vor Ort. „Es hat geschrien und geschrien. Aber es lebte noch.“

Andere hatten weniger Glück. „Hay no“ ist auf einem Video in Spanisch zu hören, was so viel heißt wie „Oh, nein“. Anschließend fällt ein Schuss.

Als sich der Schütze der Polizei ergibt, hat er mindestens 20 Menschen auf dem Gewissen. Weitere 26 werden mit zum Teil schweren Schussverletzungen in Krankenhäusern behandelt.

Der 21-Jährige hat vor der Tat ein vierseitiges Manifest geschrieben

Nach den Motiven muss die Polizei nicht lange suchen. „Dieser Anschlag ist eine Antwort auf die hispanische Invasion von Texas“, heißt es in einem vier Seiten langen Manifest, das jemand exakt 19 Minuten vor dem ersten Notruf im Internet-Forum „8chan“ gepostet hat. Dabei handelt es sich um dieselbe Plattform, die ein Rechtsterrorist im vergangenen März im neuseeländischen Christchurch nutzte, als er bei Anschlägen auf zwei Moscheen 51 Menschen tötete.

Die Logik des jetzigen Verfassers ist so einfach wie brutal: „Wenn wir genügend Leute loswerden, kann unser Weg zu leben nachhaltiger werden.“ Experten gehen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon aus, dass der mutmaßliche Massenmörder selbst die rassistische Abhandlung unter dem Titel „Eine unbequeme Wahrheit“ verfasst hat.

Darin knüpft er ausdrücklich an das Vorbild aus Neuseeland an. In dem Manifest von El Paso wird die „Übernahme der lokalen und bundesstaatlichen Regierung meines geliebten Texas“ durch Latinos beklagt. „Die starke Präsenz der hispanischen Population in Texas wird uns in eine demokratische Hochburg verwandeln.“ Er meint damit die demokratische Partei als Rivale der Republikaner.

Das soll der mutmaßliche Täter von El Paso sein, gefilmt von einer Überwachungskamera.
Foto: UPI Photo, Imago Images

Analysten erkennen dahinter dieselbe rassistische Verschwörungstheorie, auf die sich weiße Terroristen bei den Anschlägen auf eine schwarze Kirche in Charleston über die Moscheen in Christchurch bis hin zu den Synagogen in Pittsburgh und Poway berufen haben. Sie stammt von dem Franzosen Renaud Camus, der den Eliten in den westlichen Ländern unterstellt, aus Profitstreben heraus die weiße Bevölkerung ersetzen zu wollen. Das steckte auch hinter den Rufen „Juden werden uns nicht ersetzen“, die 2017 bei dem Fackelmarsch weißer Nationalisten durch die Straßen von Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia schallten.

US-Präsident Donald Trump versäumte es damals, sich eindeutig von dem Hass der Demonstranten zu distanzieren. Was ihm ein indirektes Lob des Manifest-Verfassers von El Paso einträgt. Seine Ansichten reichten in die Zeit „vor Trump und seinem Wahlkampf für die Präsidentschaft zurück“, schreibt er. In amerikanischen Medien kursiert ein auf der mutmaßlichen Facebook-Seite des Täters eingestelltes Foto, das neun Waffen zeigt, die auf dem Boden zu dem Wort „TRUMP“ angeordnet sind.

Trump twittert: Gott sei mit euch allen

Der US-Präsident lässt sich im Weißen Haus über die Details des Massakers unterrichten. Es gebe „keinen Grund und keine Ausrede, die jemals das Töten unschuldiger Menschen rechtfertigen könnte“, twittert er. Und dann: „Gott sei mit euch allen.“

Trump spricht mit dem texanischen Gouverneur Gregg Abbott und sichert diesem seine volle Unterstützung zu. Zunächst liegen die Ermittlungen in der Hand der Polizei des Bundesstaats. Mittlerweile jedoch erwägt die Bundespolizei FBI, die Tat als Inlandsterror oder Hassverbrechen zu verfolgen.

Wie sehr die Bedrohung in den USA gestiegen ist, illustriert eine Statistik der Bundespolizei. Demnach kamen seit dem 11. September 2001 mehr Menschen bei Anschlägen einheimischer Terroristen ums Leben als bei den Anschlägen in New York, Washington und Pennsylvania. FBI-Chef Christopher Wray sagte kürzlich dem Kongress, in diesem Jahr seien bereits mehr als 100 Personen wegen des Verdachts auf Vorbereitung einheimischer Terroranschläge festgenommen worden.

„Das Motiv ist Hass“, ist sich auch die neue Kongressabgeordnete von El Paso, Veronika Escobar, sicher. Die Grenzregion mit den beiden ineinander übergehenden Schwesterstädten El Paso (USA) und Juarez Ciudad (Mexiko), in der rund zwei Millionen Menschen leben, sei ein Ort des friedlichen Miteinanders gewesen. „Das war jemand, der von außen in unsere Gemeinde gekommen ist, um uns zu schaden.“

So sehen das viele Einwohner von El Paso, die routiniert vom Spanischen ins Englische wechseln, Familie auf beiden Seiten der Grenze haben und von dem gemeinsamen Handel leben. Bürgermeister Dee Margo erinnert daran, dass seine Stadt als eine der sichersten Kommunen der USA gilt. „So etwas haben wir hier nicht erwartet.“

In den vergangenen Monaten war El Paso als Brennpunkt der Flüchtlingskrise in die Schlagzeilen geraten. Während tausende Asylbewerber aus Honduras, El Salvador und Guatemala über die Grenze kamen, um Schutz vor Drogen- und Ganggewalt zu finden, versuchte die US-Regierung hier ein Exempel zu statuieren.

