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"Spiegel"-Skandal
22.12.2018

US-Botschaft fordert vom "Spiegel" unabhängige Betrugs-Untersuchung

US-Botschafter Grenell verdächtigt den "Spiegel" des Antiamerikanismus.
Foto: Bodo Marks,dpa

Der Vertreter von US-Präsident Trump in Berlin sieht in der Affäre einen Beleg für strukturellen Anti-Amerikanismus beim "Spiegel". Der hält dagegen.

Der US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, hat wegen des Betrugsfalls beim Spiegel eine unabhängige Untersuchung gefordert und dem Nachrichtenmagazin "anti-amerikanische Berichterstattung" vorgeworfen. Die Chefredaktion wies diesen Vorwurf zurück. "Es gibt beim Spiegel keine institutionelle Voreingenommenheit gegenüber den USA", schrieb der stellvertretende Chefredakteur Dirk Kurbjuweit. Gleichwohl habe einer der Reporter "Berichte weitgehend erfunden", darunter solche aus den USA. "Wir entschuldigen uns bei allen amerikanischen Bürgern, die durch diese Reportagen beleidigt und verunglimpft wurden. Uns tut das sehr leid. Das hätte niemals passieren dürfen."

Der "Spiegel" hat den Betrugsfall im eigenen Haus zur Titelgeschichte in seiner neuen Ausgabe gemacht, die seit Samstag auf dem Markt ist. In der "Hausmitteilung" am Anfang des Hefts heißt es: "Dieses Haus ist erschüttert. Uns ist das Schlimmste passiert, was einer Redaktion passieren kann. Wir hatten über Jahre Reportagen und andere Texte im Blatt, die nicht die Wirklichkeit abbildeten, sondern in Teilen erfunden waren."

Unter anderem entwarf der betreffende Redakteur in einer Reportage aus dem Jahr 2017 ein Porträt über eine der Kleinstädte in den USA, die Donald Trump zum Präsidenten gewählt hatten. Die Menschen, Zitate und Ereignisse im Text seien von dem Autor zu großen Teilen in betrügerischer Absicht erfunden worden, heißt es in einem in der aktuellen Ausgabe erschienenen Text, dem ein Interview mit zwei Bewohnern der Stadt vorangestellt ist. Die beiden hatten demnach eineinhalb Jahre lang die Reportage auf Unstimmigkeiten überprüft und ihre Ergebnisse nun auf einer Online-Plattform veröffentlicht.

"Wir haben den ganzen Artikel Stück für Stück, Absatz für Absatz auseinandergenommen", sagte einer der beiden Bewohner dem "Spiegel". "Manche Dinge konnten wir von unseren Wohnzimmersesseln aus enttarnen. Aber wir haben uns schnell entschieden rauszugehen und alles systematisch zu verifizieren." Seiner Ansicht nach hätten zumindest einige Lügen auch von Hamburg aus entlarvt werden können.

Der Vertreter von US-Präsident Donald Trump in Deutschland, Grenell, schrieb in einem Brief an den Spiegel: "Die jüngsten Enthüllungen (...) bereiten der Botschaft der Vereinigten Staaten große Sorgen." Die fehlerhafte Berichterstattung habe sich zu einem großen Teil auf US-Politik bezogen. "Es ist eindeutig, dass wir Opfer einer Kampagne institutioneller Voreingenommenheit wurden. (...) Die anti-amerikanische Berichterstattung des Spiegel hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen; seitdem Präsident Trump im Amt ist, stieg diese Tendenz ins Uferlose." Man sei besorgt, dass Reporter "offenkundig das liefern, was die Unternehmensleitung verlangt".

Spiegel weist Vorwurf des Antiamerikanismus zurück

Der Spiegel wies diese Behauptung in einem Antwortschreiben zurück, das - ebenso wie der Brief Grenells - ins Netz gestellt wurde. "Wenn wir den amerikanischen Präsidenten kritisieren, ist das nicht Anti-Amerikanismus, sondern Kritik an der Politik des Mannes im Weißen Haus", schrieb Kurbjuweit. Deutschland habe den USA sehr viel zu verdanken. Zugleich bat er Grenell darum, die von ihm angedeuteten weiteren Fälle fehlerhafter Berichterstattung über die USA zu benennen, damit ihnen nachgegangen werden könne.

Grenell ist ein Vertrauter Trumps und gilt als wichtigster Botschafter des Präsidenten in Europa. Trump unterstellt Medien immer wieder die Verbreitung von "Fake News". Ihm selbst wird ebenfalls vorgeworfen, es nicht so genau mit der Wahrheit zu nehmen: Nach einer Statistik der Washington Post hatte er in den ersten 649 Tagen seiner Amtszeit 6420 falsche oder irreführende Behauptungen aufgestellt - im Schnitt fast zehn pro Tag.

"Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo sagte in einem Spiegel-Interview, es müsse auch die Frage gestellt werden, ob es im Genre der Reportage zu einer Deformation gekommen sei, die alle Häuser betreffe. "Mittelmäßige und langweilige Geschichten sind und bleiben eine Zumutung! Andererseits gibt es die eine oder andere Reportage, bei der es mittlerweile so ist wie bei der Überzüchtung von Hunden oder Pferden - zu schön, um noch authentisch zu wirken", sagte di Lorenzo.

Der betroffene Spiegel-Redakteur hat die Vorwürfe den Angaben zufolge eingeräumt und am vergangenen Montag seinen Vertrag nach anderthalb Jahren gekündigt. Von ihm waren dem Spiegel zufolge seit 2011 knapp 60 Texte im Heft und bei Spiegel Online erschienen - zunächst war er als freier Mitarbeiter tätig gewesen, dann als festangestellter Redakteur. (dpa)

Lesen Sie auch unseren Kommentar: "Spiegel"-Skandal: Journalisten müssen sich Glaubwürdigkeit verdienen.

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