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Wien

03.11.2020

Terror in Wien: Was bisher über die Tat bekannt ist

Nach einem Terroranschlag in Wien laufen die Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat auf Hochtouren.
Foto: Hans Punz, APA, dpa

Am Montagabend erschüttert ein Terroranschlag Wien. Die Lage ist zunächst unübersichtlich, viele Gerüchte kursieren. Langsam wird klarer, was passiert ist. Was wir bisher wissen.

Die Lage nach dem Terroranschlag in Wien am Montagabend war zunächst ziemlich unübersichtlich. Es gab zahlreiche Gerüchte und Spekulationen, die die Runde machten. Doch nach und nach zeichnet sich ein deutlicheres Bild der Attacke in Wien ab, manches ist aber nach wie vor unklar. Was wir bisher über den Terroranschlag von Wien wissen und was noch nicht. Ein Überblick:

Terroranschlag: Was ist genau am Montagabend in Wien passiert?

Nach bisherigen Berichten der Polizei und des österreichischen Innenministeriums hat gegen 20 Uhr mindestens ein bewaffneter Mann in der Wiener Innenstadt wahllos auf Passanten und in Lokale geschossen. Die Innenstadt war zu diesem Zeitpunkt gut besucht, weil um Mitternacht der Lockdown in Österreich in Kraft trat. Der Mann hatte ein Sturmgewehr und eine Machete bei sich und trug die Attrappe eines Sprengstoffgürtels. Vermutlich wollte er so Panik verbreiten. Mindestens ein Passant brach nach den Schüssen auf der Straße zusammen und starb.

Unser Korrespondent Werner Reisinger berichtet nach der Terrorattacke aus Wien.
Video: Werner Reisinger

Wo hat sich der Terroranschlag von Wien genau ereignet?

Die Polizei geht von sechs Tatorten in der Wiener Innenstadt aus, die alle recht nah beieinander lagen. Ausgangspunkt ist wohl die Seitenstettengasse in der Wiener Innenstadt, in der sich auch die Synagoge befindet. Allerdings waren zum Zeitpunkt des Anschlags weder Gläubige noch Mitarbeiter der Kultusgemeinde in der Synagoge, wie der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, mitteilte.

Zeitweise war auch die Rede von einer Geiselnahme in einem asiatischen Restaurant. Das stellte sich aber als Falschmeldung heraus. Mehrere Menschen berichteten außerdem von einer Explosion in der Stadt. Dazu wollten sich die Polizei und das Innenministerium bei einer Pressekonferenz am Morgen allerdings nicht äußern.

Wie hoch ist die Zahl der Toten und Verletzten?

Inzwischen ist die Zahl der Todesopfer auf vier Personen gestiegen. Sie waren am Montagabend in der Wiener Innenstadt unterwegs als der Täter um sich schoss und sie tötete. Bei den Toten handelt es sich nach Angaben des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz um eine ältere Frau und einen älteren Mann sowie einen jungen Passanten und eine Kellnerin. Zudem ist die Rede von mehr als 20 schwer verletzten Personen - darunter ist auch ein Polizist. Bei dem Terroranschlag ist auch eine Deutsche getötet worden. "Wir haben jetzt die traurige Gewissheit, dass auch eine deutsche Staatsangehörige unter den Opfern des Angriffs in Wien ist", teilte Außenminister Heiko Maas am Dienstag in Berlin mit.

Zunächst hieß es, sieben Menschen seien so schwer verletzt, dass sie in Lebensgefahr schweben. Am Dienstagabend kam Entwarnung: Sie sind außer Lebensgefahr. Die österreichische Agentur APA teilt außerdem mit, dass insgesamt 17 Personen nach dem Angriff in Krankenhäusern behandelt werden. An welchem Ort die Personen genau verletzt wurden, ist bislang noch unklar. Um den Opfern zu Gedenken ordnet Österreich eine dreitägige Staatstrauer an.

Die Polizei hat im Laufe des Einsatzes auch den mutmaßlichen Täter erschossen.

Terrorattacke in Wien: Wie viele Täter gab es?

Der österreichische Innenminister Karl Nehammer sprach bei einer Pressekonferenz am Dienstagmorgen davon, dass es ein Anschlag von mindestens einem Terroristen war. Ob es weitere Täter gibt, ist bislang unklar. Am Dienstagnachmittag sagte Nehammer, bisher gebe es noch keine Hinweise auf einen zweiten Täter.

