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01.07.2020

Weltordnung nach Corona: USA isolieren sich, China marschiert, Europa hofft

Weltordnung nach Corona: USA isolieren sich, China marschiert, Europa hofft, Afrika verliert.
Bild: AZ-Grafik

Plus Wie wird die Welt nach Corona aussehen? Wer sind die Verlierer, wer könnten die Gewinner sein? In unserer interaktiven Grafik blicken wir in die Welt.

Corona trifft die Welt. Kein Land ist geschützt vor dem Virus. Und doch entwickeln sich Infektions- und Todeszahlen von Land zu Land unterschiedlich. Die Nordamerikaner etwa sind mittlerweile unrühmlicher Spitzenreiter, was die absolute Zahl an Erkrankten angeht. Deutschland nennen viele Experten als Vorbild im Umgang mit der Krise.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind nicht nur kurzfristiger Natur. Insbesondere die wirtschaftlichen Folgen sind vielerorts noch gar nicht abzusehen. Wir wagen dennoch einen Blick in die Welt - und wagen eine Prognose, wie die Weltordnung nach Corona aussehen könnte.

Um die Einschätzungen zu Nord- und Südamerika, Europa, China und Afrika zu lesen, klicken Sie bitte auf die grünen Punkte.

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Die USA kapseln sich weiter ab

Die New York Times attestiert den USA schon jetzt „ein Jahr des nationalen Traumas“. Dabei ist 2020 gerade einmal zur Hälfte vorbei. Erst vor wenigen Wochen brachen die Narben von Rassismus und sozialer Ungerechtigkeit wieder auf. Längst nicht die einzige Krise, durch die sich das Land quält. Begonnen hatte das Jahr mit dem drohenden Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Donald Trump und der Gefahr eines Krieges mit dem Iran. Dann traf das Coronavirus die USA mit voller Wucht. Erst vor wenigen Tagen überstieg die Zahl der Toten die Marke von 100.000. Die USA sind zudem längst das Land mit den meisten nachgewiesenen Coronavirus-Infektionen weltweit. Die Pandemie löste wiederum eine Wirtschaftskrise aus. Mehr als 40 Millionen US-Amerikaner meldeten sich arbeitslos. Trumps Wiederwahl ist gefährdet – er reagiert mit einer offensiven Jagd auf Sündenböcke. Und die sitzen für den Präsidenten meist im Ausland.

Donald Trump geht auch während der Corona-Pandemie auf Konfrontationskurs - und beschwört höhere Mächte.
Bild: dpa

Sein jüngster Streich: Trump zieht die politischen Mauern hoch und stoppt die legale Einwanderung bis zum Jahresende. Arbeitsvisa werden ausgesetzt, Greencards nicht mehr vergeben. Die USA kapseln sich also noch stärker ab, treiben ihre America-First-Politik mit großem Tempo voran, machen die Welt zur bloßen Bühne für amerikanische Innenpolitik. Trump ist seit jeher kein Freund von Multilateralismus. Doch die Corona-Krise hat seine Haltung massiv verstärkt. „Die Corona-Pandemie und die von ihr ausgelöste Weltwirtschaftskrise werden nicht zur globalen Kooperation führen, sondern bestehende geoökonomische Rivalitäten verstärken und dabei auch Deutschland und Europa in Mitleidenschaft ziehen“, warnt Josef Braml, Leiter des Amerika-Programms bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und Autor des Buches „Trumps Amerika – Auf Kosten der Freiheit“.

Obwohl zur Bekämpfung der globalen Pandemie kooperatives Verhalten der wichtigsten Staaten überlebensnotwendig sei, verschärfe US-Präsident Trump die bisherige Konfrontation mit China und attackiere die Weltgesundheitsorganisation (WHO). So macht er die Pandemie zu einem geopolitischen Kräftemessen, während andere gerade in einer weltweiten Gesundheitskrise internationale Kooperation und Solidarität als einzigen Ausweg sehen. Für Braml ist klar: „Trump bringt Sündenböcke in Stellung, um vom eigenen Versagen in der Krise und den gravierenden sozialen und wirtschaftlichen Folgen in seinem Land abzulenken, die seine Wiederwahl gefährden.“ Das „China-Virus“, dessen Ursprung das Weiße Haus in chinesischen Labors vermutet, ist laut Trump ein „Angriff“, der schlimmer als Japans Überfall auf Pearl Harbor im Zweiten Weltkrieg oder die Terrorattacken vom 11. September 2001 sei. „Fest zum Gegenangriff entschlossen, hat der Oberbefehlshaber Trump seine Administration angewiesen, geoökonomische Strafmaßnahmen gegen China vorzubereiten“, sagt der US-Experte, der aktuelle Analysen auch über seinen Blog „usaexperte.com“ veröffentlicht. Die Beziehungen zwischen den beiden Giganten sind schlecht wie lange nicht.

