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Memmingen/Babenhausen

14.05.2019

Von Afrika bis Israel: So funktioniert Schüleraustausch heute

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Von Memmingen nach Somerset West: Schüler aus dem Unterallgäu besuchten im Frühjahr 2018 den Ort in der Nähe von Kapstadt. Der Kontakt zwischen den Schülergruppen besteht immer noch.
Bild: Maria Anna Straub

Eine Realschule aus Babenhausen bietet einen Austausch mit Israel an, Schüler aus Memmingen fliegen regelmäßig nach Südafrika. Welche Vorschriften es für Austauschprogramme gibt.

Jugendliche gehen zelten, in die Schule, in die Kirche. Man merkt nicht, dass Krieg ist. Das ist das Erste, das Justina Bertele erzählt. Die 15-Jährige sitzt in einem Zimmer der Anton-Fugger-Realschule in Babenhausen im Landkreis Unterallgäu, weit weg von irgendwelchen Konflikten. Im April 2018 allerdings war Justina bei einem Schüleraustausch dabei, in einem Land, in dem seit vielen Jahren Krieg herrscht: Israel.

Ein Schüleraustausch mit Israel – geht das? Ja, denn Organisation und Betreuung der Programme sind den Schulen überlassen. Das bayerische Kultusministerium gibt lediglich vor, dass Schüler der Austauschländer dieselbe Fremdsprache lernen müssen. Sprechen also beide Seiten Englisch, ist es kein Problem, wenn die Landessprache Hebräisch ist. Trotzdem ist Israel ein Ziel, das Christian Hatt „durchaus exotisch“ nennt. Er ist Mitglied der Schulleitung in Babenhausen und weiß, dass die meisten Schulen Austauschprogramme mit Ländern wie England anbieten. Spitzenreiter bei Gruppenaustauschen ist laut dem Kultusministerium Frankreich. Die Partner können die Schulen also selbst wählen – sofern die Partnerschaft auf „Kontinuität und Gegenseitigkeit angelegt ist“, so die Vorgabe aus dem Ministerium.

Etwas Besonderes: der Austausch der Babenhausener Realschule mit Israel

Ein Austausch mit Israel wie an der Babenhausener Realschule ist nicht nur aufgrund des Ziels etwas Besonderes, sondern auch, weil ein Großteil der Programme an Gymnasien stattfindet: Im vergangenen Schuljahr haben laut Ministerium rund 30500 bayerische Schüler an internationalen Austauschmaßnahmen teilgenommen. Knapp 22000 davon waren Gymnasiasten. Dass Real- und Mittelschüler nicht so oft ins Ausland gehen, liegt laut Kultusministerium daran, dass die Schüler zu jung sind und oft keine zweite oder dritte Fremdsprache lernen.

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Am Gymnasium gibt es Austausche vor allem in den Jahrgangsstufen sieben bis zehn. Das Kultusministerium begründet das damit, dass „die Schüler noch in Klassenverbänden organisiert sind und in der ersten, zweiten oder dritten Fremdsprache ausreichende Kenntnisse erworben haben“. Ein weiterer Grund sei, dass die Schüler „aufgrund ihres Alters und der persönlichen Reife den besonderen Anforderungen eines Eintauchens in die Alltagskultur eines fremden Landes gewachsen sind“. Erreichen Real- und Mittelschüler diese geistige Reife, sind sie – als Neunt- oder Zehntklässler – meist mit Abschlussprüfungen beschäftigt. Auch Oberstufenschüler am Gymnasium dürfen nur in Ausnahmefällen an einem Austausch teilnehmen.

Am Memminger Bernhard-Strigel-Gymnasium wird ein Austausch mit Südafrika angeboten

Dass das Alter eine Rolle spielt, betont auch Barbara Meßmer. Sie organisiert am Bernhard-Strigel-Gymnasium in Memmingen alle zwei Jahre für rund 20 Zehntklässler einen Austausch mit Südafrika. „Die Schüler können in dem Alter einschätzen, was sie dort erwartet.“ Drei Wochen verbringen die Unterallgäuer in der Nähe von Kapstadt – eine Zeitspanne, die der Freistaat bei Zielen, die außerhalb Europas liegen, erlaubt. Für innereuropäische Austauschmaßnahmen sind maximal zwei Wochen vorgesehen.

