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21.05.2019

Trostloses Rumänien: Eine Nacht im Armenhaus der EU

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Jede Nacht ist Dan Popescu mit seinem Krankenwagen in Bukarest unterwegs.
Bild: Julian Würzer

Rumänien ist ein Land, in dem Prostituierte, Obdachlose und Drogenabhängige ausgegrenzt werden. Unterwegs mit einem, der sich jede Nacht gegen die Misere stemmt.

Popescu stoppt den Krankenwagen an einer Garage zwischen dem Park und dem Hauptbahnhof. Mit seinem Smartphone leuchtet er, ein reifengroßes Loch in der Wand kommt zum Vorschein. Es sieht aus wie Höhleneingang. „Das ist die Haustür der Obdachlosen am Bahnhof“, erklärt Popescu. Und dass man von hier aus die Kanalisation gelange. Popescu zeigt auf ein Loch in der Straße, das lose Steine notdürftig bedecken. Noch so ein Eingang. Dampf steigt auf, es riecht nach Urin und Kot. „Im Winter schlafen die Obdachlosen dort unten, da ist es wärmer“, sagt Popescu.

Der Eingang in die Kanalisation in Bukarest – das Zuhause der Obdachlosen.
Bild: Julian Würzer

Ein Mensch, der nie eine Tür benutzt, weiß nicht wie man sie öffnet, deshalb gräbt er ein Loch, sagt Popescu. Bis vor drei Jahren lebten mehr als 100 Menschen unter dem Asphalt. Allesamt frühere Kinder der Waisenhäusern, die nach dem gewaltsamen Sturz des kommunistischen Diktators Nicolae Ceausescu 1989 geschlossen wurden. Jahrelang lebten sie ein für ihre Verhältnisse gutes Leben – unter der Erde, zwischen Kanalisation und Metro. Ein Drogendealer, der auf den Namen Bruce Lee hört, kümmerte sich um sie. Er hielt die Gemeinschaft unter der Straße zusammen. Im Gegenzug vertickten die Tunnelmenschen seine Drogen. Bis die Polizei den Drogenring zerschlug. Bruce Lee sitzt seitdem im Gefängnis. „Er schenkte den Menschen unter der Erde Hoffnung. Die meisten verloren sie danach“, sagt Popescu.

Jetzt hausen nur noch zehn Obdachlose dort. „Die Politik hofft darauf, dass sie alle wegsterben“, meint der Mann von der Drogenambulanz. Bevor die sozialliberale Regierung Geld für Obdachlose ausgebe, finanziere sie lieber Straßen, am besten dort, wo potenzielle Wähler einen Nutzen haben. Die Menschen, die Popescus seine „Kunden“ nennt – Obdachlose, Prostituierte, Drogensüchtige – sind keine Wähler.

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Rumänien gilt wegen der Korruption als Sorgenkind der EU. Der investigative Journalist Dan Tapalaga hat die Korruption bereits spüren müssen. Er hat kritisch über den Vorsitzenden der regierenden Partei, Liviu Dragnea, berichtet. Folglich wurde das Medienhaus, für das Tapalaga schrieb, aufgekauft. Und doch tut sich etwas, sagt er. In den vergangenen Jahren seien zahlreiche Verfahren gegen korrupte Politiker eingeleitet worden. Viele von ihnen mussten ins Gefängnis. „Aber nach all diesen Erfolgen, versucht die Regierung die Ermittlungen zu unterbinden“, sagt Tapalaga. Das aktuellste Beispiel sei Laura Kövesi. Sie bekämpfte die Korruption im Land jahrelang. Im vergangenen Jahr wurde sie aus ihrem Amt entlassen. Geht es nach Brüssel, soll sie nun EU-Staatsanwältin werden. Die rumänische Regierung, vor allem Dragnea, stemme sich dagegen.

Dan Popescu ist der letzte, der noch immer gegen Aids kämpft

Es ist kurz vor Mitternacht. Popescu öffnet seinen dritten Energydrink und pafft eine Zigarette. Wenn er manchmal abends den Schlüssel umdreht und den Krankenwagen startet, fragt er sich, wie lange er noch durch die Straßen fahren will. Solange bis sich niemand mehr in Bukarest mit HIV infiziert, sagt er sich dann. Vor 13 Jahren habe er sich zusammen mit Freunden dem Kampf gegen Aids verschrieben. Sie seien wie eine kleine Rockband durch die Stadt getourt. Ihre Musik: gebrauchte Spritzen, die sie vernichten konnten. Dan Popescu ist der letzte, der aus der Rockband geblieben ist. Der Altrocker, der es noch wissen will. Nacht für Nacht.

Popescu und seine Kollegen sammeln gebrauchte Spritzen ein, dafür teilen sie saubere aus.
Bild: Julian Würzer

An diesem Abend endet die Fahrt in einem Roma-Viertel. Auf einem Gehweg sitzen zwei Mädchen, kaum älter als 14. Eine nippt an einer Wodkaflasche. Ein untersetzter Mann ruft. „Gebt mir die Spritzen, ich verteile sie.“ Dann rennt er weg. „Er wollte sie nicht teilen, er wollte Gewinn machen“, sagt Popescu. Eine frische Nadel kostet auf dem Schwarzmarkt etwa einen Ron, 20 Cent. Von Dan Popescu und seinem Team bekommt er sie kostenlos.

Vor dem Krankenwagen stehen Menschen Schlange. Der 19-Jährige, dessen Arme vom Fixen vernarbt sind, der seinen ersten Vollrausch mit zehn hatte, in der Nacht, in der sein Vater seine Mutter vor seinen Augen umgebracht hat. Die Frau daneben, die nicht mehr gerade stehen kann, seit sie vor ein paar Jahren von einem Auto angefahren wurde und niemand sie ins Krankenhaus brachte. Und der dünne Mann, der nach Alkohol riecht. Frauen gehören an den Herd, schimpft er auf Popescus Kollegin, nicht auf die Straße, sagt er und stolpert. Aus seinem Hosenbund fällt eine Pistole. Hektisch greift er nach der Waffe. Dan Popescu wird später sagen, dass die meisten seiner Kunden eine Waffe bei sich tragen. Messer, Pistolen, Schlagstöcke. Angst habe er keine mehr. „Sie sind aggressiv und gewalttätig, weil sie es nicht anders kennen.“

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