Am Montagabend war die Stadt Wien weiträumig abgeriegelt worden, weil nicht sicher war, ob weitere Täter noch auf der Flucht sind. Auch am Dienstag rufen Polizei und Stadt Wien die Bevölkerung dazu auf, zu Hause zu bleiben und die Innenstadt zu meiden. Die Schulpflicht für Kinder wurde ausgesetzt.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat den Anschlag für sich reklamiert. Ein "Soldat des Kalifats" habe die Attacke verübt, teilte der IS am Dienstag auf seiner Plattform Naschir News mit. Das österreichische Innenministerium prüfe die Echtheit des Bekennerschreibens, hieß es gegenüber der Nachrichtenagentur APA.

Beamte der Spurensicherherung verlassen den Tatort. Bei der Terrorattacke in Wien sind nach offiziellen Angaben mindestens vier Passanten getötet worden.
Foto: Herbert Pfarrhofer, APA, dpa

Derzeit laufen nach Angaben des Polizeipräsidenten Gerhard Pürstl intensive Ermittlungen im Umfeld des getöteten Angreifers. So wollen die Einsatzkräfte herausbekommen, ob er alleine gehandelt hat, oder mit anderen Täter zusammen. Ermittler haben am Dienstagmorgen die Wohnung des Täters durchsucht, um so weitere Hinweise zur Tat zu bekommen. Dabei sind mehrere Personen festgenommen worden. Auch im niederösterreichischen St. Pölten sind am Dienstag zwei Personen festegenommen worden. Dabei handelt es sich um Kontakte des erschossenen Attentäters von Wien. Am Dienstagnachmittag gab der österreichische Innenminister bekannt, dass insgesamt 14 Personen aus dem Umfeld des erschossenen Täters festgenommen worden seien.

Die Polizei Wien hat die Bevölkerung nach der Tat aufgerufen, Foto und Video-Material des Abends auf eine Plattform zu laden. Bisher sind mehrere zehntausend Dateien eingegangen. Ein 35-köpfiges Team sichtet diese Daten. Auch hier ist das Ziel herauszubekommen, ob der Täter alleine gehandelt hat oder zusammen mit anderen Personen. Polizeipräsident Gerhard Pürstl sagte dazu: "In so einer Situation ist es sehr schwierig, auszumachen, ob es nur einen Täter oder mehrere Täter gegeben hat."

Wie der Blick aus der Schweiz berichtet, habe eine Sondereinheit zudem in Winterthur zwei Männer festgenommen. Sie sollen sich mit dem Attentäter getroffen haben, wie die Schweizer Justizministerin Karin Keller-Sutter am Dienstagabend auf einem Podium des St. Galler Tagblattes bekannt gibt. Am Dienstagabend reklamiert die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) den Anschlag auf seiner Plattform Naschir News für sich.

Wer ist der Attentäter von Wien?

Nach Angaben des Österreichischen Innenministers handelt es sich bei dem Mann um einen islamistischen Terroristen und IS-Sympathisanten, der den Sicherheitsbehörden bekannt war. Er sagte weiter, dass der Mann 20 Jahre alt war, nordmazedonische Wurzeln hatte und wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung einschlägig vorbestraft sei. Er wollte in der Vergangenheit nach Syrien ausreisen, um sich dort der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anzuschließen und sei daran gehindert worden.

Deshalb wurde er am 25. April 2019 wegen Mitgliederschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 22 Monaten Haft verurteilt. Allerdings sei er schon am 5. Dezember 2019 vorzeitig bedingt entlassen worden. Demnach galt er als junger Erwachsener und fiel damit unter die Privilegien des Jugendgerichtsgesetzes.

Der ehemalige Anwalt des jungen Mannes Nikolaus Rast sagte am Dienstag, der junge Mann stamme aus einer völlig normalen Familie. "Für mich war das ein Jugendlicher, der das Pech gehabt hat, an die falschen Freunde zu geraten", so der Strafverteidiger gegenüber der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Seit Jahren sympathisierte der 20-Jährige mit der Terrormiliz Islamischer Staat IS und war bereit, für sie in den Kampf zu ziehen. 

