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Interview

04.02.2017

Tritt jetzt auch noch Papst Franziskus zurück?

Wie lange wird Papst Franziskus sein Amt wohl noch ausführen?
Bild: Alessandro Di Meo, dpa

Vor vier Jahren verzichtete der bayerische Papst auf sein Amt. Tut es ihm sein Nachfolger bald gleich? Was Kirchenhistoriker Hubert Wolf dazu sagt.

Herr Wolf, hat sich Kurienerzbischof Georg Gänswein, der Privatsekretär des zurückgetretenen Papstes Benedikt XVI., schon bei Ihnen beschwert?

Hubert Wolf: Nein, von Georg Gänswein habe ich noch nichts gehört.

Sie haben Benedikt dafür kritisiert, dass er weiterhin die weißen Papst-Gewänder trägt und sich als „Papa Emeritus“, als emeritierter Papst, versteht. Er sei damit nicht klug beraten.

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Wolf: Viele Leute haben mich gefragt: Wie kann es sein, dass es jetzt zwei Päpste, zwei in weiß gewandete Männer auf dem Petersplatz in Rom gibt? Ist das kirchengeschichtlich gesehen nicht problematisch? Aber natürlich habe ich hohen Respekt vor der Rücktritts-Entscheidung Benedikts XVI. Er hat sich als Intellektueller selber über die Schulter geschaut und gemerkt, dass er das Amt nicht mehr länger ausüben kann.

Aber?

Wolf: Ich bleibe bei meiner Kritik: Historisch gesehen tritt jemand, der das Petrusamt ablegt, wieder in den Status zurück, aus dem er kommt. So hat es Gregor XII. im Jahr 1415 gemacht, er wurde wieder Kardinalbischof. Ich halte es theologisch für äußerst problematisch, dass man nun sagt, das Papstamt habe zurzeit zwei Inhaber, einen „kontemplativen“, zurückgezogen lebenden und einen „aktiven“ Papst.

Hat Benedikt das Papstamt mit seinem Rücktritt menschlicher gemacht?

Wolf: Vielleicht. Aber dass sein Nachfolger Franziskus bald nach seinem Amtsantritt sagte, der liebe Gott habe ihm vielleicht nur vier oder fünf Jahre gegeben, und dass wir uns an zurückgetretene Päpste gewöhnen müssen – das kann zum Problem werden.

Warum?

Wolf: Weil es die Autorität des Papsttums gefährden könnte. Wenn gesagt werden könnte: Ach, der Papst tritt eh bald zurück – dann wird das Amt geschwächt.

Und es würden Verschwörungstheorien blühen.

Wolf: Allerdings.

Schon jetzt wird in Rom wild spekuliert, wann Franziskus denn nun zurücktritt – gerade unter seinen Gegnern. Wenn er es ernst meinte mit seinen Äußerungen, müsste es in diesem oder im nächsten Jahr soweit sein.

Wolf: Wenn er spüren sollte, dass er seinem Dienst nicht mehr so gewachsen ist, wie er es sich wünscht, dann wird er zurücktreten. In Rom kursieren noch weitere Gerüchte, die als Hinweise auf einen bevorstehenden Rücktritt von Franziskus gedeutet werden. Das Erste: Er ist im Dezember 80 Jahre alt geworden. Von Kardinälen und Bischöfen verlangt er, dass sie spätestens mit 80 ihren Rücktritt einreichen. Und der Papst ist ja schließlich der Bischof von Rom.

Und das Zweite?

Wolf: Im April wird er erstmals nach Lateinamerika fliegen – und wird angeblich gleich in seiner Heimat Argentinien bleiben. Ich würde auf solche Gerüchte aber nicht so viel geben. Franziskus macht auf mich einen sehr souveränen Eindruck.

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Häufig ist auch die Theorie zu hören: Wenn Franziskus die katholische Kirche wirklich reformieren will, muss er möglichst lange im Amt bleiben – und noch viele Kardinäle ernennen, die einmal einen Nachfolger wählen, der in seinem Sinne wäre.

Wolf: Sicher brauchen Reformen Zeit. Wie die Reform aber, die Franziskus vorschwebt, am Ende genau aussieht, wissen wir nicht. Ist es der neue Stil? Der ist sicher da. Ist es eine große Kurien-Reform, also eine Reform des Verwaltungsapparats des Vatikans? Die sehe ich im Moment nicht. Ich wünschte mir, dass sich Strukturen ändern.

