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Analyse: Wie groß ist die Gefahr durch den IS in Afghanistan?

Analyse

Wie groß ist die Gefahr durch den IS in Afghanistan?

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    Ein Kämpfer der Taliban geht mit seinem Gewehr an einem Transparent mit der Aufschrift "Das Islamische Emirat Afghanistan will positive und friedliche Beziehungen mit der Welt!" vorbei.
    Ein Kämpfer der Taliban geht mit seinem Gewehr an einem Transparent mit der Aufschrift "Das Islamische Emirat Afghanistan will positive und friedliche Beziehungen mit der Welt!" vorbei. Foto: Hussein Malla, dpa

    Auf dem Gipfel der Macht, dann schwer geschlagen, doch immer noch gefährlich und unberechenbar. Eine große Allianz und eine ebenso große Kraftanstrengung waren nötig, um dem Islamischen Staat (IS) zunächst weite Gebiete im Irak und dann in Syrien zu entwinden. Im März 2019 schien die erste international aktive Terrorgruppe, die zusammenhängende Gebiete beherrschte und verwaltete, entscheidend geschlagen. Doch die Bedrohung, die vom IS und ihren Ablegern in vielen Regionen der Welt ausgeht, ist nicht verschwunden. Weder in Syrien noch in Teilen Afrikas, aber auch nicht in Afghanistan – dort also, wo seit August 2021 die ebenfalls islamistischen Taliban an der Macht sind.

    Sie haben überlebt: Menschen, die bei den Anschlägen auf den Flughafen von Kabul verletzt wurden, liegen in Betten im Wazir Akbar Khan Krankenhaus
    Sie haben überlebt: Menschen, die bei den Anschlägen auf den Flughafen von Kabul verletzt wurden, liegen in Betten im Wazir Akbar Khan Krankenhaus Foto: dpa

    Aufsehen erregte im November 2021 ein UN-Bericht, in dem es hieß, dass es den Taliban nicht gelungen sei, den IS einzudämmen. Im Gegenteil, die Zahl der Angriffe, die der IS für sich reklamiere, sei deutlich gestiegen. Im Jahr 2020 seien es 60 gewesen, bis November 2021 bereits 334. Zahlen, welche die UN zu der Einschätzung veranlassen, dass eine Ausweitung des IS-Einflusses am Hindukusch drohe.

    Oft übertreibt der IS die Zahl der Anschlagsopfer

    Thomas Ruttig, Direktor des Afghanistan Analysts Network, einer unabhängigen Forschungseinrichtung, ist zurückhaltender . Er verweist auf die Expertise eines afghanischen Analysten, der den Terrorismus in Afghanistan seit Jahren verfolge und allen gemeldeten Fällen akribisch nachgehe: "Er hält die meisten Anschläge, zu denen sich der IS bekennt, für belegt. Der IS liefert seit einiger Zeit oft Belege, die seine Täterschaft untermauern. Oft wird jedoch die Zahl der Opfer übertrieben."

    Den Namen des afghanischen Terrorexperten nennt Ruttig nicht, um ihn nicht zu gefährden. Tatsächlich würden auch dessen Zahlen zeigen, dass sich die Zahl der Anschläge und Opfer im Vergleich zu 2020 im Jahr 2021 deutlich erhöht habe. Ruttig: "Allerdings stand der IS 2020 unter starkem Druck durch die Taliban, die afghanische Armee und US-Luftangriffe. Dadurch wurde der IS aus den meisten der wenigen von ihm kontrollierten afghanischen Gebiete weitgehend vertrieben", sagte Ruttig unserer Redaktion. Davon habe sich der IS bis heute nicht erholt. Aktuell sei die Intensität der IS-Attacken vergleichbar mit 2018 oder 2019, also nicht auf einem Allzeithoch .

    Der IS ist schon seit Jahren in Afghanistan aktiv

    Aktiv ist der IS in Afghanistan und in den Nachbarländern ohne Zweifel schon seit vielen Jahren. Der regionale IS-Ableger verübte dort seit 2014 Anschläge und gezielte Morde. Die Gruppe nannte sich "Islamischer Staat Provinz Khorasan", kurz IS-K. "K" steht für Khorasan. So wurde im 7. Jahrhundert eine Region in Zentralasien genannt – heute liegen die Staaten Iran, Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan und eben Afghanistan auf diesem Gebiet.

    Der IS-K wird für den blutigen Selbstmordanschlag vor dem überfüllten Flughafen in Kabul vom 26. August 2021 mit mindestens 183 Toten verantwortlich gemacht. Ruttig verweist darauf, dass bis heute unklar sei, "wer wie viele Opfer verursachte". US-Medien hatten recherchiert, dass viele Zivilisten dort durch Schüsse panischer US-Soldaten getötet wurden, die unmittelbar nach dem Sprengstoffanschlag in die Menge schossen. Vier weitere große IS-Attacken trieben den Blutzoll weiter in die Höhe: die Anschläge auf das Begräbnis der Mutter eines Taliban-Sprechers, auf zwei schiitische Moscheen sowie das Militärhospital in Kabul.

    Der Spiegel hält die Lage offensichtlich für noch bedrohlicher als die UN. In der jüngsten Ausgabe des Magazins heißt es, dass der "erstarkte" IS für Taliban-Milizen eine attraktive Alternative darstelle – auch, weil er "vergleichsweise gute" Gehälter zahle. Beschworen wird die Gefahr, dass der IS sich in Afghanistan und Pakistan ein neues Zentrum erschafft, um von dort auch Terror in Europa zu organisieren.

    Ruttig: "Natürlich muss man den IS in Afghanistan im Auge behalten"

    Ruttig kann mit dieser Analyse wenig anfangen: "Natürlich hat der IS diesen Plan. Die Frage ist, wie realistisch das ist. Die wenigen IS-Kämpfer in Afghanistan stehen unter starkem Druck der Taliban, die sehr brutal gegen sie vorgehen. Sie sind kaum in der Lage, über die Grenzen aktiv zu werden. Der Eindruck, dass sich der IS frei bewegen kann, ist völlig falsch." Auch der Gründer der Kinderhilfe Afghanistan, Reinhard Erös, hält den Einfluss der IS-Terroristen für begrenzt. Ihr großes Manko sei, dass sie in weiten Teilen der Bevölkerung "verhasst" seien, sagte Erös in einem Gespräch mit unserer Redaktion.

    "Natürlich muss man den IS in Afghanistan im Auge behalten. Aber eine ernste Gefahr für die Taliban oder die Nachbarstaaten stellt er derzeit nicht dar, sehr wohl aber für afghanische Zivilisten", fasst Ruttig zusammen.

    Die Terrorgefahr trifft eine Bevölkerung, die sich ohnehin in einer Art Dauernotstand befindet. "Die katastrophale humanitäre Lage hat sich in den letzten Monaten nicht verbessert. Das liegt daran, dass die Ausnahmeregelungen, die Hilfsleistungen von außen ermöglichen sollen, noch nicht greifen." Und die schlechten Nachrichten reißen nicht ab: "Anfang der Woche wurde aus Afghanistan gemeldet, dass sich Lungenentzündungen epidemisch ausbreiten – vor allem unter Kindern."

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