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Ahmad Mansour über Familie, Identität und den Schmerz des Nahost-Konflikt

Interview

Autor Ahmad Mansour: „Es schmerzt, wenn sich Teile der Familie abwenden“

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    Der Autor Ahmad Mansour 2024 bei einer Veranstaltung in Berlin, bei der von der Hamas die Freilassung aller israelischen Geiseln gefordert wurde, in einem nachgebauten Tunnel der Terrorgruppe.
    Der Autor Ahmad Mansour 2024 bei einer Veranstaltung in Berlin, bei der von der Hamas die Freilassung aller israelischen Geiseln gefordert wurde, in einem nachgebauten Tunnel der Terrorgruppe. Foto: Jörg Carstensen, dpa

    Herr Mansour, Sie sind als Muslim in Israel aufgewachsen. Während Teile Ihrer Familie noch immer dort leben, ist Ihr Lebensmittelpunkt in Deutschland. Sie sind Psychologe, setzen sich gegen muslimischen Antisemitismus und Fanatismus ein. Hilft Ihnen diese nicht alltägliche Konstellation oder ist sie manchmal auch eine Belastung?

    AHMAD MANSOUR: Beides. Ich bin ja eigentlich kein Nahost-Experte im klassischen Sinne, der über dieses Thema studiert hat. Ich bin damit groß geworden. In meinem kleinen arabisch-palästinensischen Dorf in Israel habe ich alles hautnah beobachtet: Intifada, Terror, Libanonkrieg, Golfkrieg. Ich hatte aber immer auch Zugang zu der jüdischen Bevölkerung. Meine Aufgabe ist es, diese beiden Blickwinkel zusammenzuführen, um die Komplexität des Konflikts zu erklären – in Zeiten, in denen sich viele Leute nach Schwarz-Weiß-Antworten sehnen. Aber das ist nicht möglich. Dafür gibt es viel zu viele traumatische Erlebnisse auf beiden Seiten.

    Immer wieder werben Sie für Verständnis für die israelischen Positionen. Muslime feinden Sie dafür an, auch Ihre Familie in Israel verfolgt Ihr Engagement bisweilen kritisch. Gewöhnt man sich an solche Konfrontationen, oder nimmt Sie das mit?

    MANSOUR: Es ist natürlich schmerzhaft, wenn sich Teile der Familie, wenn sich Freunde abwenden. Das tut weh, aber ich weiß, dass ich Themen anspreche, die noch immer in vielen palästinensischen Familien tabu sind. All diejenigen, die sich nicht an dieses Tabu halten, werden emotional erpresst oder boykottiert. Das ist nicht gut. Was ich in Deutschland gelernt habe, ist, offener und mündiger mit den Themen Religion und Politik umzugehen. Das ist ein Schatz, den ich hüten will. Manchmal klappt das, manchmal aber auch nicht.

    Wie hat sich das Zusammenleben zwischen den Palästinensern und der jüdischen Bevölkerung nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023, den Kriegen in Gaza und mit dem Iran verändert?

    MANSOUR: Die Araber in Israel sind keine homogene Gruppe. Viele unter ihnen haben längst eine israelische Identität angenommen. Man darf ja nicht vergessen, dass das Leute sind, die mit Juden leben und arbeiten. Tag für Tag. Gerade jetzt, im Zwölf-Tage-Krieg gegen den Iran, war das Schicksal israelischer Juden und israelischer Araber eins: Iranische Raketen, die in Israel explodieren, machen keinen Unterschied zwischen Juden und Arabern. Auf der anderen Seite gibt es natürlich – auch in meiner Familie – eine tiefe Empathie für die Palästinenser, die jetzt in Gaza leiden. Sie teilen Religion und Tradition, viele haben Verwandte in der Westbank. Und da ist der Unmut über die israelische Kriegsführung sehr, sehr groß.

    Israel agiert in Gaza mit äußerster Härte. Auch seriöse Beobachter nehmen immer häufiger mit Blick auf die erschossenen Zivilisten an den Stellen zur Essensausgabe den Begriff „Kriegsverbrechen“ in den Mund. Zurecht?

