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Corona-Beschränkungen

15.01.2021

Mobilität, Intensivbetten, Infektionen: Wirkt der Lockdown? Eine Analyse

Maskenpflicht und geschlossene Geschäfte senken die Infektionszahlen bislang nur langsam. Die Sieben-Tages-Inzidenz in Bayern liegt aktuell unter Bundesdurchschnitt.
Foto: Peter Fastl

Plus Trotz Kontaktbeschränkungen, geschlossener Schulen, Geschäfte und Restaurants meldet das Robert-Koch-Institut hohe Neuinfektionen. Gibt es eine Trendwende?

Rein mathematisch lässt es sich leicht ausrechnen, wann ein Lockdown erfolgreich ist: Um 75 Prozent müssten die Bundesbürger ihre Kontakte mit anderen Menschen reduzieren, damit die Neuinfektionskurve kräftig nach unten sinkt. Allerdings lässt sich in der Wirklichkeit nicht live überprüfen oder nachmessen, ob sie das tun.

Das Team des Epidemiologen Dirk Brockmann vom Robert-Koch-Institut setzt deshalb auf ein technisches Hilfsmodell, um der tatsächlichen Entwicklung wenigstens nahezukommen: Aus anonymen Handydaten der Telekom und von des Betreibers O2 werden Bewegungsströme errechnet, wie sich die Bundesbürger zwischen den Funkzellen der Mobilfunkdaten bewegen und mit Vorjahresdaten verglichen. Je weniger Mobilität stattfindet, desto geringer sind die Kontakte, mutmaßen die Wissenschaftler. Und tatsächlich zeigt der Vergleich mit der ersten Pandemiewelle, dass sich daraus ein Rückgang von Kontakten und Ansteckungen ablesen lässt.

Zweiter Lockdown: Bewegungsdaten bestätigen Wirkung an Weihnachten

Zumindest erklären die Bewegungsdaten, warum an Weihnachten und Silvester die befürchtete Explosion der Infektionszahlen ausgeblieben ist. Und wie sich die Bundesbürger an die Corona-Regeln gehalten haben: Um die Weihnachtsfeiertage gab es 50 Prozent weniger Mobilität, zum Jahreswechsel 40 Prozent. Das ist fast so viel, wie auf dem Lockdown-Höhepunkt der erfolgreich bezwungenen ersten Welle. Doch zum Ende der Weihnachtsferien war die Mobilität der Deutschen trotz geschlossener Schulen nur noch zwischen zehn und 20 Prozent unter den Normalwerten. Ein Grund, warum die Politik auf deutlich mehr Homeoffice und auch weniger Wochenendausflüge setzt.

„An allen Stellschrauben, die Kontakte reduzieren, müssen wir noch stärker drehen“, sagt RKI-Forscher Brockmann. Die Mobilität sinke nur langsam „Das hängt auch viel mit Pandemiemüdigkeit zusammen“, erklärt er. Doch die Kontakte müssten sinken: „Eines ist klar, das Impfen hilft uns nicht, auf diesem Niveau rauskommen, wo jeden Tag mindestens 1000 Menschen sterben.“ Der Lockdown müsse massiver und effektiver werden, damit die Zahlen schnell heruntergehen.

 

Bund und Länder haben das Ziel ausgegeben mit dem Lockdown auf eine Sieben-Tages-Inzidenz von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Bürger zu kommen. Eine Allianz von Wissenschaftlern um die Max-Planck-Forscherin Viola Priesemann fordert gar den Wert 25, damit die Gesundheitsämter selbst einen Ausbruch der britischen Coronavirus-Mutation B117 unter Kontrolle halten könnten.

Zahl der Corona-Neuinfektionen: Das Winterwetter verschärft die Lage

Andere Wissenschaftler, wie der Bonner Virologe Henrik Streeck nannte eine Absenkung der Infektionen zwar wünschenswert. Aber solange der Winter andauere, hakte er es für fast unmöglich, die Zahlen deutlich zu senken. Tatsächlich meldet RKI-Chef Lothar Wieler derzeit deutschlandweit eine Sieben-Tages-Inzidenz von über 150.

Erschwert wird die Lage dadurch, dass Corona sich wie Erkältungsviren in der kalten Jahreszeit besonders leicht verbreitet, zumal die Menschen sich mehr in geschlossenen Räumen aufhalten. Allerdings liegt im kalten europäischen Pandemie-Musterland Finnland der Inzidenzwert nur bei etwas über dreißig, in Norwegen stieg die Zahl dagegen seit Winter über achtzig.

 

Neben der Mobilität und dem jahreszeitlichen Wetter ist eine weitere Unbekannte in der Lockdown-Rechnung die Virus-Mutation B117. Die sogenannte britische Virusvariante wurde entdeckt, als in Südostengland die Infektionen nach oben schossen. In Dänemark wurden bereits 208 Fälle der Mutation nachgewiesen. Nach Großbritannien testet das Land am meisten auf Mutationen und wertet mehr als jede zehnte Positivprobe aus. In Deutschland wurden bislang erst acht Fälle von Mutationen bei Großbritannien-Reisenden bestätigt.

In Dänemark schoss die Infektionskurve binnen drei Wochen auf einen Inzidenzwert von 427 nach oben. Allerdings stürzte die Zahl in einem kaum strengeren Lockdown als in Deutschland in fast der gleichen Zeit wieder nach unten. In Deutschland bewegt sie die Infektionskurve dagegen mehr oder weniger seitwärts. Allerdings gibt es dabei deutliche regionale Unterschiede: Im alten Bundesgebiet sinken die Neuinfektionszahlen langsam, im Osten steigen sie teilweise weiter: In Thüringen sogar noch immer. Bayern, Spitzenreiter der ersten Welle, liegt seit Jahresanfang erstmals knapp unter dem Bundesdurchschnitt.

Die Zahlen der Covid-19-Intensivpatienten deuten auf eine Trendwende

Verzerrt wurden die Zahlen dadurch, dass sich kurz vor Familienfeiern an Weihnachten bundesweit sehr viele Menschen testen ließen und dadurch auch mehr Infektionen entdeckt wurden. Zwischen den Jahren wurde angesichts geschlossener Labore dann wieder sehr wenig getestet. Unabhängig davon zeigt allerdings die Grafikkurve der Corona-Intensivpatienten, dass das Pandemiegeschehen im Lockdown tatsächlich etwas zurückgeht. Allerdings verbirgt sich hinter dem Rückgang auch eine sehr tragische Entwicklung: Mit über 30 Prozent ist die Todesrate unter Coronapatienten derzeit so hoch wie nie.

 

Und was ist mit dem Verhalten der Menschen? Das Bundesamt für Risikobewertung lässt seit März die Bundesbürger alle zwei Wochen repräsentativ vom Meinungsforschungsinstitut Kantar befragen: Demnach halten sich trotz Corona-Müdigkeit mit 87 Prozent so viele wie nie an die Kontaktbeschränkungen und treffen privat weniger Bekannte und Verwandte. Auch die Einhaltung der Maskenpflicht und Abstandsgebote liegt auf Rekordwerten. 93 Prozent erklären, sich an die staatlichen Anordnungen zu halten – mehr als im ersten Lockdown. Auch wenn nur jeder zweite Ausgangssperren für richtig findet, ist die Zustimmung zu den Maßnahmen insgesamt sehr hoch.

Nur knapp jeder Vierte ist um seine Gesundheit beunruhigt: Drei Viertel der Bundesbürger glauben, dass sie sich sicher oder ausreichend selbst vor Corona schützen können.

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