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Pandemie
07.08.2020

Corona: Vielen indigenen Völkern droht die Auslöschung

Ein Guajajara, indigener Ureinwohner Brasiliens. Indigene Stämme und Völker weltweit erfahren oftmals soziale Ungleichheit, Diskriminierung und Armut. Corona verschärft ihre Lage.
Foto: Marcelo Sayao, EFE/dpa

Indigene Stämme und Völker erfahren oftmals soziale Ungleichheit, Diskriminierung und Armut. Warum sich ihre schwierige Lage durch Corona noch weiter verschärft hat.

Schreckliche Erfahrungen vieler indigener Völker könnten sich durch die Covid-19-Pandemie wiederholen: Durch Krankheiten, die von außen in ihre Gemeinschaften getragen werden, könnten viele Gemeinden dezimiert werden oder ganz in ihrer Existenz gefährdet sein. Das sagt auch UN-Generalsekretär António Guterres in seiner Botschaft zum "Internationalen Tag der indigenen Völker" am kommenden Sonntag: "Covid-19 hat verheerende Auswirkungen für mehr als 476 Millionen Angehörige indigener Völker rund um die Welt."

Armut, soziale Ungleichheiten, Stigmatisierung, Diskriminierung und eingeschränkter Zugang zu Gesundheitssystem, sauberem Wasser und Sanitäranlagen sind für die meisten von ihnen ohnehin ein Problem. In vielen Ländern des Südens, in denen indigene Völker leben, ist nun auch noch die Subsistenzwirtschaft zusammengebrochen. Indigene Frauen, die oftmals die Hauptlast für die Ernährung ihrer Familien tragen, können ihr Kunstgewerbe und ihre Feldfrüchte nicht mehr anbieten, weil die Märkte ihrer Gemeinden geschlossen wurden. Indigene Arbeiter verloren ihre Jobs, weil sie zuhause bleiben mussten, um die Verbreitung des Virus zu stoppen. Während in manchen Ländern die Regierungen zusammen mit den Organisationen der indigenen Völker versuchen, den Bedrohungen entgegenzuwirken und mit staatlichen Leistungen helfen, sind die Ureinwohnervölker andernorts auf sich allein gestellt.

Wegen der Corona-Pandemie droht vielen indigenen Völkern die Auslöschung

Kanada Die malerische Westküste Kanadas mit ihren Inseln und beeindruckenden Regenwäldern ist das traditionelle Siedlungsgebiet mehrerer First Nations, indianischer Völker Kanadas. "First Nations sind die gefährdetsten Gemeinden in diesem Land", sagt National Chief Perry Bellegarde, der nationale Häuptling der Assembly of First Nations, des Dachverbandes der indianischen Völker Kanadas. Alle indigenen Gemeinden Kanadas hatten im März den Notstand erklärt und den Zugang zu ihnen durch Straßensperren kontrolliert. 96 Gemeinden der First Nations sind sogenannte "fly-in"-Gemeinden, die nur mit dem Flugzeug erreicht werden können. Sollten in abgelegenen Gemeinden Infektionen auftreten, ist Hilfe vor Ort kaum möglich. Wegen der Wohnraumnot würde es schwer sein, Menschen zu isolieren.

Marilyn Slett ist als Chief Councillor der "Häuptling" der Heiltsuk. Sie weist darauf hin, dass Covid-19 vor allem ältere Menschen bedroht. Sie sind die Träger der Legenden und des traditionellen Wissens und oft die einzigen, die die Sprache ihrer Völker noch fließend sprechen.

Bisher war der Abwehrkampf der indigenen Völker Kanadas erfolgreich. Bis Anfang August wurden in den Reservationen und Territorien der First Nations 412 Covid-19-Fälle registriert. Sechs Todesfälle sind bisher zu beklagen. Im Inuit-Gebiet Nunavik im Norden Quebecs traten 17 Fälle auf. Als einziges Territorium Kanadas ist das überwiegend von Inuit bewohnte Arktisterritorium Nunavut mit rund 35.000 Menschen in etwa 30 Gemeinden komplett Covid-frei.

Brasiliens Präsident Bolsonaro blockierte ein Hilfspaket für Indigene

Brasilien Jair Bolsonaros Politik des Landraubs, der Rodungen des Amazonaswaldes, der Umweltzerstörung und der Missachtung der Rechte der etwa 900.000 Menschen der rund 305 indigenen Ethnien ist für diese eine Katastrophe. Der brasilianische Präsident hatte im Juli sein Veto gegen ein vom Kongress verabschiedetes Gesetz eingelegt, das die Bundesregierung verpflichtet hatte, Trinkwasser, Desinfektionsmittel und Krankenhausbetten zu liefern. Er begründete dies mit einer angeblichen Verfassungswidrigkeit dieser Vorschriften, da sie nicht finanziert seien.

Weltweit gibt es nach Angaben der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen mindestens 110 freiwillig isolierte indigene Völker, die meisten von ihnen im Amazonasbecken in Brasilien, Bolivien und Peru. Ihre Lage ist besonders prekär. Sie wollen damit Gewalt und Krankheiten entgehen. Kontakte mit der Außenwelt sind für sie immer mit Risiken verbunden. So wurde bei sechs Angehörigen der Nahua in Peru das Coronavirus nachgewiesen, nachdem sie Kontakt mit Außenstehenden hatten. "Leider werden sich selbstversorgende Völker immer wieder gegen ihren Willen aufgesucht", sagt Juliana Miyazaki von der GfbV.

"Bolsonaro raus": Die Mundschutzmaske eines indigenen Anführers bei einer Protestaktion gegen Brasiliens Präsidenten hat eine klare Aussage.
Foto: Eraldo Peres, AP/dpa

"Illegale Eindringlinge wollen auf ihren Gebieten Holz fällen oder Gold schürfen. Auch Evangelikale, die zum Missionieren kommen, bringen Covid-19 und andere Krankheiten mit. Und es gibt Übertragungen durch unentdeckt infiziertes medizinisches Personal, das eigentlich helfen sollte." Von etwa 170000 isoliert lebenden Indigenen der Region hätten sich bis Ende Juli 28.000 mit dem neuen Coronavirus infiziert, über 1100 seien gestorben.

Die schwierige Lage der Indigenen in den USA wird durch Corona verschärft

USA In den USA waren nach Angaben der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation PAHO von Mitte Juli 22500 Covid-19-Fälle unter Angehörigen der indianischen Völker gemeldet worden. In den meisten Ländern und Territorien Amerikas habe die Zahl der Covid-Erkrankungen zugenommen, vor allen in einigen Ländern Zentral- und Südamerikas. Kontakte zwischen indigener und nicht-indigener Bevölkerung, schlechter Gesundheitszustand der indigenen Bevölkerung und Vorbelastung durch Krankheiten wie Tuberkulose und das illegale Vordringen von Holzwirtschaft und Bergbau seien Risikofaktoren für indigene Völker, meint auch die PAHO.

Australien In Australien wurden mit Beginn der Krise fast alle indigenen Gemeinden, vor allem die abgelegenen im Northern Territory, gesperrt. Beim Uluru (Ayers Rock) gab es vor wenigen Tagen Proteste gegen die Wiedereröffnung des Parks. Die Bewohner des Aboriginesdorfes Mutijulu fürchten sich vor Ansteckung. Auch in Australien sind Ureinwohner besonders gefährdet wegen ihrer generell schlechteren Gesundheit. Auch von der H1N1-Pandemie 2009 war die indigene Bevölkerung überproportional stark betroffen.

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