Als Barbara Meßmer der Schulleitung und dem Kultusministerium vor sechs Jahren den Austausch mit Südafrika vorschlug, seien die Reaktionen positiv gewesen. Nur manche Eltern waren zunächst überrascht: „Aber das ist verständlich: Südafrika ist weiter, fremder als beispielsweise England.“ Daher seien die Vorbereitungen auch deutlich intensiver. Für Johannes Galm, der 2018 am Südafrika-Austausch teilnahm, war das Spannende, „dass die Schüler dort in einer ganz anderen Kultur aufgewachsen sind“. Kai Fackler, der neben Johannes sitzt, erzählt, dass der Austausch für ihn sogar ein Grund war, sich für das Gymnasium zu entscheiden: „Als ich als Viertklässler beim Tag der offenen Tür war, wusste ich schon, dass ich das Land kennenlernen will, weil es so weit weg ist.“

Das bayerische Kultusministerium macht auch hinsichtlich der Kosten Vorgaben für Austauschprogramme

Große Entfernung, langer Flug, hohe Ausgaben: Rund 1200 Euro kostet die Reise pro Schüler. Barbara Meßmer betont, dass trotzdem Schüler aus allen Gesellschaftsschichten dabei waren. Sie habe eher Probleme, eine zweite Lehrkraft als Begleitung zu finden: „Das Kultusministerium fördert den Austausch zwar finanziell und zahlt zwei Lehrern die Hälfte des Flugs – für die andere Hälfte müssen wir aber immer Lösungen finden.“ Für die Schüler gibt das Ministerium vor, dass die Kosten, die sich „in einem zumutbaren Rahmen halten sollten“, von den Erziehungsberechtigten oder volljährigen Schülern übernommen werden müssen. Für Kinder aus finanziell schlechter gestellten Familien sollten alle Mittel ausgeschöpft werden.

Auch der Austausch mit Israel an der Babenhausener Realschule kostete pro Schüler 800 Euro – für Justina Bertele und ihre Klassenkameradin Mona Knipfer war es das aber wert: „Wir würden es jederzeit wieder tun.“ Der einwöchige Austausch sei wie im Flug vergangen: Die Unterallgäuer besuchten in Israel Orte aus der Bibel und zeigten ihren Partnern unter anderem den Weihnachtsmarkt in Ulm. Was die Schüler aus Israel am spannendsten fanden? „Schnee – das haben die ja noch nie gesehen“, sagt Justina.

Viele Austauschschüler freuen sich über den Schnee

So ging es auch den Südafrikanern, die Memmingen jeweils über Weihnachten besuchten. Die Memminger sahen im Gegenzug den Tafelberg – aber auch ein Township, einen afrikanischen Slum. Vor dem Flug sammelten sie Spenden und engagierten sich dann vor Ort – in Eigenverantwortung: „Wir haben in einem Kindergarten im Township die Toiletten gestrichen“, erzählen die Schüler. Barbara Meßmer betont: „Ich erwarte etwas von denen, die dabei sein wollen.“

Ein Schüleraustausch ist kein Urlaub: „Uns ist es wichtig, dass die Schüler den Alltag vor Ort und in den Familien kennenlernen – das kriegen sie so nie wieder.“ Touristenattraktionen könne man sich später immer noch anschauen – und das tun einige Schüler: „Ich weiß von mindestens vier, die nach dem Abitur für längere Zeit in Südafrika waren“, erzählt Barbara Meßmer. Kontakt zu den Austauschpartnern bestünde nach wie vor – das versichern die Gymnasiasten aus Memmingen ebenso wie die Realschülerinnen aus Babenhausen.

Die Schüler aus Memmingen und Babenhausen haben von den Austauschprogrammen profitiert

Im Alltag habe er vom Austausch profitiert, betont Dogukan Akbas: „In der zehnten Klasse ist Südafrika im Englischunterricht ein wichtiges Thema – es wird erklärt, dass Südafrika ein Zentrum verschiedener Kulturen ist. Aber das versteht man viel besser, wenn man selbst dort war.“ Auch in der mündlichen Schulaufgabe konnte er sein Wissen über Südafrika einbringen. „Wertvolle Erfahrungen“, die das Ministerium als Ziel der Austauschprogramme nennt, gab es also genug. Auch Christian Hatt von der Realschule Babenhausen betont: „Man merkt durch einen Austausch: Die Welt ist kleiner, als man denkt.“

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