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Islamismus

31.01.2019

Terroralarm an der Nordseeküste

Polizisten vor dem Wohnhaus in Meldorf: Das mutmaßliche Terror-Trio wurde mehrere Wochen, in der Spitze mit über 200 Sicherheitskräften, überwacht.
Bild: Bodo Marks,dpa

Drei irakische Flüchtlinge sollen in Schleswig-Holstein einen Anschlag geplant haben. Sie übten bereits dafür

Noch vor dem Morgengrauen stürmen Anti-Terrorkräfte der GSG 9 und des Bundeskriminalamtes die Wohnung im idyllischen Landkreis Dithmarschen in Schleswig-Holstein. Drei irakische Flüchtlinge werden festgenommen. Sie sollen einen Anschlag geplant haben, wird die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe später mitteilen. Wo die mutmaßlichen Islamisten zuschlagen wollten, ist nicht klar. Doch haben sie den Ermittlungen zufolge Sprengversuche unternommen, Zünder bestellt und versucht, an eine Pistole zu kommen.

Das schlichte gelbe Haus in der 900-Seelen-Gemeinde Elpersbüttel, in dem sie gefasst werden, liegt wenige Kilometer von der Nordseeküste und Büsum entfernt. „Wie ich aus dem Fenster guckte, habe ich auf einmal ganz viele Taschenlampen gesehen. Da habe ich selber schon einen Schreck bekommen“, beschreibt Nachbar Björn Goe die Szenerie gegen sechs Uhr am Mittwochmorgen. Ein großer Knall, lautes Stimmengewirr, „dann haben sie über mir die Wohnung gestürmt“.

Nicole Beucke, Mutter von drei Kindern, konnte beobachten, wie ein Mannschaftswagen der Polizei neben dem Haus parkte. Die Sicherheitskräfte hätten drei Männer mit Handschellen hinausgeführt und sofort weggefahren. In der Wohnung hätten die Einsatzkräfte verschiedene Dinge sichergestellt, auch Han-dys und CDs. „Sogar die Heizung wurde auseinandergenommen, da waren wohl auch noch Sachen drin. Die Heizung musste dann auch repariert werden.“ Seit ein paar Monaten wohnten die Männer in der Wohnung. „Tagsüber hat man da keinen gesehen – und wenn doch, waren sie recht freundlich und haben immer gegrüßt“, sagt Nachbarin Beucke. Abends seien sie „nachtaktiv“ geworden.

Wie der Generalbundesanwalt mitteilt, wird zwei Männern im Alter von 23 Jahren die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vorgeworfen, einem dritten, 36-jährigen Mann Beihilfe dazu. Die Anschlagspläne seien islamistisch motiviert gewesen, heißt es. Bei den Verdächtigen soll es sich nicht um arabische Iraker, sondern um Kurden handeln. Jedenfalls wurde während der Ermittlungen ein kurdischer Übersetzer eingesetzt. Das ist ungewöhnlich. Denn im Irak sehen die meisten Kurden die Terrormiliz Islamischer Staat und arabische „Dschihadisten“-Gruppen als Feinde an.

BKA-Präsident Münch sagt, mit den heutigen Festnahmen seien seit dem Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember 2016 nun schon sieben Mal Anschlagspläne islamistischer Terroristen von den Behörden durchkreuzt worden. Das ist, je wie man es sieht, eine gute oder schlechte Nachricht. Gut, weil die Sicherheitsbehörden jetzt wohl schneller zugreifen, wenn ein konkreter Verdacht im Raum steht. Schlecht, weil sich zeigt, dass Anis Amri, der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, kein Einzelfall war.

Der BKA-Chef sagt, der aktuelle Fall zeige, dass die Behörden in der Lage seien, „Bedrohungen zu erkennen“. Und er erklärt, wie viel Aufwand die Polizisten von Bund und Ländern treiben mussten, um vor dem Zugriff genügend gerichtsfeste Beweise zu sammeln.

Das Trio wurde mehrere Wochen lang observiert, teilweise rund um die Uhr, „in der Spitze mit über 200 Mitarbeitern“. Sehr professionell seien die Iraker bei ihren Versuchen, eine Bombe zu bauen, nicht vorgegangen, berichten die Sicherheitsbehörden. Doch auch Amri war kein Profi-Killer. Er hatte ebenfalls zuerst versucht, gemeinsam mit anderen Islamisten in Berlin einen Sprengsatz herzustellen. Später machte er einen gestohlenen Lastwagen zur tödlichen Waffe.

Die Iraker, die jetzt festgenommen wurden, hatten wohl einen ähnlichen Plan. Einer von ihnen hatte begonnen, Fahrstunden zu nehmen. Sehr weit war er damit aber laut BKA noch nicht gekommen. Anders als der abgelehnte Asylbewerber Amri hätten die drei Festgenommenen durchaus eine Zukunft in Deutschland gehabt – zumindest theoretisch. Das Bundesamt für Flüchtlinge hatte sie als „schutzberechtigt“ eingestuft.

Es ist bekannt, dass gerade unter den irakischen Flüchtlingen etliche sind, die 2015 und 2016 mit – teilweise von Schleppern geschürten – falschen Vorstellungen über ein Leben in Deutschland eingereist waren. Unter den 606 Ausländern, die von September bis Dezember im Rahmen der Aktion „Dein Land, Deine Zukunft“ von der Bundesregierung Geld nahmen, um in ihre Heimat zurückzukehren, stellten die Iraker mit 179 Rückkehrern die größte Gruppe. Mittelfristig haben die Behörden auch die Abschiebung der drei Männer, gegen die der Generalbundesanwalt jetzt ermittelt, im Blick. Ihr Fall war bereits Thema in der Arbeitsgruppe des Terrorabwehrzentrums von Bund und Ländern, in der die Abschiebung von Gefährdern vorangetrieben wird, hieß es. Anne-Beatrice Clasmann und Matthias Hoenig, dpa

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