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Fall Tugce

23.04.2015

Prozessbeginn: Warum Tugces Tod Millionen Menschen bewegt

Die getötete Tugce soll sich mit dem späteren Schläger ein heftiges Wortgefecht geliefert haben.
Bild: Boris Roessler/Archiv (dpa)

Tugce wollte helfen, sich schützend vor zwei Mädchen stellen. Ein Mann schlug zu. Sie stürzte, fiel ins Koma – und starb. Am morgigen Freitag beginnt nun der Prozess im Fall Tugce.

Irgendwann erträgt sie seine Demütigungen nicht mehr: Hure, Nutte, Schlampe. „Halt endlich die Klappe, du kleiner Hurensohn“, zischt sie zurück. Dann eskaliert die Situation. Ein Freund versucht noch, Sanel M. zurückzuhalten. Doch der lässt sich nicht wegdrängen. Er holt aus. Über die Arme seines schlichtenden Freundes hinweg schlägt er zu, mit der flachen Hand. Trifft Tugce Albayrak im Gesicht. Die junge Frau kann nicht reagieren. Ihr Körper fällt wie ein Baum um, der Kopf kracht auf den Asphalt. Sanel M. und seine Freunde rasen mit einem Auto davon. In einer Blutlache liegt Tugce leblos am Boden.

Fünf Monate ist die tödliche Auseinandersetzung auf dem Parkplatz eines Offenbacher Schnellrestaurants her. Ein nächtlicher Streit, an dessen Anfang Tugce Albayrak zwei 14-jährige Mädchen vor der Belästigung durch Sanel M. und seine Freunde beschützt haben soll. Wegen ihrer Zivilcourage, die ihr offenbar zum Verhängnis wurde, nahmen Millionen Menschen Anteil am Schicksal der 22-jährigen Lehramtsstudentin aus Gelnhausen im Main-Kinzig-Kreis – während der zwei Wochen, die sie im Koma lag, und mehr noch, als die Ärzte ihren Hirntod feststellten und sich die Eltern dazu entschlossen, die lebenserhaltenden Maschinen abzustellen.

Fall Tugce: Der Prozess des Jahres?

Am morgigen Freitag nun beginnt vor dem Landgericht Darmstadt der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter – angesichts des großen öffentlichen Interesses womöglich der Prozess des Jahres. Sanel M. ist wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. Seit Mitte November sitzt er in Untersuchungshaft. Da bei dem 18-Jährigen noch das Jugendstrafrecht greift, liegt das Strafmaß bei einer Verurteilung zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft.

Prozessbeginn: Warum Tugces Tod Millionen Menschen bewegt
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Trauer auf der Beerdigung der Studentin Tugce Albayrak
Bild: Boris Roessler, Roland Holschneider, Fredrik von Erichsen (dpa)

Unstrittig sind eigentlich nur die Augenblicke unmittelbar vor der Tat. Die stummen Mitschnitte einer Überwachungskamera zeigen die Schlichtungsversuche, den Schlag und den tödlichen Sturz. Gegenüber der Polizei hat Sanel M. seinen verhängnisvollen Schlag eingeräumt. Auch was das heftige Wortgefecht kurz davor betrifft, decken sich die Zeugenaussagen weitgehend.

Insofern wird die Aufgabe der drei Richter und zwei Schöffen vor allem darin bestehen, den Beginn der Auseinandersetzung und die genaue Todesursache von Tugce Albayrak zu rekonstruieren. Wie genau hat sich der Streit hochgeschaukelt? Wer trägt die Verantwortung für die Eskalation? Woran genau ist Tugce gestorben? Und: War sich der alkoholisierte Sanel M. – 1,4 Promille zwei Stunden nach der Tat – den möglichen Folgen seines Schlages bewusst?

Nach Todesnacht von Offenbach: Öffentlichkeit verurteilt Angeklagten

„Ich gehe nicht davon aus, dass er sich im Klaren darüber war, die junge Frau mit seiner Ohrfeige töten zu können“, sagt Stephan Kuhn, der Verteidiger des Angeklagten. Lange hat der Frankfurter Strafverteidiger geschwiegen. Er hätte wohl auch kaum etwas zu gewinnen gehabt – zu erdrückend ist aus Kuhns Sicht die öffentliche Vorverurteilung seines Mandanten. Ein paar Tage vor Prozessbeginn ist dem 38-Jährigen mit den dunklen, halblangen Locken eine gewisse Aufregung bereits anzumerken. Dabei hat er als Nebenklage-Anwalt im Münchner NSU-Prozess schon Erfahrung mit großen Gerichtsverfahren. In dem kleinen, sonnigen Garten seiner Frankfurter Kanzlei raucht er eine Zigarette nach der anderen.

Am Nachmittag werde er Sanel M. noch einmal in der JVA in Wiesbaden besuchen, erzählt Kuhn. Sein Mandant sei sehr angespannt, das Aufeinandertreffen mit der Familie von Tugce belaste ihn enorm. In der Untersuchungshaft habe Sanel M. zahlreiche Morddrohungen erhalten, ein Mithäftling habe ihm die Nase gebrochen.

