Ob Ophelia ahnt, was da auf sie zurollt? Ihr Leben ist jedenfalls schon jetzt komplett aus den Fugen. Die New Yorker Staatsanwaltschaft hält die 32-jährige Hotelangestellte an einem geheimen Ort vor den neugierigen Blicken der Öffentlichkeit versteckt. Schützen soll das auch vor dem Druck, den die gewieften Anwälte Dominique Strauss-Kahns auf die alleinerziehende Mutter ausüben.
Ophelia gegen Dominique Strauss-Kahn, ein Zimmermädchen gegen einen der mächtigsten Männer der Welt – auf den ersten Blick ein ungleiches Duell. Ophelia, den Namen hat sie sich selbst gegeben, um amerikanischen Zungen die Aussprache ihres Geburtsnamens Narfitassou zu ersparen. Viele Einwanderer machen das hierzulande. Aber für Strauss-Kahns Anwälte wird auch dies ein Indiz sein, an ihrer Glaubwürdigkeit zu rütteln.
Vor sieben Jahren kam die Witwe aus Guinea in die USA, erhielt dort Asyl. Mit ihrer 15-jährigen Tochter Dana lebt sie seit einigen Monaten in einem Appartementhaus in einer der ärmeren Gegenden der New Yorker Bronx. Ein Verein, der sich um Aids-Kranke kümmert, hat das Haus angemietet. Ob sie selbst die Krankheit hat, ist nicht bekannt. Für Strauss-Kahn wäre dies eine weitere schlechte Nachricht.
Ihre Beschuldigungen, der Vergewaltigungsversuch, der erzwungene Oralsex, haben den französischen Weltbanker in die karge Zelle auf der berüchtigten New Yorker Gefängnisinsel Rikers Island gebracht. In einem separaten Flügel, der ihn zum eigenen Schutz von den anderen Gefangenen trennen soll, ist der prominente U-Häftling untergebracht. Dort ist DSK, wie er daheim in Frankreich genannt wird, 23 Stunden am Tag auf sich allein gestellt. Nur ein einstündiger Hofgang, drei kärgliche Mahlzeiten und die Besuche der Anwälte bringen Abwechslung in die Monotonie dieses Alltags. Auch Ehefrau Anne Sinclair, die aus Paris anreiste, hat ihn erstmals besuchen dürfen.
Alle 15 Minuten blickt ein Schließer in die Zelle, um zu verhindern, dass sich Strauss-Kahn etwas antut. Es gibt die Sorge, dass der 62-Jährige mit dem ausgeprägten Hang zum guten Leben den Sturz aus den Höhen der Hochfinanz und Spitzenpolitik in ein derartiges Loch nicht verkraften könnte.
Draußen hat die Schlacht derweil begonnen. Kann man Ophelia glauben? Detektive der New Yorker Agentur „Guidepost Solutions“ sind engagiert, um in ihrem Leben zu kramen. Darüber hinaus haben Strauss-Kahns Anwälte längst damit begonnen, Zweifel an ihren Aussagen zu säen.
„Einvernehmlich“ soll der Sex gewesen sein, ließ Anwalt Benjamin Brafman offenbar verbreiten. Eine Behauptung ist das, die Ophelias Anwalt empört zurückwies: „Sie wurde angegriffen und musste fliehen. Sie sagt die Wahrheit“, polterte Jeffrey Shapiro. „Sie ist nur ein Zimmermädchen, das in einen Raum ging, um sauber zu machen.“
Stolz sei sie auf ihren Job. „Sie hätte nie etwas getan, um diese Arbeit zu gefährden.“ Sie sei das Opfer, nicht nur mit Blick auf die Geschehnisse in der Hotelsuite, sondern auch hinsichtlich ihres gewohnten Lebens, das sie vielleicht nie mehr zurückbekomme. „Ihre Welt steht auf dem Kopf.“
Auch ein Bruder, der in New York ein afrikanisches Restaurant betreibt, stellt sich schützend vor seine Schwester. Sie sei eine gute Muslima, führe ein unauffälliges, stilles Leben. Ihr Arbeitgeber stellt ihr ebenfalls ein gutes Zeugnis aus. Nicht jedes Zimmermädchen darf in der 28. Etage des Luxus-Hotels, wo sich die Suiten befinden, sauber machen.
Ebenso hält Staatsanwalt Cyrus Vance seine Zeugin für seriös und glaubwürdig. Der spektakuläre Fall, der in aller Welt hohe Wellen schlägt, ist auch seine große Chance, sich über New York hinaus einen Namen zu machen, vielleicht in einem Atemzug mit Kenneth Starr genannt zu werden, der seinerzeit Bill Clinton nachsetzte.
Strauss-Kahns weiteres Schicksal liegt nun in den Händen einfacher New Yorker Bürger, die morgen als Grand Jury zu entscheiden haben, ob die Indizien ausreichen, ihm den Prozess zu machen. Haben sie Zweifel, kommt er sofort frei.
Wenn nicht, geht die Schlacht erst richtig los.