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Analyse

17.10.2020

Proteste gegen die Corona-Politik: Wer sind die Zweifler?

Corona ist für alle eine Zumutung – doch die Querdenker halten auch die Reaktionen der Politik für falsch. Im Bild ein Teilnehmer an einer Demonstration in Konstanz Anfang Oktober.
Bild: Felix Kästle, dpa

Plus Die Maßnahmen der Regierung im Kampf gegen Corona haben eine neue Gruppierung geschaffen: die Querdenker. Wissenschaftler untersuchen das Phänomen.

Sie tragen Reichskriegsflaggen und Peace-Zeichen, rufen antisemitische Parolen und schwenken israelische Fahnen, gehören der Reichsbürgerbewegung an und tragen Batik-T-Shirt. Was sie eint, ist die Kritik an den Corona-Maßnahmen der Politik: Die Querdenker-Bewegung ist eines der am schwierigsten fassbaren Phänomene, das die Corona-Pandemie hervorgebracht hat. Tausende Menschen konnte sie mit ihren Demonstrationen in Berlin, Stuttgart und am Bodensee mobilisieren.

Als kritische Köpfe, die die Herrschenden hinterfragen, sehen sie sich selbst. „Covidioten“ werden die Demonstranten von ihren Gegnern genannt – unter anderem SPD-Chefin Saskia Esken verbreitete auf Twitter die vermeintlich originelle, aber mindestens genauso dumpfe Wortschöpfung. „Dabei wissen wir bis jetzt gar nicht, wer das ist, der auf die Straße geht“, sagt Sebastian Koos.

Anti-Corona-Proteste: Rechte Gruppen übernehmen Rhetorik und Repertoire der Linken

Koos ist Juniorprofessor an der Universität Konstanz. Gemeinsam mit mehreren Kollegen untersucht er in einem interdisziplinären Team aus Soziologen, Historikern, Medienwissenschaftlern und Ethnologen, was die sogenannten „Querdenker“ antreibt. Obwohl die Studie erst seit zwei Wochen läuft, wagt er schon jetzt eine wichtige Hypothese: „Die Zusammensetzung der Demonstrationen ist gemischter, als es die Öffentlichkeit bislang glaubt“, sagt Koos. „Es sind relativ viele ganz normale Menschen dabei.“ Was sie eint, sei, dass sie tatsächlich „quer“ zum etablierten politischen Gemeinwesen stehen. Sie würden sich nicht in die klassischen Muster von „rechts“ oder „links“ einfügen.

Mit den Demonstrationen, aber auch mit Online-Foren hätten sie sich einen eigenen Raum geschaffen, der sie in ihrer Haltung bestätige. „Man bestärkt sich gegenseitig“, sagt der Soziologe Koos. In diesen Zirkeln sei es auch relativ leicht, einen gewissen Experten-Status zu bekommen – wer die vermeintlich richtige Perspektive einnehme, tauge als Kronzeuge für die Haltung der „Querdenker“. Ein wissenschaftliches Rüstzeug oder aktive Forschung brauche es dafür nicht unbedingt. Dass Wissenschaft von der Auseinandersetzung und der Kontroverse und unterschiedlichen Standpunkten lebt, damit könnten die wenigsten umgehen. „Man verschafft sich eine hausgemachte Expertise“, erklärt Sven Reichardt, der als Historiker an der Untersuchung mitwirkt.