Viel ist über den 18-Jährigen mit serbisch-montenegrinischem Pass nicht bekannt. In Offenbach geboren, zum Zeitpunkt der Tat arbeitslos und mehrfach vorbestraft. Kuhn kritisiert, dass viele Medien seinen Mandanten als perspektivlos abgestempelt hätten. „Wenn jeder vorbestrafte Jugendliche, der seit drei Monaten keinen Ausbildungsplatz hat, perspektivlos ist, dann sieht es schwarz aus in unserer Gesellschaft“, findet der Anwalt. Kuhn weiß genau, dass die Perspektiven seines Mandanten einen Einfluss auf das Urteil haben dürften. Schließlich soll das Jugendstrafrecht erziehenden Charakter haben. „Zwei Tage nach der Tat hätte mein Mandant ein Vorstellungsgespräch für einen Ausbildungsplatz gehabt“, berichtet Kuhn. Sanel M. hätte von einer Stelle bei der Post geträumt.

Macit Karaahmetoglu, der als Anwalt der Nebenklage die Eltern von Tugce im Prozess vertritt, zeichnet ein ganz anderes Bild vom Angeklagten. „Er hat eine gesteigerte subjektive Wahrnehmung und verfügt über eine geringe Empathiefähigkeit.“ Das Vorstrafenregister von Sanel M. unterstreiche das. Viermal sei der Angeklagte in den vergangenen zweieinhalb Jahren verurteilt worden: wegen versuchten Diebstahls, gemeinschaftlicher räuberischer Erpressung, gemeinschaftlichen Versuchs des Diebstahls in einem besonders schweren Fall sowie wegen gefährlicher Körperverletzung. „Er hat einem zehnjährigen, unbeteiligten Jungen das glühend heiße Metallteil eines Feuerzeugs in den Nacken gedrückt“, erzählt Karaahmetoglu. „Er habe es einfach so getan, ohne besonderen Grund, hat er hinterher der Polizei gesagt.“ Für diese Tat saß Sanel M. 2012 eine Woche im Jugendarrest.

Bewährungsstrafe wäre für Tugces Familie ein Schlag ins Gesicht

Für Karaahmetoglu wäre es eine Katastrophe, sollte dieser Wiederholungstäter am Ende des Prozesses mit einer Bewährungsstrafe davonkommen – für die Familie ein Schlag ins Gesicht. Der Stuttgarter Rechtsanwalt, der jahrelang eine Fachkolumne in der türkischen Tageszeitung Hürriyet geschrieben hat, ist längst ein enger Freund der Familie. Das Entsetzen der Eltern, ihre unendliche Trauer um den Verlust der Tochter hat der 45-Jährige in den vergangenen Monaten erlebt. Karaahmetoglu hat geholfen, wo er konnte. Unter anderem hat der Anwalt einen Verein gegründet, um Kapital für eine Tugce-Stiftung einzusammeln. Jetzt, wo der Prozess beginnt, lastet die Hoffnung der Familie mehr denn je auf Karaahmetoglu. „Zum Glück gibt es das Video von der Überwachungskamera, sonst wäre vieles vielleicht im Dunklen geblieben“, sagt er.

Zehn Verhandlungstage sind in dem Verfahren angesetzt. Vor dem Gerichtsgebäude wollen Studenten mit einer Mahnwache an die Zivilcourage von Tugce erinnern. Rund 60 Zeugen sowie zwei Gutachter werden vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Darmstadt aussagen – darunter Freundinnen des Opfers, Freunde von Sanel M., Mitarbeiter des Schnellrestaurants, Rettungssanitäter und bereits am Freitag die beiden 14-jährigen Mädchen, die Tugce Albayrak beschützt haben soll.

Gab es tatsächlich eine Belästigung durch Sanel M. und seine Freunde? Wie genau mischte sich Tugce in den Konflikt ein? Drohte ihr Sanel M. in diesem Augenblick vielleicht schon Gewalt an? Diese Aspekte werden darüber entscheiden, wie viel Verantwortung Sanel M. am Tod von Tugce trägt und welches Urteil das Gericht über die tödliche Ohrfeige fällen wird.

Der Ort, an dem der Konflikt seinen Anfang genommen hat, liegt im Untergeschoss einer Offenbacher McDonald’s-Filiale. Eine verwinkelte Treppe führt hinunter zu den Toiletten. Die Eingänge für Frauen und Männer liegen direkt nebeneinander. Eine eingelassene Glasscheibe in der Tür erlaubt den Blick in den engen, gut ausgeleuchteten Vorraum mit den Waschbecken. Gut möglich, dass Sanel M. und zwei Freunde den zwei 14-jährigen Mädchen zunächst helfen wollten, die sie betrunken auf dem Boden der Damentoilette liegen sahen. So behaupten es einige Freunde von Sanel M. Die Freundinnen von Tugce Albayrak sprechen dagegen von Schreien, die aus dem Untergeschoss bis hoch ins Restaurant zu hören gewesen seien – der Grund, warum die junge Frau hinuntereilte, um zu helfen.

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