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Porträt
06.05.2019

Sigmar Gabriel - der unvollendete Machtmensch

Von November 2009 bis März 2017 war Sigmar Gabriel Vorsitzender der SPD.
Foto: Jens Büttner/ZB (dpa)

Sigmar Gabriel mischt sich jetzt aus dem Hintergrund in die aktuelle Politik ein. Als langjähriger SPD-Chef scheute er zweimal vor der Kanzlerkandidatur zurück.

Dieser Mann ist schwer zu fassen. Weder von seinen Genossen, noch von der medialen Öffentlichkeit. Sigmar Gabriel ist immer seinen eigenen Weg gegangen und tut es auch heute noch. Es fällt ihm wieder leichter, seitdem er in die Gilde der „Elder Statesmen“ gewechselt und die Verantwortung in der Tagespolitik an andere abgetreten hat. Er kann sich zu allem und allen äußern, kann einen aufmüpfigen Juso-Vorsitzenden wie Kevin Kühnert ungestraft maßregeln und dessen Vorgehen mit den Methoden Donald Trumps vergleichen. Wer kann das schon?

Ein ehemaliger SPD-Chef, der es seit der Ära Willy Brandt am längsten auf dem Stuhl ausgehalten hat, bestimmt. Im November 2009 wurde Sigmar Gabriel an die Spitze der Partei gewählt. In Erinnerung blieb sein Satz, mit dem er die Delegierten kurz nach der verlorenen Bundestagswahl begeisterte: „Wir müssen raus ins Leben; da, wo es laut ist; da, wo es brodelt; da, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt.“

Gabriel schreckte gleich zweimal vor der Kanzlerkandidatur zurück

Das war ein hoher sozialdemokratischer Anspruch, dem seine Genossen dennoch nur zögerlich bis gar nicht folgten. Gabriel stabilisierte die SPD auf niedrigem Niveau, führte sie nach vier Jahren auch wieder in eine Koalition mit der CDU/CSU unter Angela Merkel. Aber seine persönlichen Ambitionen schienen immer gebremst, blieben unvollendet. Als SPD-Chef hätte er nach der Kanzlerkandidatur greifen können – sogar müssen. Aber dem Machtmenschen Gabriel drohten krachende Niederlagen. Er wusste um sein schwächelndes Ansehen beim Wähler. So ließ er 2013 Ex-Finanzminister Peer Steinbrück den Vortritt. Als es 2017 wieder so weit gewesen wäre und er nur hätte „Ja“ sagen müssen, tat er genau das Gegenteil: Rücktritt vom SPD-Vorsitz und Präsentation von Martin Schulz als Nachfolger, inklusive Kanzlerkandidatur. In den Wochen zuvor schien es noch so, als bereite sich der damalige Wirtschaftsminister schon akribisch auf die Herausforderung von Kanzlerin Angela Merkel vor.

Die verschiedenen Gesichter des Sigmar Gabriel

Vielleicht wurde darin auch die innere Zerrissenheit des heute 59-jährigen Niedersachsen aus Goslar im Harz deutlich. Mal linker Sozialdemokrat, mal rechter. Mal der Attackierende, mal der Versöhnende. Mal der Vollzeitpolitiker, dann aber auch wieder der Familienmensch, der sich wie selbstverständlich Auszeiten für sein spätes zweites Glück mit einer 17 Jahre jüngeren Zahnärztin und inzwischen zwei kleinen Töchtern (zwei und sieben Jahre alt) gönnt.

Bald nach seinem Rückzug von der Parteispitze erlebten die Deutschen einen gewandelten, sichtbar (auch rein körperlich) erleichterten Sigmar Gabriel. Der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident beerbte Außenminister und Vizekanzler Frank Walter Steinmeier, der zum Bundespräsidenten gewählt worden war. Seine Beliebtheitswerte stiegen endlich. Es müssen für ihn unfassbar schöne Monate gewesen sein. Demnächst kann er sich vielleicht als neuer Vorsitzender der Atlantikbrücke von Außen in die Politik einmischen.

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