 

Bramls bittere Erkenntnis: „Wenn sich zwei streiten, hat der Dritte, namentlich Europa, auch keinen Grund zur Freude.“ Wegen des verschärften Kräftemessens der beiden wirtschaftlichen Giganten werde die europäische Wirtschaft Kollateralschäden erleiden. Allen voran werden Deutschlands Wirtschaft und Politik noch mehr in die Zwickmühlen von Chinas und Amerikas Weltmachtambitionen geraten. Dass er sich nur zu gerne an Deutschland abarbeitet und an einer Partnerschaft kaum interessiert ist, macht Trump immer wieder deutlich. Schon beim Streit um die russische Gaspipeline Nordstream schreckte er nicht vor eindeutigen Drohungen zurück, als die Bundesregierung nicht von einer Zusammenarbeit mit Moskau abrücken wollte.

Südamerika versinkt im Chaos

Lateinamerika wurde innerhalb kürzester Zeit zum Corona-Brennpunkt. Populistische Staatschefs, chronisch unterfinanzierte Gesundheitssysteme und tiefe Armut hängen wie ein Mühlstein am Hals der Menschen. Während die Zahlen explodieren und die Menschen den Absturz in den Hunger fürchten, erweisen sich viele Regierungen als miserable Krisenmanager, die mehr mit sich selbst und ihrem Machterhalt beschäftigt sind als mit der Lösung der Probleme. Allen voran Jair Bolsonaro, Brasiliens rechtspopulistischer Präsident, tut das Virus als „leichte Grippe“ ab. Minister, die Bedenken äußern, werden gefeuert. Gouverneure, die auf eigene Faust Schutzmaßnahmen anordnen, beschimpft der Ex-Militär als „Haufen Mist“.

Jair Bolsonaro, Brasiliens rechtspopulistischer Präsident, tut das Virus als „leichte Grippe“ ab.
Bild: dpa

Brasilien hätte eine der besten Antworten auf diese Pandemie haben können“, sagte die Brasilianerin Marcia Castro, Gesundheitswissenschaftlerin an der Harvard University, der New York Times. Brasilien war bei Gesundheitskrisen wie Aids oder Zika ein Vorreiter unter den Schwellenländern. „Aber jetzt ist alles unorganisiert, niemand arbeitet an gemeinsamen Lösungen.“ Während im Ausland Unverständnis und Entsetzen über Bolsonaros Corona-Politik herrscht, könnte seine Botschaft bei vielen Brasilianern verfangen. Mindestens 40 Prozent haben keinen Arbeitsvertrag, keine soziale Absicherung und keine Rücklagen – sie haben vor der Armut mehr Angst als vor dem Virus.

Auch Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador konnte mit dem Konzept des Abstandhaltens noch nie so recht etwas anfangen. „Man muss sich umarmen, da passiert schon nichts“, pflegt der Linkspopulist zu sagen, der bei seinen Auftritten Babys küsst, Großmütter herzt und Männer drückt. Der autoritäre Präsident Daniel Ortega aus Nicaragua glaubt, das Coronavirus sei „ein Zeichen Gottes“, dass die Welt einen falschen Weg eingeschlagen habe. Dabei sind die Folgen verheerend: Brasilien zählt 1,2 Millionen Infizierte, Peru 265.000, Chile 260.000, Mexiko 200.000 – die vier Länder sind allesamt in der Top-15-Liste der Länder mit den meisten Corona-Kranken.

Für die ohnehin anfällige Wirtschaft der Region verheißt das nichts Gutes. Die Weltbank sagt für dieses Jahr einen Rückgang der Wirtschaftskraft um 7,2 Prozent voraus. Die Folgen der Rezession dürften in Lateinamerika dramatisch ausfallen, weil es kaum soziale Sicherungssysteme gibt. Die Organisation „Aktion gegen den Hunger“ fürchtet, dass fast 30 Millionen Menschen in die Armut stürzen könnten.

Europa versucht zumindest ein wenig zu helfen: Erst kürzlich landete ein Flugzeug mit rund zwölf Tonnen Hilfsgütern in Venezuela. Die von der deutschen Bundesregierung gecharterte Maschine lieferte unter anderem 127.000 Tabletten zur Wasseraufbereitung, 18 Wassertanks und 40.000 Pakete mit Nahrungsergänzungsmitteln. Venezuela steckt seit Jahren in einer schweren Wirtschaftskrise, die zuletzt durch die Corona-Pandemie noch einmal verstärkt wurde. In dem einst reichen Land fehlt es an Lebensmitteln, Medikamenten und Treibstoff.

