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Mittelamerika

05.01.2019

Wo sind El Salvadors verschwundene Kinder?

Angehörige weisen auf das Schicksal verschwundener Familienmitglieder hin.
Bild: Roberto Escobar

Im Bürgerkrieg entrissen salvadorianische Militärs Familien ihre Kinder. Von mehreren hundert fehlt bis heute jede Spur. Andere fanden erst nach vielen Jahren ihre Eltern und erzählen von bewegenden Schicksalen

Heute müssten Erlinda und Ernestina Serrano Cruz 39 und 43 Jahre alt sein. Ob sie noch leben, weiß ihre Familie nicht. Auch nicht, wie sie aussehen oder wo sie sich aufhalten. Nur die Erinnerung an sie ist noch wach – zumindest in den Gedanken ihrer beiden älteren Geschwister Suyapa, 56, und Jose Fernando, 45 Jahre alt. Erlinda und Ernestina sind zwei von El Salvadors verschwundenen Kindern.

In dem mittelamerikanischen Land tobte zwischen 1980 und 1991 ein blutiger Bürgerkrieg, in dem Militärs hunderte Kinder ihren Familien entrissen und verschleppten. Von vielen fehlt bis heute jede Spur. Suyapa Serrano Cruz erinnert sich noch genau an die Ereignisse von damals: „Es war da drüben, wo sie verschwanden“, sagt sie und zeigt auf eine Stelle am Ufer des Rio Sumpul nahe der Siedlung Chalatenango im Norden El Salvadors.

Langsam schlängelt sich der breite Fluss durch das Tal inmitten einer grünen Berglandschaft. 1982 machten die Truppen der Militärregierung hier Jagd auf Aufständische. Wegen sozialer Ungerechtigkeiten lehnten sich die Bauern gegen die Herrschenden auf. Die Soldaten brannten ganze Dörfer nieder, verfolgten und töteten die Bewohner. Auch Familie Serrano Cruz aus Chalatenango war auf der Flucht.

In den Wirren verschwanden die damals drei und sieben Jahre alten Mädchen. Alles spricht dafür, dass Soldaten die beiden Kinder mitgenommen haben. „Verschwindenlassen war eine Strategie, um die eigene Bevölkerung zu schwächen“, erklärt Jose Lazo Romero, Mitarbeiter der Organisation Pro-Busqueda. Die Kinder seien oft gegen beträchtliche Geldsummen an Waisenheime oder Pflegefamilien verkauft worden, viele auch ins Ausland. Pro-Busqueda wurde 1994 von Familienangehörigen und einem Jesuitenpater gegründet, um die Fälle zu dokumentieren.

Die von dem katholischen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützte Organisation bietet Opfern und Betroffenen Unterstützung an und hilft bei der Suche nach den Vermissten. „Wir kämpfen gegen die Zeit“, sagt Romero. Viele Mütter und Väter der Verschwundenen sterben allmählich. 443 Fälle hat der Verein aufgeklärt, rund 500 sind noch offen. „Allerdings ist unser Staat weder an dem Phänomen noch an Aufklärung interessiert“, klagt Romero. Das musste auch Familie Serrano Cruz erfahren.

Sie klagte vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte und bekam 2005 Recht. Das Gericht sah den Staat El Salvador, der auch heute noch zu den gefährlichsten Ländern der Welt zählt, als verantwortlich für das Verschwinden der Mädchen an und erlegte der Regierung Aufklärung des Falls auf. Das ist bis heute nicht geschehen. Im Gegenteil. Die Regierung verweigert die Herausgabe von Unterlagen zu der damaligen Militäroperation, in denen sich möglicherweise Hinweise finden könnten.

Mehr Glück hatte Magdalena Emperatriz Melendez. Die 36-Jährige ist eines der 443 „wiedergefundenen Kinder“. Wie sie herausfand, war sie offenbar nur wenige Tage alt, als sie verschleppt wurde. Sie wuchs in einem SOS-Kinderdorf in El Salvador auf. Trotz Verbots begab sie sich im Jugendalter auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern – und wurde fündig. Ihre Mutter war zwar im Bürgerkrieg gestorben. Doch ihren Vater und weitere Angehörige traf sie 2013 wieder.

Einerseits eine große Erleichterung – aber andererseits auch eine befremdliche Begegnung: „Ich kannte diese Menschen gar nicht. Ich konnte bis heute keine emotionale Beziehung zu ihnen aufbauen“, erzählt Melendez. Was es bedeutet, eine eigene Familie zu haben, erfuhr sie erst, als sie vor 13 Jahren selbst Mutter wurde: „Als ich mein erstes Kind im Arm hatte, da spürte ich, was sie mir weggenommen hatten“, sagt sie und weint.

Auch wenn die Wunden bleiben – Melendez führt heute ein normales Leben in der Hauptstadt San Salvador. Für die Geschwister Serrano Cruz heißt es dagegen weitersuchen und bangen. „Wir haben nach wie vor Hoffnung, dass wir die Mädchen noch finden“, sagt Jose Fernando Serrano. Und seine Schwester Suyapa fügt zuversichtlich hinzu: „Wir spüren, dass sie noch leben.“ Michael Althaus, kna

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