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Sexskandal

13.08.2019

Was der Fall Jeffrey Epstein über Donald Trump sagt

Der Mann, der zu viel wusste? US-Millionär und mutmaßlicher Sexsünder Jeff Epstein soll Geheimnisse über sehr viele, sehr prominente Freunde gehortet haben.
Bild: New York State Sex Offender Registry/AP, dpa (Archiv)

Die unglaubliche Geschichte um den toten US-Millionär offenbart, wie geschickt sich ausgerechnet Milliardär Donald Trump als Kämpfer gegen böse Eliten geriert.

Der Fall Epstein ist ein Kriminalfall, den als Drehbuch jedes Studio in Hollywood ablehnen würde, weil es einfach zu konstruiert wirkt. Da ist in der Hauptrolle ein sehr reicher Mann mit zweifelhaften Vermögenswerten, aber einer unzweifelhaften Vorliebe für sehr junge Gespielinnen – und zweifelsfreien Verbindungen zu einigen der berühmtesten Menschen der Welt, darunter amtierende US-Präsidenten (Donald Trump), ehemalige US-Präsidenten (Bill Clinton) oder ewige Adelige (Prinz Andrew aus Großbritannien). In einer Nebenrolle: eine ehemalige britische Society-Lady, die Epstein im Tagestakt Mädchen zugeführt haben soll – und nun wie vom Erdboden verschluckt ist.

Der Fall Jeffrey Epstein wirkt selbst für Hollywood zu konstruiert

Dieser Protagonist namens Epstein wurde vor einigen Jahren schon mal mit kleinen Mädchen erwischt, von der Justiz aber damals behandelt, als habe er höchstens ein Karamellbonbon entwendet. Nun ging es ihm ernster an den Kragen, er landete im New Yorker Hochsicherheitstrakt, in dem sonst nur Höchstkriminelle einsitzen – und während die Welt noch spekulierte, wie viele sehr mächtige Menschen sich über sein plötzliches Ableben sehr freuen würden, war er, schwupps, wirklich tot. Ach so, sowohl Anti-Selbstmordkontrolle wie auch Kameras waren im Gefängnistrakt zur Tatzeit ausgefallen, natürlich leider ganz versehentlich…

Zu unglaubwürdig, zu viel Science-Fiction, würden die Hollywood-Bosse den Kopf schütteln.

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Aber es handelt sich vielmehr: um ein wahres Politik-Drama, sogar eine veritable Polit-Erklärungssaga.

Bill und Hillary Clinton stehen im Fokus der Verschwörungstheorien um Epstein

Will man nämlich in einem kurzen Fall zusammenfassen, weshalb Donald Trump Präsident ist und Hillary Clinton nicht, genügt die Causa Epstein – auch um zu verstehen, warum weltweit Populisten wie Trump an Macht gewinnen.

Unbestreitbar ist nämlich: Bill Clinton gehörte zu Epsteins engen Freunden, über Jahre jettete er in dessen Privatflieger – Spitzname: „Lolita Express“ – für gemeinsame Wohltätigkeitsveranstaltungen durch die Welt. Bilder der beiden standen in Epsteins Wohnzimmer.

Nur: Es existieren eben auch Videos, auf denen Trump mit Epstein blutjungen Cheerleaders nachstarrt. Als Trump in einem alten Interview äußerte, dieser schätze genau wie er schöne Mädchen, von denen viele sehr jung seien, war das bewundernd gemeint, keineswegs entsetzt. Und: Auf Trumps Anwesen in Florida geriet die wichtigste Belastungszeugin in Epsteins Dunstkreis.

Dennoch: Im Brennpunkt der aktuellen US-Verschwörungstheorien in Sachen Epstein stehen ganz klar die Clintons. Haben die eine weitere Schandtat begangen, vergleichbar dem mörderisch machtversessenen Präsidentenpärchen aus der blutigen US-Serie „House of Cards“? Ist nicht früher schon ein Clinton-Weggefährte ums Leben gekommen, angeblich per Selbstmord, ein Anwaltskollege von Hillary Clinton, verstrickt in gemeinsame undurchsichtige Grundstücksgeschäfte, raunt es durchs Netz? Die Clintons schweigen dazu.

Ausgerechnet Milliardär Trump schafft es, sich als Anwalt der kleinen Leute zu inszenieren

Und Trump? Der leitet solche Verschwörungstheorien einfach munter weiter, zum Jubel seiner Fans, natürlich. Das hatte er so ja schon im Wahlkampf gehandhabt, etwa als jenes Video auftauchte, in dem er über das Anfassen weiblicher Genitalien referierte („grab them by the pussy“). Damals lenkte Trump auch davon ab, indem er möglichst laut an die Sünden des Ehemanns seiner Rivalin Hillary erinnerte.

Das zeigt nicht nur, dass Clinton auch gegen ihn verloren hat, weil den Clintons viele sehr vieles zutrauen. Es zeigt auch, wie verdreht die Wahrnehmungen sind: Die Clintons – die sich aus einfachen Verhältnissen per Bildung ganz nach oben boxten – werden heute assoziiert mit abgehobenen Eliten, die links tun, aber arme Mädchen im Privatjet missbrauchen. Trump hingegen, obwohl Millionärssöhnchen und Baulöwe mit Vorliebe für Gold und Models, inszeniert sich (erfolgreich genug) als Schützer der kleinen Leute, angewidert vom Verbrecher-Netzwerk der Eliten.

Man könnte sagen: Das erklärt teils auch den Aufstieg von Populisten weltweit. Viele von denen wettern, obwohl meist selbst sehr privilegiert, gegen die „Globalisierung“, die scheinbar abgehobene „Elite“, die – wie Epstein und eben Clinton – wohltätig täten, aber zu allem fähig seien, auch übelster Sexsucht.

Zur Klarstellung: Kritik an diesen „Eliten“ ist höchst legitim, und an der Globalisierung auch. Man muss auch gewiss kein Mitleid haben mit den Clintons, die häufig falsche Freunde hatten – oder mit dem mutmaßlichen Serientäter Epstein, obwohl kein Mensch im Gefängnis sterben sollte.

Aber dass ausgerechnet ein Donald J. Trump sich nun als Anwalt der Opfer und der kleinen Leute geriert, ist: eine amerikanische (Schmieren-)Komödie.

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