    MANSOUR: Wir haben eine komplexe Situation. Nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 hielt ich den Krieg für einen der gerechtesten, den Israel in seiner Geschichte geführt hat. Gegen eine Terrororganisation, die keine Zwei-Staaten-Lösung möchte, sondern Israel auslöschen will. Der 7. Oktober hat ein beispielloses Trauma in Israel ausgelöst. Israel kämpft in einem extrem dicht besiedelten Gebiet gegen Milizen, die sich in Zivil kleiden und sich in Tunneln oder Krankenhäusern verstecken. Das ist nicht einfach. Doch nach der letzten größeren Freilassung von Geiseln im Februar dieses Jahres führt Israel einen Krieg ohne klare Ziele.

    Auch Israel wohl gesonnene Politiker und Medien vermissen ein Konzept der Regierung Netanjahu für Gaza und das Westjordanland.

    MANSOUR: Natürlich will man die Hamas vernichten. Aber es fehlt ein Konzept für die Zeit nach dem Krieg. Es fehlen Strategien für die Versorgung der Menschen in Gaza, es fehlt ein Konzept dafür, wer das Gebiet einmal verwalten soll, wie der Wiederaufbau gelingen kann. Kurz: Es fehlt eine Perspektive für die Menschen dort. Alleine mit einem Kampf gegen den Terror haben die meisten Leute kein Problem, mit einem Kampf gegen die Bevölkerung in Gaza haben die arabischen Israelis aber sehr wohl ein Problem. Auf diese Weise werden palästinensische Zivilisten, aber auch die israelischen Geiseln gefährdet. Darüber gibt es einen großen Unmut in der Bevölkerung. Die Kritik an diesem Krieg ist nicht antisemitisch, sie ist absolut berechtigt.

    Ist es nicht eine Katastrophe für das Image Israels, dass im Regierungskabinett rechtsextreme Minister wie Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir sitzen?

    MANSOUR: Absolut. Nach dem Massaker hätte eine eher linke Regierung den Krieg genauso geführt wie die Regierung Netanjahu. Gleiches gilt für den Krieg gegen den Iran. Und trotzdem ist es natürlich ein Problem, wenn Idioten im Kabinett sitzen, die jedes Mal, wenn sie den Mund aufmachen, Unsinn erzählen, ja sich sogar menschenverachtend gegen Araber äußern. Das ist nicht das Israel, das ich kenne, das in seiner Mehrheit viel offener gegenüber den Arabern im Land ist. Das Problem ist, dass Teile der Linken in Israel einer Utopie nachhängen. Sie wollen Netanjahu von der Macht verdrängen, doch er gewinnt immer wieder die Wahlen. Ihn zu boykottieren, ist der falsche Weg. Besser wäre eine große Koalition, ohne Fanatiker, mit mehr Stimmen der Mitte und der Vernunft. Das wäre politisch viel intelligenter.

    Die USA haben in den Krieg gegen den Iran eingegriffen. Sind Sie Donald Trump dafür dankbar?

    MANSOUR: Trump hat etwas getan, was der Westen gemeinsam und entschlossen tun sollte. Der Kampf gegen das Mullah-Regime ist keine rein israelische Angelegenheit. Diplomatie ist nicht in der Lage, das rassistische Regime in Teheran von der Umsetzung seiner Auslöschungsfantasien gegen Israel abzuhalten. Ich bin enttäuscht von Europa, das sich selber ins Abseits gestellt hat und keinen nennenswerten Beitrag dazu geleistet hat, den Iran auch militärisch stärker unter Druck zu setzen. Den USA bin ich dafür dankbar, dass das iranische Atomprogramm zumindest zurückgeworfen wurde. Das macht Israel, aber auch den Westen sicherer. Ich denke da an das Potenzial des Iran, Terror nach Europa zu tragen. Trump hat richtigerweise direkt nach den Angriffen das Fenster für Verhandlungen mit dem Iran geöffnet. Genau das fehlt in Gaza.

    Haben Sie die Hoffnung, dass die deutliche Verschiebung der Machtverhältnisse neue Chancen für den Nahen Osten bietet, oder befinden wir uns weiter in einer Endlosschleife von Gewalt und Gegengewalt?

