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Porträt

29.06.2017

Sebastian Kurz vor dem Ziel: Ist er Österreichs nächster Bundeskanzler?

Österreichs Außenminister Sebastian Kurz hat gute Chancen, Österreichs neuer Kanzler zu werden. Der Senkrechtstarter ist erst 30 Jahre alt.
Bild: Ronald Zak, dpa

Sebastian Kurz ist 30 und hat Chancen, Österreichs nächster Bundeskanzler zu werden. Nun will er sich zum ÖVP-Parteichef wählen lassen. Wer er ist, was er will und wo er herkommt.

"Junge Chefs – mit 30 schon ganz oben", hat kürzlich das österreichische Wirtschaftsmagazin Trend getitelt. Keine Frage, wer die Blattmacher dazu inspiriert hat. Sollte Österreich im Herbst tatsächlich einen Bundeskanzler bekommen, der gerade mal 31 Jahre alt sein wird, spätestens dann lohnt sich die Frage: Wie erfahren sind die um die 30 heute eigentlich?

Junger Politiker: So ist ÖVP-Jungspund Sebastian Kurz aufgewachsen

Erwachsener als frühere Generationen, oder – im Gegenteil – noch ziemlich jugendlich, gedanklich oder gar de facto im "Hotel Mama" zu Hause? Viele Menschen stellen sich solche Fragen, seit in Europa mehrere junge Politiker in hohen Führungspositionen für Gesprächsstoff sorgen. Emmanuel Macron, 39, etwa, Frankreichs neuer Präsident. Christian Lindner, 38, hat die FDP aus dem Tal der Tränen geführt. Und Matteo Renzi war auch erst 39, als er 2014 Regierungschef in Italien wurde.

Österreichs Außenminister Sebastian Kurz ist noch zwei Monate lang 30 und doch schon seit Jahren dabei, die Österreichische Volkspartei umzukrempeln. Am Samstag will er sich in Linz zu ihrem Vorsitzenden wählen lassen. Als ein Mann irgendwo zwischen Messias und Popstar hat es der jüngste Außenminister der Welt geschafft, den letzten ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner zu beerben und konservativer Spitzenkandidat zu werden. Nach der Nominierung sind seine Beliebtheitswerte in der Bevölkerung noch einmal gestiegen. Eine aktuelle Umfrage sieht auch seine Partei im Aufwind, bei 33 Prozent – sieben Prozentpunkte vor den Sozialdemokraten der SPÖ und neun vor der rechtspopulistischen FPÖ. Im Klartext: Dieser Mann könnte nach der Nationalratswahl am 15. Oktober tatsächlich Bundeskanzler werden.

Wer ist dieser Sebastian Kurz, was will er, wo kommt er her? Geografisch betrachtet ist die Antwort nicht schwierig. In Wien-Meidling leben seine Eltern in einem Mehrfamilienhaus. Dort ist Kurz aufgewachsen, dort hat er im selben Haus eine kleine Wohnung bezogen, in der er bis vor einem Monat lebte. Jetzt ist er "eine Gasse weiter gezogen". Die früheren 65 Quadratmeter bei einem Gehalt von 18.000 Euro im Monat hatte so manchen Beobachter verwundert.

Seine Mutter ist Gymnasiallehrerin, sein Vater war Ingenieur in einem internationalen Unternehmen. Freundin Susanne arbeitet im Finanzministerium. Kurz’ Wohnung liegt verkehrsgünstig zwischen zwei U-Bahn-Stationen, es gibt ein paar Bäume in der Straße, der berühmte Schlosspark von Schönbrunn ist nicht weit. Das Ortsbild ist geprägt von dem üblichen Gemisch aus Multikulti-Vorstadtläden, Handyshops und netten Restaurants.

Als Kind fuhr Sebastian Kurz häufig zu den Großeltern auf einen Bauernhof im Waldviertel, wo sich heute viele Wiener Freizeitwohnungen eingerichtet haben. Dort in Niederösterreich ist er auch politisch bestens vernetzt. Gute Bekannte erzählen, seine Mutter sei anfangs nicht begeistert über seine Karrierepläne gewesen. Kurz selbst verrät nicht viel Privates. Aber er sagt: "Meine Eltern sind richtig cool und unaufgeregt. Sie unterstützen mich sehr." Vieles von dem, was ihm heute Türen öffnet, dürfte das Einzelkind ihnen verdanken. "Er grüßt immer", erzählt eine Nachbarin.