Im März gingen Bilder von Menschen um die Welt, die US-Beamte tagelang unter der „Paso del Norte“-Grenzbrücke wie Vieh hinter Maschendraht eingepfercht hatten. Nicht minder verstörend waren die Berichte über das Internierungslager im nahen Tornillo, wo die US-Regierung bis Januar 2019 nach eigenen Angaben bis zu 6200 Kinder und Jugendliche festgehalten hatte.

Der aus El Paso stammende Analyst und Bestseller-Autor Richard Parker sagt, das geplante Massaker sei ein Nebenprodukt der Trump-Ära mit ihrer unmenschlichen Flüchtlings- und Einwanderungspolitik. „Diese hat uns Mauern, Internierungslager und Kinder in Käfigen gebracht.“ Er habe lange eine Eskalation der Gewalt befürchtet, sagt Parker. „Die Anfänge dafür liegen beim Präsidenten der Vereinigten Staaten.“

US-Präsident Donald Trump werden nach den tödlichen Schüssen von El Paso heftige Vorwürfe gemacht.
Foto: Carolyn Kaster/AP, dpa

Andere Kritiker weisen auf die Wortwahl hin. So gebrauche Trump regelmäßig das Bild einer „Invasion“ des Landes aus dem Süden. Beto O’Rourke, der Trump im November 2020 herausfordern will und aus El Paso stammt, hält dem US-Präsidenten vor, selber ein Rassist zu sein. „Und er facht den Rassismus in diesem Land an.“

Erst kürzlich hat der Präsident eine Attacke nach der anderen auf vier Politikerinnen der Demokraten abgefeuert und ihnen empfohlen, in ihre vermeintlichen Heimatländer zurückzukehren, wenn es ihnen in den USA nicht gefalle. Alle vier Frauen sind US-Staatsbürgerinnen, drei von ihnen sind in den Vereinigten Staaten geboren. Aber alle sind nicht weiß. Dann wetterte er gegen den schwarzen Abgeordneten Elijah Cummings aus Baltimore und bezeichnete dessen Bezirk als „widerliches, von Ratten und Nagern befallenes Drecksloch“. Zwei Drittel der Einwohner von Baltimore sind Afroamerikaner. Wieder hagelte es Rassismus-Vorwürfe.

O’Rourke stimmt auch in den Chor der Kritiker ein, die der Regierung Untätigkeit beim weitgehend uneingeschränkten Zugang zu Waffen in den USA vorhalten. „Eine Zukunft, in der jedes Jahr 40.000 Menschen ihr Leben durch Waffengewalt verlieren, kann ich nicht akzeptieren.“ Der Walmart-Attentäter benutzt an diesem blutigen Samstag eine automatische AK-47, die wegen ihrer Feuerkraft als Kriegswaffe eingestuft wird.

Wenige Stunden später fallen Schüsse in Ohio

Das Massaker von El Paso ist nur wenige Stunden alt, als es in einem Kneipenviertel in Dayton im US-Bundesstaat Ohio zur nächsten Schießerei kommt, diesmal mit mindestens neun Toten und 27 Verletzten. Auch die Schwester des Schützen soll unter den Toten sein. Sie sei mit 22 Jahren das jüngste Opfer, sagte der leitende Polizist Matt Carper am Sonntag auf einer Pressekonferenz. Die Opfer waren zwischen 22 und 57 Jahre alt. Sechs der Toten waren Afroamerikaner.

Nach Informationen von Reportern vor Ort besteht kein Zusammenhang zu dem mutmaßlichen Rassismus-Akt von El Paso. Bei dem Vorfall im sogenannten „Oregon District“ habe es sich um einen Streit gehandelt, der eskalierte, heißt es. Demnach hat ein Mann mit einer Langwaffe und vielen zusätzlichen Patronenmagazinen, so Bürgermeisterin Nan Whaley, das Feuer eröffnet, weil die Türsteher ihn nicht in eine Bar gelassen hatten. Die Polizei tötete den Schützen.

Ob mutmaßlicher Rechtsterrorismus, psychische Erkrankung oder nackte Aggression – in den USA nimmt das Problem der Waffengewalt nach Ansicht von Experten epidemische Ausmaße an. Allein in diesem Jahr hat das gemeinnützige „Gun Violence Archive“ bereits 249 Angriffe mit Schusswaffen registriert. Dabei ist das Jahr erst 215 Tage alt.

In Verbindung mit einheimischem Terrorismus bekommt der leichte Zugang zu Waffen damit eine ganz neue Dimension. Für die Angehörigen der Opfer machen die Motive der Schützen dagegen kaum einen Unterschied. Für sie bleibt der plötzliche Verlust ihrer Lieben unfassbar.

„Ich möchte den Familien, die trauern, zeigen, dass sie nicht allein sind“, sagt Celina Arias, 44, die mit mehr als 200 Menschen vor der „St. Pius X“-Kirche von El Paso am Abend des Anschlags eine Kerzenwache hält. „Es hätte jeden treffen können.“ Die Frau weiß, wovon sie spricht. Ihr Mann hat gerade draußen am Walmart getankt, als drinnen das Morden begann.

Lesen Sie unseren Kommentar: Auch Trump hat Schuld an den Schießereien in den USA.

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