Corona war in Lateinamerika zunächst das Virus der Reichen. Der erste registrierte Fall war ein Geschäftsmann aus São Paulo, der nach Norditalien gereist war. Für Mexiko wurde – ähnlich wie das österreichische Ischgl – der US-Skiort Vail zum Infektionsherd, wo sich eine Gruppe mexikanischer Geschäftsleute getroffen hatte. Börsenchef Jaime Ruíz Sacristán steckte sich dort an, er starb im April. Die meisten Infektionen in Argentinien wurden zu Beginn in den wohlhabenden Vororten im Norden von Buenos Aires registriert, deren Bewohner oft ins Ausland reisen. Mittlerweile hat sich Sars-CoV-2 immer weiter ausgebreitet, auch die ärmeren Viertel und Slums erreicht.

Europa hofft auf den Phoenix-Moment

Wenn Deutschland am Mittwoch die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt, hat es eigentlich nur eine Aufgabe: Europa zu retten. Die Corona-Krise hat das Bündnis schwer getroffen. Das Virus hat Länder wie Italien und Spanien in den Abgrund blicken lassen – gesellschaftlich und wirtschaftlich. Schockbilder von sterbenden Menschen und verzweifelten Ärzten erreichten die Welt aus dem Süden Europas. Inzwischen ist die Situation in den Krankenhäusern zwar weitgehend stabil, doch die ökonomischen Nebenwirkungen sind massiv.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel wollen einen Hilfsfonds in Höhe von 500 Milliarden Euro.
Bild: dpa

Dass die EU sie lindern kann, muss sie noch beweisen. Vorschusslorbeeren jedenfalls bekommt sie nicht. In Italien sagten auf dem Höhepunkt der Pandemie 70 Prozent der Menschen, dass sie kein Vertrauen in die EU hätten. Kein Wunder: Ausgerechnet in einer Zeit, in der es um ein international konzertiertes Vorgehen ging, kochten die Mitglieder ihr eigenes Süppchen. Schlagbäume wurden ohne Absprache heruntergelassen, Exportverbote für medizinische Schutzausrüstung erlassen – jeder dachte zunächst an sich selbst. Wirklich etwas zu melden hatte Brüssel nicht, geradezu verzagt wirkte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: In der Krise schlug die große Stunde der Nationalstaaten. Die EU? Zunächst nichts weiter als ein Statist. Nach der Flüchtlingskrise zeigte der Kontinent also erneut, dass er in Krisen kaum handlungsfähig ist. Mit einem Marshall-Plan befreite sich Europa schließlich aus der Schockstarre, pumpte Billionen in die Wirtschaft. Fantastische Summen, und doch blieb ein flaues Gefühl.

 

Einen wirklich kühnen Plan legten erst Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vor: Die monumentale Krise soll Kräfte entfesseln und alte Regeln über den Haufen werfen. Eine Schicksalsgemeinschaft sei Europa, deshalb brauche es eine gemeinsame Haftung für Schulden. Die Kanzlerin und Macron wollen einen Hilfsfonds in Höhe von 500 Milliarden Euro. Kritiker in der EU wie Österreich und Dänemark lehnen einen solchen Fonds ab, weil das Geld in Form von nicht zurückzuzahlenden Zuschüssen vergeben werden soll. Das böse Schlagwort von der Vergemeinschaftung der Schulden macht die Runde. Lange war dies gerade für Merkel eine dicke rote Linie, der sie sich nicht einmal nähern wollte.

Ihren Sinneswandel fasst sie in einen schlichten Satz: „Kein Land kann die Krise isoliert und allein bestehen.“ Andere zögern. Es brodelt also, gelöst werden soll der Streit in Videokonferenzen – denn echte Gipfeltreffen können in Zeiten der Pandemie nicht stattfinden. Doch gerade von Angela Merkel ist zu erwarten, dass sie in der Schlussphase der Kanzlerschaft ihr ganzes politisches Gewicht in die Waagschale werfen wird. Es geht um viel: Sollte Europa der wirtschaftliche Befreiungsschlag nicht gelingen, wären nicht nur deutsche Absatzmärkte verloren. Auch die ohnehin fragile politische Stabilität des Kontinents würde gefährdet. „Die antidemokratischen Kräfte, die radikalen, autoritären Bewegungen warten ja nur auf ökonomische Krisen, um sie dann politisch zu missbrauchen“, sagt Kanzlerin Angela Merkel. Massenarbeitslosigkeit, Pleitewellen, soziales Elend, eine Spaltung der EU, all das scheint nicht ausgeschlossen. Schon jetzt schauen die Nachbarländer mit Argusaugen auf die deutschen Staatshilfen, die die Dominanz des Landes nach der Pandemie weiter vorantreiben könnte.