Senkrechtstarter Kurz: Mit 24 im Landtag, mit 25 Staatssekretär, mit 27 im Nationalrat

Auf der Internetseite seiner früheren Schule in der Erlgasse in Meidling wird begeistert davon erzählt, dass er eine Klasse, die ihn zufällig bei einem Ausflug vor dem Außenministerium traf, sofort einlud und herumführte. Der Lehrer, der mit der Klasse unterwegs war, heißt Edwin Fichtinger und hat Kurz einst in Geografie und Wirtschaftskunde unterrichtet. In einem schönen Garten bei Schloss Hetzendorf erzählt der 62-Jährige von seinem ehemaligen Schüler. "Sebastians Elternhaus und die Kirche haben ihn politisch geprägt", sagt er. "Seine Eltern sind in der Gemeinde sehr aktiv." Als Schüler sei er lange nicht aufgefallen. Erst als die Gymnasiasten im Wahlfach Wirtschaftskunde eine Firma gegründet haben. Unter dem Namen "Kids and the City" betreuten sie gegen Honorar Grundschulkinder. Kurz war Geschäftsführer und Marketingleiter.

"Er hat gezeigt, dass er sehr gut motivieren und delegieren kann. Und er erwies sich als absolutes Arbeitstier", sagt Fichtinger. "Wenn er etwas wollte, zog er es durch und ließ nicht locker." Ganz offensichtlich freut es ihn, einen "grünen Aktivisten" der ersten Stunde, dass sein früherer Schüler Karriere macht. Ein Spezialgebiet des künftigen ÖVP-Chefs im Abitur, der Matura, seien Parteien in der Monarchie gewesen. "Politische Reden vor der Klasse hat er jedoch keine geschwungen", erzählt Fichtinger. "Er hat damals in kurzer Zeit große rhetorische Fortschritte gemacht, ich habe gedacht, er geht einmal in die Wirtschaft." Von wegen.

Die Matura bestand er mit Auszeichnung. Danach jobbte er bei einer Versicherung, bei der österreichischen Botschaft in Washington und begann ein Jurastudium, das er kurz vor dem Abschluss abbrach. Er wurde Chef der Wiener Jungen Volkspartei, machte einen Party-Wahlkampf mit dem "Geilomobil", einem schwarzen SUV der Marke Hummer, stieg 2009 zum Bundesvorsitzenden auf. "Leider erfolglos", sagt er heute. Dann: mit 24 Wiener Landtag, mit 25 Staatssekretär für Integration, mit 27 im Nationalrat – und Außenminister.

Viele Ur-Meidlinger klagen heute über die hohe Ausländerquote im Viertel. Kurz’ Klasse war die erste an seinem Gymnasium, in der die Hälfte der Schüler Migrationshintergrund hatte. Während des Balkankriegs nahmen Mama und Papa Kurz zu Hause Flüchtlinge auf. Sebastian Kurz reichte das nicht. Er suchte in der Politik nach Lösungen. Heute vertritt er in der Flüchtlingspolitik eine restriktive Linie.

Sebastian Kurz: Wie der Charismatiker die ÖVP umkrempelt

Es ist jedes Mal ein Lacherfolg, wenn er auf Veranstaltungen erzählt, wie er als 16-Jähriger in die ÖVP eintreten wollte. Das geht dann so: "Als ich die Junge Volkspartei in Meidling angerufen habe, sagte mir jemand, ich sei zu jung. Das macht nichts, habe ich gesagt, mein Problem wird mit jedem Tag kleiner. Sie seien auch sehr wenige, hieß es dann. Macht nichts, habe ich geantwortet, ich bringe meine Freunde mit. Aber sie treffen sich eigentlich nie, weil es sich nicht auszahlt, hieß es. Dann habe ich es sein lassen und mich wieder auf Schule, Partys und Tennis konzentriert."

Gerade viele junge Zuhörer sind begeistert von dieser Geschichte und brennen darauf, persönlich mit ihm Kontakt aufzunehmen, ein Selfie mit ihm zu machen. Kurz weiß, wie wichtig das ist. Er macht mit, beugt sich freundlich zu kleineren Gesprächspartnern hinunter, Älteren lässt er gerne den Vortritt.