    MANSOUR: Da gibt es Entwicklungen, die in Europa gar nicht wahrgenommen werden. Ich habe mich letztens mit einem libanesischen Kellner unterhalten. Da habe ich keine Ablehnung gespürt. Zum Schluss sagte er zu mir, dass wir uns in absehbarer Zeit auch gegenseitig in unserer Heimat besuchen werden können. Natürlich ist im Nahen Osten der Hass gegen Israel enorm verbreitet, aber gerade bei jungen Leuten auch die Bewunderung für die israelischen Leistungen, für den Wohlstand, die Demokratie. Gleichzeitig wächst auf der politischen Ebene in Ländern wie Syrien, dem Libanon oder Saudi-Arabien die Bereitschaft, sich mit Israel zu arrangieren, ja sogar Abkommen zu schließen. In diese Entwicklungen setze ich große Hoffnungen. Der zwölftägige Krieg hat klärend gewirkt, schließlich fühlten sich auch viele sunnitische Länder vom Iran bedroht.

    In Europa, insbesondere in Spanien oder Frankreich, wird die Kritik an der Politik Israels immer schärfer. Haben Sie dafür Verständnis?

    MANSOUR: Das hat mich nicht überrascht. Was mich stört, ist, dass sich viele stärker über das Wort „Drecksarbeit“ von Kanzler Friedrich Merz aufregen, als über den Terror der Hisbollah, der Israel seit über 30 Jahren bedroht. Man ist in Europa schnell mit Vorwürfen bei der Hand, Israel würde Verbrechen gegen das Völkerrecht begehen. Gleichzeitig werden die Verbrechen und die Finanzierung der Hamas, der Huthis oder der Hisbollah über Jahre hingenommen. Das ist für mich Doppelmoral, mit der man Israel begegnet.

    Wie erklären Sie sich, dass palästinensische Aktivisten und ihre Unterstützer in Deutschland die Verbrechen der Hamas schlicht ausblenden oder leugnen?

    MANSOUR: Der Unterschied zwischen Demokraten und Radikalen ist die Fähigkeit, Empathie für beide Seiten zu empfinden. Wer nur eine Seite betrachtet, hat den Gaza-Konflikt nicht verstanden. Man muss aber Ursache und Wirkung sehen. Dieser Krieg wurde Israel aufgezwungen, weil sich radikale Islamisten entschieden haben, in Israel das größte Pogrom nach dem Zweiten Weltkrieg zu planen und durchzuführen und damit auch das ganze palästinensische Volk in Geiselhaft zu nehmen. Dabei hat sich gezeigt, dass die Bewohner in Gaza trotz der Unterdrückung durch die Hamas viel differenzierter auf das Massaker reagiert haben als viele Palästinenser in Europa. Kritik an Israel in Deutschland ist völlig legitim. Problematisch ist es aber, in einer Demokratie auf die Straße zu gehen und ein Pogrom zu bejubeln, sich mit der Hamas zu solidarisieren und zur Ermordung von Juden aufzurufen. So agieren leider manche Palästinenser in Deutschland, die hier in Sicherheit sind, sich auf Tiktok als große Helden feiern lassen, sich respektlos gegenüber der deutschen Polizei verhalten, während die Menschen in Gaza leiden. Was wir bräuchten, wäre eine neue palästinensische Führung, die zum Kompromiss fähig ist. Und das wird ohne die Zwei-Staaten-Lösung nicht funktionieren. Davon bin ich überzeugt.

    Die Nachrichten und Bilder aus der Ukraine oder aus Nahost sind schwer zu ertragen. Bei Ihnen kommt die Angst um ihre Familie hinzu, wenn die Raketen fliegen. Wie finden Sie Momente der Ruhe?

    MANSOUR: Es kommt mir so vor, als sei ich am 7. Oktober 2023 aufgewacht und seitdem – also seit mehr als 630 Tagen – ständig wach. Was ich in dieser Zeitspanne erlebt habe, reicht für ein ganzes Leben. Die Ereignisse und Bilder belasten mich psychisch sehr stark. Man muss auf sich achten, man muss in sich gehen und Pausen machen. Und man muss sich die Hoffnung auf bessere und etwas ruhigere Zeiten bewahren.

    Zur Person: Ahmad Mansour, 49, ist ein deutsch-israelischer Psychologe und Autor, der sich seit vielen Jahren mit Konflikten im Nahen Osten befasst. Mansour, der die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und in Berlin lebt, setzt sich gegen islamistische Radikalisierung und Antisemitsmus ein.

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