In dem Prozess im Jahr 2019 erzählt der Mann, dass er Ende 2016 in die falsche Moschee" geraten sei. Seine Leistungen in der Schule wurden immer schlechter, Streit mit der Mutter gab es immer öfter. "Ich wollte weg von zu Hause", erzählt der Mann vor Gericht. Vom IS habe er sich ein besseres Leben erwartet. "Eine eigene Wohnung, eigenes Einkommen."

Wie der Polizeipräsident Pürstl am Dienstagmorgen sagte, wurde der Mann um 20.09 Uhr von Polizisten erschossen. Gegen 20 Uhr waren die ersten Notrufe eingegangen.

Florian Klenk, Chefredakteur der linksliberalen Wochenzeitung Falter, schreibt, auf Twitter, dass es sich bei dem Mann 20-jährigen Wiener mit albanischen Wurzeln handelt. Er sei dem Verfassungsschutz bekannt gewesen, weil er nach Syrien ausreisen wollte und daran gehindert wurde.

Was war das Motiv des Täters?

Nach Angaben des Innenministeriums war der Mann ein IS-Sympathisant. Da die Tat in der Nähe der Wiener Synagoge passierte, kann auch ein antisemitischer Hintergrund nicht ausgeschlossen werden. Der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde in Wien schreib dazu auf Twitter: "Ob auch der Stadttempel Ziel des Anschlags war, kann derzeit weder bestätigt noch ausgeschlossen werden.“

Die Gegend, in der der Anschlag passierte, ist allerdings ein sehr beliebtes Ausgehviertel in Wien. Auch solche Gegenden waren immer wieder Ziele von islamistischen Anschlägen geworden. Etwa am 13. November 2015 als mehrere Attentäter in Paris Besucher eines Rockkonzerts im Bataclan-Theater so wie Gäste in Bars und Cafés erschossen.

Der österreichische Innenminister Nehammer sprach nach der Terrorattacke davon, dass der Anschlag ein Angriff auf demokratische Werte wie freie Meinungsäußerung, Rechtsstaatlichkeit und Toleranz im gesellschaftlichen Zusammenleben sei. "Und ein völlig untauglicher Versuch, unsere demokratische Gesellschaft zu schwächen oder gar auseinanderzubringen", sagte er.

Wie hoch ist die Bedrohung durch islamistische Terroristen in Deutschland?

In Deutschland schätzt der Verfassungsschutz die Bedrohungslage durch Islamisten weiterhin als hoch ein. So steht es im Bericht der Sicherheitsbehörde, der im Sommer veröffentlicht wurde. „Deutschland wird von dschihadistischen Organisationen nach wie vor als Feind wahrgenommen und steht unverändert in deren Zielspektrum“, warnt der Inlandsgeheimdienst. Dass die Bedrohung real ist, zeigt der Messerangriff von Dresden Anfang Oktober, bei dem zwei Touristen von einem syrischen Extremisten erstochen wurden. Das zeigen auch vereitelte Anschlagsplanungen, wie zum Beispiel Mitte 2019 in Schleswig-Holstein oder im April dieses Jahres in Nordrhein-Westfalen. In beiden Fällen hob die Polizei Terrorzellen aus.

Das Bundeskriminalamt zählt seit dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin Ende 2016 rund ein Dutzend verhinderte Terror-Attacken. Als größte Gefahr fürchten Polizei und Verfassungsschützer radikale Einzeltäter, die auf der Straße wahllos Unschuldige angreifen, wie es jetzt auch in Wien geschehen ist. Der Inlandsgeheimdienst rechnet hierzulande 28.000 Personen zur radikalen Islamistenszene, die größer wird. Von diesen werden aktuell 630 als Gefährder eingestuft, von denen ein hohes Risiko für Anschläge und Gewalttaten ausgeht. Etwa ein Viertel der 630 Gefährder befindet sich in Haft.

Zuletzt kamen anderthalb Tausend Dschihadisten hinzu. Sie verteilen sich auf verschiedene Gruppen, wie die Muslimbrüder, Hisbollah, Salafisten und Milli Görus. Auch die Terrorbrigaden Islamischer Staat und Al Quaida  sind in der Bundesrepublik aktiv. (mit dpa)

Alle Entwicklungen rund um die Terror-Attacke von Wien können Sie auf unserem Live-Blog verfolgen.

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