Natürlich war es dann ein Paukenschlag, als er sich mit 27 in die Riege der erfahrenen EU-Außenminister mit den grauen Schläfen einreihte. Kann der das, fragten sich viele? Die österreichische Gesellschaft ist immer gespalten, wenn jemand auffällt und aus der Reihe tanzt. Auch wenn er noch so gute Manieren hat. Kurz trat selbstbewusst auf, auch mal vollmundig.

Und doch hat er sich Respekt verschafft. Kurz ist ein Charismatiker, ein strategisches Talent. Das hat der frühere ÖVP-Chef und Außenminister Spindelegger früh erkannt, als er Kurz zum Staatssekretär machte. Als Spindelegger im Mai nach parteiinternem Druck zurücktrat und damit auch die Regierungskoalition platzte, war klar: Kurz ist der Einzige, der die ÖVP vor dem Absturz bewahren kann. Er hatte längst seine Truppen um sich gescharrt. So, wie er gezielt seine Getreuen aus der Jugend-ÖVP in seinem Ministerium und in den Büros anderer ÖVP-Minister untergebracht hatte.

Kurz gilt als nachtragend, Fehler verzeihe er nicht, heißt es. Dass er ständig aufs Handy schaut, wischt und wieder schaut, ist nicht nur Ausdruck seiner Generation, den "digital natives". Er steht auch ununterbrochen in Kontakt mit seinen Freunden und Förderern. Ältere konservative Politiker wie Alt-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Ex-EU-Kommissar Franz Fischler schätzen an Kurz, dass er ihren Rat einholt. "Ich treffe ihn von Zeit zu Zeit und er hört mir zu", sagt Fischler. "Das ist ja eine seiner Stärken."

Außenpolitik: Wie Sebastian Kurz im politischen Berlin ankommt

Und wofür steht der Senkrechtstarter politisch? Weil dies gut drei Monate vor dem vorgezogenen Wahltermin noch immer nicht ganz klar ist, wächst das Grummeln auch gegenüber seiner Person. Im September erst will Kurz sein Programm vorstellen und bis Mitte Oktober einen kurzen, vor allem günstigen Wahlkampf führen. Er sei "ein Freund der Klarheit", heißt es jedenfalls auf seiner Facebook-Seite, die fast 550.000 Menschen gefällt. Nur FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache hat als Politiker mehr Follower, also Anhänger im Internet. Davon sind allerdings 200.000 aus Deutschland.

Weil er nicht vor scharfen Formulierungen zurückschreckt, hat Kurz schon gewaltigen Staub aufgewirbelt. Als er etwa vom "NGO-Wahnsinn" sprach – eine heftige Kritik an Nichtregierungsorganisationen – oder sich die Schließung der Balkanroute als persönlichen Verdienst anheftete. Nun fordert er, auch das Mittelmeer für Flüchtlinge unpassierbar zu machen. Die FPÖ mit ihren rechtspopulistischen Positionen hat er so in die Defensive gebracht. Früher konnte diese ihren Kandidaten Strache als Herausforderer des Kanzlers positionieren. Dies gelingt jetzt nicht mehr. Was an Sebastian Kurz liegt.

Das Duell, glauben 46 Prozent der Österreicher in einer Umfrage, werde sich zwischen ihm und Bundeskanzler Christian Kern entscheiden. Noch ist das Rennen offen. Auch die Frage, wie eine Koalition aussehen könnte. ÖVP und FPÖ – denkbar. Nun hat aber auch die SPÖ mit dem Dogma gebrochen, niemals mit der FPÖ paktieren zu wollen.

In Berlin sagt man, es gebe keine großen Schwierigkeiten mit Kurz. Allerdings bleibt unvergessen (im Merkel-Lager sagt man auch: unverziehen), wie er im Frühjahr 2016 die Außenminister der Westbalkanländer nach Wien einlud, um die Schließung der Flüchtlingsroute voranzutreiben – ohne Griechenland und Deutschland einzubinden. Wenn er mal über die Stränge schlage und die Kanzlerin kritisiere, heißt es, rufe man Österreichs Botschafter an, auch ein Kurz-Getreuer. Der leite die Kritik nach Wien weiter. Als ÖVP-Chef, erst recht als Kanzler, hätte er einen direkten Draht zu Angela Merkel. mit anf

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