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Sozialpolitik
24.10.2017

Wenn Kinderarmut zum Dauerzustand wird

Foto: Imago

Viele junge Mädchen und Buben haben keine Chance, aus dem Teufelskreis auszubrechen

Armut als Dauerzustand: Jedes fünfte Kind lebt nach Erkenntnissen der Bertelsmann-Stiftung für längere Zeit in einer finanziell prekären Situation, in der es auf wichtige Dinge verzichten muss. Diese Kinder befänden sich über eine Zeitspanne von mindestens fünf Jahren hinweg „dauerhaft oder wiederkehrend“ in einer Armutslage, erklärte die Stiftung am Montag in Gütersloh in einer Studie.

Experten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit hatten die Daten von 3180 Kindern in regelmäßigen Abständen ausgewertet und konnten nachvollziehen, wie sich die Einkommenssituation in deren Haushalten währenddessen änderte. Demnach war Armut für zehn Prozent der Kinder ein kurzzeitiges Phänomen, für 21 Prozent allerdings handelte es sich um ein dauerhaftes Problem.

Wohlfahrts- und Kinderschutzverbände forderten die Politik mit Blick auf die Gespräche zur Bildung einer Jamaika-Koalition zum Handeln auf. „Die Bekämpfung der Armut von Kindern und Familien gehört ganz nach oben auf die Agenda bei den anstehenden Koalitionsverhandlungen“, erklärte Caritas-Präsident Peter Neher. Das Deutsche Kinderhilfswerk und der Paritätische Wohlfahrtsverband äußerten sich ähnlich.

Auch die Bertelsmann-Stiftung übte Kritik an der derzeitigen Ausrichtung der Sozial- und Familienpolitik. „Kinderarmut ist in Deutschland ein Dauerzustand – wer einmal arm ist, bleibt lange arm“, erklärte Stiftungsvorstand Jörg Dräger. „Zu wenige Familien können sich aus der Armut befreien.“ Er forderte ein grundsätzliches Umdenken.

Denn Armut schließe Kinder und Jugendliche von kulturellen und sozialen Aktivitäten aus, betonte Dräger. Betroffene hätten in der Schule nachweislich schlechtere Chancen, was wiederum die Möglichkeiten für ein späteres „selbstbestimmtes Leben“ ohne Armut reduziere. Im Sozialgesetzbuch aber würden Kinder wie „kleine Erwachsene“ behandelt. Alternativ müsse sich Förderung daran orientieren, ein „gutes Aufwachsen“ zu ermöglichen.

Armutsdefinitionen sind nicht unumstritten. Die Untersuchung beschreibt Armut als Zustand, in dem eine Familie mit Kindern mit weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen deutschen Haushaltsnettoeinkommens auskommen muss oder aber staatliche Grundsicherungsleistungen bezieht. Armut bedeute hierzulande in der Regel nicht, dass die „existenzielle Grundversorgung“ etwa in Form von Essen gefährdet sei, betonte die Stiftung. Es fehle den betroffenen Kindern beispielsweise an einer ausreichend großen Wohnung, einer Waschmaschine oder an einem internetfähigen Computer. Es sei ihnen unter anderem auch nicht möglich, Freunde zum Essen nach Hause einzuladen.

Besonders von Armut betroffen sind der Untersuchung zufolge zum einen Kinder alleinerziehender Eltern. Zum anderen sind es Mädchen und Buben aus Familien mit mindestens drei Kindern und solche mit Eltern, die selbst lediglich geringe Qualifikationen haben. (afp)

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