Zum Beispiel?

Wolf: Wenn ich Franziskus richtig verstehe, will er, dass nicht alles im Vatikan entschieden werden muss. Er will den Bischöfen mehr Verantwortung übertragen. Die Fragen sind: Was muss in Rom für die Weltkirche entschieden werden, auch um deren Einheit nicht zu gefährden? Und wo gibt es Frei- oder Spielräume für die Ortskirchen? Wie etwa wollen die deutschen Bischöfe künftig mit wiederverheirateten Geschiedenen umgehen? Unter welchen Umständen können diese wieder zur Kommunion zugelassen werden? Der Papst hat sich dazu in seinem Schreiben „Amoris laetitia“ geäußert, eine Antwort der deutschen Bischöfe darauf stand lange Zeit aus.

Sie kam am Mittwoch. Unter Berufung auf Franziskus öffnen die Bischöfe wiederverheirateten Geschiedenen Wege zum Kommunion-Empfang. Ist das eine echte, tief greifende Reform?

Wolf: Ja, das ist eine wirkliche Reform, denn es wird in die Gewissensentscheidung der Betroffenen gelegt, ob sie zum Sakrament der Eucharistie hinzutreten können oder nicht. Damit haben die deutschen Bischöfe die Möglichkeiten, die Papst Franziskus ihnen eröffnet hat, genutzt. Übrigens hatte Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., 1972 bereits den Pfarrern die Kompetenz zugesprochen, den wiederverheirateten Geschiedenen nach Einzelfallprüfung offiziell den Zutritt zur heiligen Kommunion zu gewähren. Als die oberrheinischen Bischöfe aber 1983 genau diesen Vorschlag wieder machten, wurden sie von Ratzinger – jetzt als Präfekt der Glaubenskongregation – zurückgepfiffen.

Nach einem Rücktritt von Franziskus könnte es, in den Augen der Öffentlichkeit, drei lebende Päpste geben.

Wolf: Deshalb will ich mir einen Papstrücktritt nicht als Normalfall vorstellen. Was wäre, wenn die Zurückgetretenen nicht zurück ins Glied träten?

Es bräuchte eine Regelung für einen Papstrücktritt.

Wolf: Ja, weil es noch keine genaue Bestimmung für diesen Fall gibt. Johannes Paul II. hat sein Amt bis zum Ende regelrecht durchlitten. Er konnte selbstständig nur noch bedingt handeln und war abhängig von seiner Umgebung. Benedikt wollte es so weit nicht kommen lassen. Beide wurden kritisiert. Es bräuchte eine Regelung, aber die wird nicht einfach zu finden sein: Denn wer sollte entscheiden, dass ein Papst nicht mehr amtsfähig ist?

Wie immer Franziskus entscheidet – in absehbarer Zeit werden sich die Kardinäle zum Konklave treffen müssen, um einen Nachfolger zu wählen. Hunderte Millionen Menschen in aller Welt warten dann auf den weißen Rauch ...

Wolf: Eine Papstwahl ist wahrscheinlich die einzige geheime Wahl, die es überhaupt gibt. Auch danach erfährt man so gut wie nichts von ihr. In einer Zeit, in der man im Internet selbst die geheimsten Geheimdienstberichte nachlesen kann, ist so eine Inszenierung einfach etwas, das die Menschen fasziniert.

Wie der Papst selbst.

Wolf: Sein Amt ist etwas Einmaliges, gewählt wird der Stellvertreter Christi auf Erden. Er ist für viele eine unangreifbare moralische Instanz, über die katholische Kirche hinaus.

Woher wird der nächste Papst stammen?

Wolf: Ich kann mir inzwischen vieles vorstellen. Die Konzentration auf einen Italiener, die über Jahrhunderte bestand, gibt es nicht mehr. Die entscheidende Frage für die Kardinäle, die den Papst wählen, wird nicht in erster Linie dessen Herkunft sein. Die Frage für sie wird sein: Braucht es jemanden, der die Reform der Kirche vorantreibt, oder jemanden, der dem Papsttum eher wieder eine besondere Aura verleiht?

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