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Europa

01.01.2020

Warum Griechenland Auswanderer zurückholen will

Folklore vor dem griechischen Parlament: In den Jahren 2008 bis 2017 sind laut einer Studie über 467000 Griechen im Alter von 25 bis 44 Jahren aus ihrer Heimat ausgewandert, die nun für einen Wirtschaftsaufschwung fehlen.
Bild: Alkis Konstanidis, dpa

Während der Schuldenkrise verließen hunderttausende junge Griechen ihre Heimat, viele davon top ausgebildet. Jetzt versucht die Regierung in Athen den Aderlass umzukehren.

Eine halbe Million Griechinnen und Griechen hat in den Jahren der Krise ihre Heimat verlassen, um im Ausland ihr Glück zu suchen. Griechenland hat durch diesen Braindrain viele seiner besten Talente verloren. Sie fehlen der Wirtschaft. Jetzt will die neue konservative Regierung Auswanderer zur Rückkehr bewegen.

„Ich sah keine Zukunft mehr für mich, wollte einfach nur weg“ – so beschreibt Stella Z. ihre Beweggründe, als sie im Frühjahr 2015 ihre Heimatstadt Thessaloniki verließ. Das Land steckte tief in der Krise, stand nach dem Wahlsieg des Links-Premiers Alexis Tsipras kurz vor dem Staatsbankrott. Die junge Ärztin suchte vergeblich eine Stelle. In Deutschland hat sie nicht nur einen Job gefunden, sondern inzwischen auch ihren Facharzt gemacht. Heute arbeitet die 35-Jährige in einer Klinik bei Aachen.

Fast 500.000 Griechen wanderten zuletzt aus

Auswanderer wie Stella hat der griechische Arbeits- und Sozialminister Giannis Vroutsis im Blick. „Rebrain Greece“ heißt das Programm, mit dem Vroutsis Griechinnen und Griechen, die während der vergangenen Jahre ihre Heimat verlassen haben, zurückholen möchte. Minister Vroutsis hofft, dass die Rückkehrer „ihr im Ausland erworbenes Knowhow, Innovationen und frische Ideen mitbringen“. Griechenland erlebte während der Krise einen massiven Aderlass. Nach einer Studie der griechischen Zentralbank sind in den Jahren 2008 bis 2017 über 467.000 Menschen im Alter von 25 bis 44 Jahren ausgewandert.

Warum Griechenland Auswanderer zurückholen will

Griechenland hat eine lange Auswanderertradition. Anfang des 20. Jahrhunderts suchten hunderttausende Griechen ein besseres Leben in Nord- und Südamerika, Australien und Südafrika. In den Sechziger- und Siebzigerjahren wanderte mehr als eine Million Griechen in andere europäische Länder aus, um am Fließband oder im Bergbau zu arbeiten. Aber während es damals vor allem ungelernte Arbeitskräfte aus den Dörfern im armen Norden des Landes waren, die ins Ausland gingen, hat das Land in der Krise des vergangenen Jahrzehnts vor allem gut ausgebildete Akademiker, Facharbeiter und Manager verloren.

Rückkehrer sollen ein Monatsgehalt von mindestens 3000 Euro bekommen

Jetzt will die Athener Regierung den Braindrain umkehren. Minister Vroutsis plant eine virtuelle Job-Börse als „Brücke“ für Heimkehrer. Sie soll Unternehmen und rückkehrwillige Auswanderer zusammenbringen. Den Rückkehrern verspricht das Programm ein Monatsgehalt von mindestens 3000 Euro, wovon der Staat ein Jahr lang monatlich 2000 Euro als Zuschuss zahlt. Der Arbeitgeber muss sich verpflichten, den Rückkehrer mindestens ein weiteres Jahr zum vollen Gehalt zu beschäftigen. Das Förderprogramm richtet sich an Interessenten im Alter von 25 bis 40 Jahren. Voraussetzung sind ein abgeschlossenes Hochschulstudium und mindestens ein Jahr Berufserfahrung im Ausland. Die bereitgestellten Fördermittel reichen vorerst für 500 Vermittlungen.

Aber kann der Plan funktionieren? „Zu wenig, zu spät“, urteilt Nikos Stampoulopoulos. Der 49-jährige Filmemacher war 2009 zu Beginn der Krise nach Amsterdam ausgewandert. Er kehrte 2014 zurück und betreibt seither die Internetseite „Nea Diaspora“, ein Netzwerk für griechische Auswanderer und Rückkehrer. Ein Gehalt von 3000 Euro, was netto 2166 Euro bedeutet, sei zu gering, um erfolgreiche Auswanderer zurück zu locken: „Die meisten verdienen in ihren jetzigen Jobs im Ausland deutlich mehr“, sagt Stampoulopoulos. Er weiß: „Die meisten Auswanderer haben Griechenland nicht wegen der hohen Arbeitslosigkeit verlassen, sondern wegen der Korruption, der Vetternwirtschaft, dem Klientel-Unwesen, der lähmenden Bürokratie, wegen des vergifteten politischen Klimas, kultureller Stagnation und sozialer Rückständigkeit.“ Solange sich daran nichts ändere, hätten Förderprogramme wohl wenig Resonanz, sagt der Filmemacher.

Griechenland kämpft mit Überbürokratisierung

Auch Alexander Kritikos, Direktor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, DIW in Berlin, hält es für unwahrscheinlich, dass mit Lohnsubventionen der Braindrain umgekehrt werden kann. Griechenland kämpfe mit Problemen wie Überregulierung, Überbürokratisierung und einer lahmen Justiz. „Sobald diese Strukturprobleme in Griechenland angegangen werden, wird das Land interessant für innovative Unternehmen, die attraktive Arbeitsbedingungen anbieten können“, meint Kritikos. „Dann werden auch die Ausgewanderten gerne wieder zurückkommen, ohne irgendeine Subvention.“

Die Ärztin Stella Z. zögert noch. Sie will sich die Jobbörse von Rebrain Greece „vielleicht mal ansehen“. Ihre Heimat fehle ihr zwar, sagt die Griechin. „Aber ich müsste schon ein sehr gutes Angebot bekommen, wenn ich meinen sicheren Job in Deutschland aufgeben soll.“

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