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Talkshow-Kritik

04.06.2018

Röttgen bei "Anne Will": WM-Boykott spielt Putin in die Karten

CDU-Politiker Norbert Röttgen ist gegen einen Boykott der Fußball-WM in Russland durch die deutsche Regierung.
Bild: Karlheinz Schindler, dpa (Archiv)

Sollen deutsche Politiker die Fußball-WM in Russland boykottieren? Darum ging es am Sonntagabend bei "Anne Will". Es entstand eine hitzige Diskussion.

Fremde Menschen liegen sich in den Armen, freuen sich gemeinsam oder trösten sich. Szenen wie diese spielen sich in wenigen Tagen weltweit ab, denn die Fußball-Weltmeisterschaft startet kommende Woche. Die Freude bei Fans ist ungebrochen - und doch ist diese WM anders. Denn sie findet in Russland statt. 77 Prozent der Deutschen glauben, dass Russlands Präsident Wladimir Putin die WM nutzen wird, um sich zu profilieren. Wie gelingt also ein geschickter Umgang mit dem Großereignis? Sollen deutsche Politiker die WM boykottieren? Diese Fragen stellte Anne Will am Sonntagabend ihren Gästen.

Regierungen einiger anderer Länder schließen eine Reise nach Russland aus. Großbritanniens Premierministerin Theresa May nennt den Giftanschlag auf Ex-Spion Sergei Skripal als Grund, Islands Präsident boykottiert die WM aus Solidarität zu den Briten. Wenn es nach Rebecca Harms (Die Grünen/EFA), Mitglied des Europäischen Parlaments, geht, sollten in Russland keine deutschen Minister auf der Tribüne sitzen: "Putin will nach innen Stärke beweisen. Hochkaräter aus der Politik sollten ihm nicht die Ehre erweisen." Die Besetzung der Krim, der Krieg in der Ost-Ukraine, der Abschuss des Flugzeugs MH17 - die Liste der Menschenrechtsverletzungen Russlands sei lang, betonte sie.

Tatsächlich will - Stand jetzt - Horst Seehofer (CSU) als einziger Minister nach Russland fliegen. Seine Begründung: Sport solle nicht politisch instrumentalisiert werden. 2014 sagte er allerdings noch, dass er sich keine WM in Russland vorstellen könne, wenn Putin bei seiner politischen Linie bliebe. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich noch nicht entschieden, ob sie am Großereignis teilnimmt.

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Stoiber spricht sich bei "Anne Will" für Dialog mit Putin aus

Entschieden gegen einen Boykott sprach sich am Sonntagabend der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber aus. Er spüre eine Entfremdung zwischen Deutschland und Russland. "Wir müssen jede Gelegenheit nutzen, um mit Putin zu sprechen." Ein Boykott sei zudem falsch, weil dadurch die russische Bevölkerung emotional gegen Deutschland aufgebracht würde.

Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestags, ging sogar noch einen Schritt weiter. Er argumentierte, dass ein Fernbleiben deutscher Politiker Putin in die Karten spielt: "Ein Boykott würde zur Opferrolle passen, der sich Putin gerne bedient. Nach dem Motto: Wir wollen nur ein Sport-Ereignis ausrichten, aber der Westen vertraut uns nicht." Zwar empfahl er, sich während der WM aufs Sportliche zu konzentrieren, dennoch kritisierte er die Politik des russischen Präsidenten scharf: "Seit vier Jahren betreibt Putin Gewaltanwendung nach außen und Unterdrückung nach innen."

Gregor Gysi (Die Linke), Mitglied des Deutschen Bundestages, sprach sich ebenfalls strikt gegen einen Boykott der WM aus. Er forderte eine bessere Beziehung zum größten Land der Welt aufgrund der Abhängigkeit von Russland.

Ex-Nationalspieler Arne Friedrich: "Fußball kann Zeichen setzen"

Da es in der Sendung am Sonntagabend auch indirekt um Fußball ging, nahm der ehemalige deutsche Nationalspieler Arne Friedrich an der Gesprächsrunde teil. Er war der Meinung, dass Fußball eine gesellschaftspolitische Wirkung hat und Zeichen setzen kann. Auch er ist gegen einen Boykott, betonte jedoch: "Politik darf Fußball nicht instrumentalisieren."

Fazit: Die Gesprächsrunde entwickelte sich phasenweise zu einer lebhaften Diskussion. Rebecca Harms argumentierte schlüssig und emotional, da sie persönlich gute Verbindungen nach Russland pflegt, aufgrund ihres Einsatzes für Menschenrechte jedoch ein Einreiseverbot hat. Edmund Stoiber und Gregor Gysi hielten wenig überraschend mitunter lange Monologe, wobei Gysi nicht überzeugen konnte, da er immer wieder vom eigentlichen Thema abwich.

Gastgeberin Anne Will gelang es zu selten, die beiden Politiker zu unterbrechen. Norbert Röttgen war relativ ruhig und stimmte Grünenpolitikerin Harms häufig zu. Ex-Fußballer Arne Friedrich wirkte in der Diskussion, in der es zumeist um Politik ging, etwas verloren.

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