Dass sich Protestbewegungen in Zeiten des Umbruchs und der Krise bilden, ist dabei keineswegs ungewöhnlich. Wer sich von der Politik und den Institutionen nicht „erhört“ fühlt, sucht sich andere Wege und Kanäle. In der frühen Neuzeit wurden Flugblätter verteilt, die Studentenproteste in den 60er- und 70er Jahren gaben „graue Literatur“, also unveröffentlichte Schriften, in ihren Gruppen weiter. „Aber all das hatte nicht diese breite Wirkung, die heute das Internet ermöglicht“, sagt Reichardt. Auch die Rebellion gegen das sogenannte „Establishment“ sei Kern vieler Demonstrationen. Früher seien es vor allem linke Gruppen gewesen, die auf die Straße gegangen sind. Inzwischen hat auch die Rechte die Wucht der Massendemonstrationen für sich entdeckt. Schon „Pegida“ gelang es, Anhänger zu mobilisieren. Auch bei den Anti-Corona-Protesten schließen sich rechte Gruppen an und übernehmen das Repertoire und die Rhetorik der Linken.

Was unterscheidet "Querdenker" von Bewegungen wie Fridays for Future?

Und in noch einem Punkt unterscheiden sich die „Querdenker“ ganz stark von anderen Bewegungen: Das Misstrauen in bestimmte Wissenschaftler wie Christian Drosten von der Charité und Lothar Wieler vom RKI ist groß. Noch größer sind nur die Vorbehalte gegenüber der Regierung und den Medien. Das ist etwa bei „ Fridays for Future“ anders: Sie stützt sich ganz stark auf wissenschaftliche Erkenntnisse, nutzt die klassischen Medien, um die eigene Botschaft zu verbreiten, trifft sich mit der Bundeskanzlerin und ist innerhalb kurzer Zeit zu einer beinahe schon professionellen Organisation angewachsen.

Doch um diesen Schritt zu gehen, braucht es einen großen gemeinsamen Nenner – der den Querdenkern fehlt. Während die einen nur die gewaltigen Schäden für die Wirtschaft kritisieren oder die Maskenpflicht abschaffen wollen, fordern die anderen nicht weniger als ein neues wirtschaftspolitisches System für die Republik. „Ein wichtiger Unterschied ist auch der gesellschaftliche Rückhalt: Fridays for Future erfährt extrem große Unterstützung, mehr als die Hälfte der Bevölkerung steht diesen Protesten zumindest aufgeschlossen gegenüber“, sagt der Konstanzer Wissenschaftler. Die Querdenker-Demonstrationen hingegen ernten deutliche Kritik, eine große Mehrheit der Deutschen steht hinter den Maßnahmen, mit denen die Politik die Pandemie eindämmen will.

 

Soziologe zu Corona-Politik: "Drohungen sind nicht der richtige Weg"

Trotzdem – oder gerade deswegen – sei es wichtig, die Zusammensetzung der Corona-Proteste zu untersuchen. Die Demonstrationen würden eine Spaltung innerhalb der Gesellschaft sichtbar machen – selbst wenn die Menschen, die zum Protest auf die Straße gehen, nur eine kleine Minderheit sind. „Wenn man politisch reagieren will, muss man Vorgänge erst einmal verstehen“, sagt Sven Reichardt. „Die Menschen als Covidioten abzutun, könne gefährlich werden. Dialogfähigkeit gehört zur Politik dazu.“ Auch vor dem Hintergrund, dass mit steigenden Zahlen wieder striktere Maßnahmen verhängt werden dürften. Und mehr Menschen in Schwierigkeiten geraten könnten, mit denen sie nur schwer zurechtkommen. Gerade in Zeiten der wachsenden Verunsicherung ist die Politik darauf angewiesen, dass ihre Regeln auch Rückhalt finden und eingehalten werden. Masken-Müdigkeit kann sie sich nicht leisten.

Was also würde der Soziologe Sebastian Koos der Regierung raten? „Drohungen sind nicht der richtige Weg“, sagt er. „Die Kommunikation ist in diesen Zeiten ganz besonders wichtig, dazu gehört auch, anzuerkennen, dass es nicht für alle Menschen leicht ist, die Maßnahmen mitzutragen.“ Pauschale Urteile würden die Gruppe nur in ihrer Haltung und in ihrem Zusammenhalt stärken. „Ins Gespräch mit jemanden zu kommen ist selten der falsche Weg“, sagt Koos.

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