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Italien

03.05.2019

Neofaschisten in Italien fühlen sich durch die Regierung bestärkt

Faschisten huldigen alljährlich Dikator Benito Mussolini an seinem Todestag vor der Krypta in dessen Heimatort Predappio in der Emilia-Romagna.
Bild: Venturini, Imago Images

Seit in Rom die Rechtspopulisten mitregieren, treten die italienischen Neofaschisten immer unverhohlener auf und lassen ihren Feindseligkeiten freien Lauf.

Die Szene ist gespenstisch und sollte es wohl auch sein. Es ist Nacht, eine Stimme brüllt „Camerata Sergio Ramelli“. Hunderte Männer strecken wie ferngesteuert gleichzeitig ihren rechten Arm nach oben und brüllen gemeinsam „presente!“, präsent. Ihre lauten, blechernen Stimmen hallen durch die Nacht. Dreimal wiederholen sie das Ritual. Ein Teilnehmer hält eine italienische Flagge in der Hand. Dann drehen sich die Männer um und bewegen sich langsam davon, als sei nichts gewesen.

Sergio Ramelli war ein italienischer Neofaschist, der 1975 von Linksextremisten in Mailand tödlich verletzt wurde und Tage später starb. In Andenken an ihren „Kameraden“ versammelten sich vergangenen Dienstag Mailänder Neofaschisten zu ihrer Zeremonie. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Doch in Italien handelt es sich bei den Aufmärschen nicht mehr um ein außergewöhnliches Ereignis.

Anders als in Deutschland ist der Faschismus in Italien seit jeher weniger tabuisiert und analysiert. In Rom beispielsweise sind oft Hakenkreuz-Schmierereien oder antisemitische Parolen auf Hauswänden zu sehen. In den vergangenen Wochen ist allerdings eine Häufung von Versammlungen und Machtdemonstrationen der Ultrarechten im Land auszumachen. Politischen Beobachtern zufolge begünstigt das von der rechten Lega geprägte politische Klima im Land eine Renaissance des Neofaschismus in Italien.

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Bietet die Politik der Lega den Neofaschisten eine Bühne?

Nur eine knappe Woche zuvor leisteten sich als Fußballfans verkappte Nostalgiker eine schwere Provokation. Am Vorabend des 25. April, der in Italien als Jahrestag der Befreiung von der Naziherrschaft gefeiert wird, stellten sich etwa 60 italienische Neonazis mit einem Spruchband in unmittelbarer Nähe der Mailänder Piazzale Loreto auf, wo die Leiche des faschistischen Diktators Benito Mussolini 1945 von Partisanen mit den Füßen nach oben aufgehängt worden war.

Die für rechtsradikale Aktionen bekannten Ultras von Lazio Rom, die für ein Pokalspiel nach Mailand gereist waren, hielten zusammen mit Fans von Inter Mailand ein Spruchband in den Händen mit der Aufschrift „Ehre für Benito Mussolini“. Es folgten Sprechchöre und faschistische Grüße, am Nachmittag mitten im Zentrum von Mailand.

Am folgenden Tag schrieb der Mailänder Corriere della Sera, der ein Foto der Aktion auf seiner Titelseite brachte: „Es ist der Zusammenhang, in den sich diese Aktion einfügt, die Sorgen bereitet.“ Der Nazi-Aufmarsch sei nach „zahlreichen Versuchen der Legitimation des Faschismus“ geschehen, die vor einiger Zeit noch undenkbar waren, aber inzwischen sogar „toleriert und als ,normal’ angesehen“ würden.

Die linke Tageszeitung Repubblica machte direkt Innenminister Matteo Salvini und dessen rechte Lega als Wegbereiter aus. „Salvinis Populismus des Hasses bietet diesen neofaschistischen Gruppen eine Bühne“, schrieb das Blatt. Es sei derzeit „ein besonders günstiger Moment“ für die Extremisten. Die Staatsanwaltschaft Mailand ermittelt, gegen neun Tifosi wurde ein Stadionverbot verhängt.

Innenminister Salvini sorgt für Diskussionen

Der Innenminister selbst sorgte dann am 25. April, dem „Tag der Befreiung“ vom Faschismus für Diskussionen, weil er anstatt eine Gedenkveranstaltung zu besuchen ein neues Polizeirevier in dem früher als Mafiahochburg berüchtigten sizilianischen Dorf Corleone einweihte. Das „Derby zwischen Antifaschisten und Faschisten“ langweile ihn, behauptete Salvini. Italienische Neonazigruppen wie Casa Pound oder Forza Nuova lobten diese Haltung. In mehreren Orten Italiens beschmierten Neonazis am 25. April Wände mit Hakenkreuzen und faschistischen Parolen. In Erinnerung sind auch die kürzlich erfolgten Versuche von Casa Pound, eine Revolte von Einwohnern des römischen Problemviertels Torre Maura gegen die Präsenz von Sinti und Roma politisch zu befeuern.

Schließlich gab es auch am Jahrestag des Todes von Mussolini am 28. April Aufregung. Wie jedes Jahr feierten auch diesmal hunderte Nostalgiker den faschistischen Diktator in seinem Heimatort Predappio in der Emilia-Romagna. Weniger das bekannte Ritual mit römischen Grüßen und Gedenkveranstaltung in der Mussolini-Krypta sorgten diesmal für Aufsehen. Es war die Berichterstattung des staatlichen Fernsehsenders Rai, die die Frage aufwarf, wie weit die Legitimation des Faschismus in der heutigen italienischen Gesellschaft fortgeschritten ist.

In dem Bericht waren Neonazis, Fahnen auf halbmast sowie Nostalgiker zu sehen, die unwidersprochen ihrer Sehnsucht nach den alten Zeiten Ausdruck geben konnten. „Alles funktionierte, wir lebten unsere Träume“, behauptet eine Seniorin in dem Beitrag. Man hört solche Sätze häufiger in Italien.

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