China greift nach noch mehr Macht

Noch nie hat Peking seine geopolitischen Interessen derart selbstbewusst, ja geradezu unverhohlen verfolgt wie nach dem Corona-Ausbruch. Das lässt sich an der forschen Rhetorik gegen die „abtrünnige“ Provinz Taiwan ablesen, an den regelmäßigen Provokationen im Südchinesischen Meer der letzten Monate oder den rigiden Zurückweisungen jeglicher Kritik aus dem Ausland am Corona-Krisenmanagement in Wuhan. Das tragischste Beispiel liefert jedoch Hongkong: Am 1. Juli tritt in der einstigen britischen Kolonie ein von Peking installiertes Sicherheitsgesetz in Kraft, das die per Übergabevertrag zugesicherte Autonomie konterkariert.

Kommt Chinas Staatspräsident Xi Jinping als Gewinner aus der Krise?
Bild: dpa

Mutiert also ausgerechnet China zum großen Gewinner der globalen Gesundheits- und Wirtschaftskrise? Auf den ersten Blick scheint es so: Der Erzrivale USA findet weder gesundheitspolitische noch wirtschaftspolitische Lösungen in der Krise. In China hingegen scheint der Ausbruch längst unter Kontrolle, selbst das Aufflackern einer zweiten Welle in Peking von bisher knapp über 300 Infektionen wirkt angesichts der Statistiken der meisten anderen Staaten wie ein Luxusproblem. Dank einer beispiellosen Propagandaschlacht hat die kommunistische Partei auch im Land selbst die Einheit wiederherstellen können: Ein autoritär geführter Staat, so der Eindruck vieler Chinesen, gibt am Ende eben doch mehr Stabilität und Sicherheit als die liberalen westlichen Gesellschaften.

Längst fährt auch die chinesische Wirtschaft wieder hoch; Prognosen gehen gar davon aus, dass die Volksrepublik im laufenden Kalenderjahr noch ein Plus von über einem Prozent erreicht – während die Weltwirtschaft gleichzeitig deutlich schrumpft. China wird zielstrebig seinen Weg beschreiten, der zum Ziel hat, eine Führungsrolle in den internationalen Schlüsseltechnologien einzunehmen. Europa tut sich mit einer Antwort schwer, die USA gehen auf Konfrontationskurs – China scheint klar überlegen. Der Fraktionschef der Konservativen im Europäischen Parlament, Manfred Weber (CSU), wählt in einem Interview entsprechend dramatische Worte: „Unsere Werte sind massiv unter Druck geraten. Meine große Sorge ist, dass China der große Gewinner der Corona-Krise sein könnte.“ Peking werde ökonomisch schnell herauskommen aus der Krise und womöglich als erstes Land einen Impfstoff entwickeln. „Ich möchte nicht, dass China der Gewinner aus der Krise ist und sein autoritäres Staatssystem fälschlicherweise als das bessere propagiert.“

 

Andere Experten warnen hingegen vor übereilten Schlussfolgerungen. „Ich wäre zum jetzigen Stand sehr vorsichtig“, sagte etwa Singapurs ehemaliger Spitzendiplomat Kishore Mahbubani bereits Ende Mai: „Der Kampf gegen Covid-19 ist noch lange nicht vorbei“. Auch wirtschaftlich hat die Krise noch keine klaren Gewinner oder Verlierer produziert, meint Jörg Wuttke, Leiter der Europäischen Handelskammer in Peking. Er benutzt für die jetzige Situation eine Boxkampf-Metapher: „Wir haben mittlerweile den ersten Knock-out hinter uns. Und jetzt sind wir wieder am Torkeln“. Ein Grund: Die chinesische Wirtschaft hat sich zwar teils normalisiert, leidet aber nun unter der fehlenden Nachfrage aus dem Ausland.

Auch politisch wird das forsche Auftreten der chinesischen Regierung von Experten eher als Zeichen der Unsicherheit interpretiert: Zu demonstrativ ist die zur Schau gestellte Stärke des in die Enge gedrängten Staates. Dabei leidet China derzeit nicht nur unter den schlechtesten Beziehungen zu den Vereinigten Staaten seit den 70ern, sondern auch der brodelnde Grenzkonflikt mit Indien droht zu eskalieren. In Hongkong droht zudem Unruhe durch die Protestbewegung, genauso durch die muslimische Minderheit der Uiguren in Xinjiang. Eine komfortable Ausgangslage sieht anders aus.

Afrika wird um Jahre zurückgeworfen

Wer die Statistiken zur Ausbreitung der Corona-Pandemie anschaut, traut seinen Augen kaum: Ausgerechnet der afrikanische Kontinent kommt bislang erstaunlich gut durch die Krise. Die Zahlen bewegten sich lange auf niedrigem Niveau. Inzwischen hat zumindest Südafrika die Grenze von 100.000 Infizierten überschritten, die Kurve weist steil nach oben. Die Ausbreitung beschleunigt sich weiter. Doch die Befürchtungen, dass sich die Region zum Corona-Krisengebiet entwickeln könnte, erfüllen sich bislang nicht.

Die sich ohnehin im Schneckentempo bewegenden wirtschaftlichen Fortschritte in Afrika sind ausgebremst, die Länder in der Armutsbekämpfung um Jahre zurückgeworfen.
Bild: dpa

Die Ursachen hierfür dürften vielfältig sein: Zum einen sind die Zahlen mit Vorsicht zu genießen – die Testmöglichkeiten sind beschränkt. Zum anderen ist der Bevölkerungsdurchschnitt vieler afrikanischer Länder eher niedrig – junge Menschen sind weniger anfällig für das Virus. Aber auch die strikten Beschränkungen vieler Länder haben dazu beigetragen, dass Corona bisher nicht zum Flächenbrand wurde. Kenia etwa schloss nach nur wenigen Fällen Schulen und Universitäten und stoppte den internationalen Flugverkehr. Südafrika verhängte einen der härtesten Lockdowns weltweit, sogar der Verkauf von Alkohol und Joggen war verboten. Uganda machte Schulen dicht, bevor der erste Fall überhaupt bestätigt wurde.

Doch genau darin liegt die größte Herausforderung. Die sich ohnehin im Schneckentempo bewegenden wirtschaftlichen Fortschritte sind ausgebremst, die Länder in der Armutsbekämpfung um Jahre zurückgeworfen. Afrika droht deshalb trotz überschaubarer Infektionszahlen zum großen Verlierer in der Corona-Pandemie zu werden. Denn die Krise hat die ökonomische Verwundbarkeit erneut mehr als deutlich offenbart. Anders als Europa oder die USA haben die wenigsten afrikanischen Länder die finanzielle Möglichkeit, ihre Wirtschaft über die Pandemie zu retten. Wenn der globale Wettbewerb wieder Fahrt aufnimmt, werden sie wohl noch abhängiger vom Geld der Geberländer im Norden werden.

Schon heute ist in Afrika südlich der Sahara jedes zweite Kind von extremer Armut betroffen. Die Zukunft könnte noch brutaler aussehen – indirekt wird das Coronavirus aufgrund einer massiven Wirtschaftskrise wohl zahlreiche Menschenleben kosten. Der Ölpreis, für viele Staaten wie etwa Nigeria eine der wichtigsten Einnahmequellen, ist ebenso eingebrochen wie der Export von Textilien (Äthiopien) oder Schnittblumen (Kenia). Mit dem Tourismus steht zudem eine Milliarden-Industrie einen fußbreit vor dem Abgrund. Dadurch fallen nicht nur Verdienstmöglichkeiten und damit die Lebensgrundlage vieler Menschen weg, auch dem Staat fehlen Steuermittel. Die oftmals autoritär regierten Staaten finden kaum Lösungen, die den schwierigen Weg zwischen Gesundheitsschutz und Wirtschaftswachstum weisen könnten.

Die Weltbank geht davon aus, dass es in Afrika wegen der Corona-Krise zum ersten Mal seit 25 Jahren eine Rezession geben wird. Bundeskanzlerin Angela Merkel kündigte an, dass die Bundesregierung in der deutschen EU-Ratspräsidentschaft außenpolitisch einen Schwerpunkt auf Afrika setzen werde. Sie sagt: „Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass die Staaten Afrikas besonders stark unter den wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Coronavirus-Pandemie leiden.“ Hilfe hat Afrika mehr als nötig: „In Afrika hat jeder Monat eines harten Lockdowns einen Verlust von 2,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts zur Folge“, schätzt Adrian Gauci von der UN-Wirtschaftskommission für Afrika (Uneca). Zudem ist zu befürchten, dass die angespannte Haushaltslage der wohlhabenden Länder zu einem eher sparsameren Umgang mit Entwicklungshilfe führen wird.

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