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Besuch von Premier Modi
02.05.2022

Indien soll für Deutschland zum neuen China werden

Eine gemeinsame Zukunft? Olaf Scholz mit Narendra Modi.
Foto: Michael Kappeler, dpa

Deutschland und Indien vertiefen beim Besuch von Premier Modi ihre Partnerschaft. Das Land soll neuer Wachstumsmarkt werden. Ein schwieriges Thema wird ausgespart.

Knapp 6000 Kilometer Luftlinie sind Berlin und die indische Hauptstadt Neu-Delhi voneinander entfernt. Allein schon die räumliche Entfernung erschwerte in den vergangenen Jahren den Aufbau stabiler Beziehungen mit einem Land, das unter Alt-Kanzlerin Angela Merkel zur „Nummer eins für die Entwicklungszusammenarbeit" wurde. Corona unterbrach abrupt den Aufbau vielversprechender Beziehungen, der Kontakt riss indes nie völlig ab.

Welchen Stellenwert beide Länder den gegenseitigen Beziehungen zumessen, zeigt der Besuch von Narendra Modi am Montag in Berlin: Die erste Auslandsreise des indischen Premierministers seit Ausbruch der Pandemie führte ihn ins Kanzleramt. Beim gemeinsamen Auftritt vor der Presse applaudierte Modi Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), den er einen Freund nennt, und wünschte allen einen „guten Tag“. Das mehrstündige Treffen endete mit der Unterzeichnung zahlreicher Abkommen, beide Länder sind trotz unterschiedlicher Positionen bei der Betrachtung des Ukraine-Krieges weiter zusammengerückt.

Deutschland verspricht Indien viel Geld

„Heute rufen wir eine deutsch-indische Partnerschaft zur grünen und nachhaltigen Entwicklung aus“, sagte Modi nach dem Gespräch mit Scholz. Dieser hat ihm zuvor 10 Milliarden Euro an Entwicklungshilfe zugesagt, die bis 2030 vor allem in den Klimaschutz fließen sollen. „Im Hinblick auf den globalen Klimaschutz ist Indien ein Schlüsselland“, meinte der SPD-Kanzler. Denn wenn die Inder auch nur annähernd auf dem Standard Europas leben wollen und dabei genau so viel Kohlendioxid in die Luft blasen, wäre das für das Weltklima eine Katastrophe.

Auch wenn der Subkontinent mit seinen knapp 1,4 Milliarden Menschen in den westlichen Ländern vielen immer noch als „Schwellenland“ gilt, in dem die Armut grassiert, konnte Modi in Deutschland selbstbewusst auftreten. Die Bundesrepublik ist Indiens wichtigster Handelspartner innerhalb der EU und sechstwichtigster Handelspartner im weltweiten Vergleich.

Das bilaterale Handelsvolumen liegt zwar immer noch unter dem Ziel von 20 Milliarden Euro, das bei den ersten Konsultationen im Mai 2011 ausgegeben worden war. Zum Vergleich: Das Handelsvolumen mit China, dem großen Konkurrenten Indiens, ist mehr als zehnmal so groß.

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Doch die Inder wissen, dass die deutsche Industrie das Land als Wachstumsmarkt im Visier hat. Indien will beispielsweise bis 2070 klimaneutral sein, allein das ist angesichts der Herausforderungen vor Ort ein riesiges Feld für „Made in Germany“. Gleichzeitig gerät das Geldverdienen der deutschen Unternehmen im Reich der Mitte unter Rechtfertigungsdruck im Angesicht der Diktatur der Kommunistischen Partei. Scholz lobte deshalb Indien als gute Alternative. „Unsere Unternehmen wissen die Standortvorteile zu schätzen“. Dann zählte er auf: riesiger Markt, hohes Wachstum, viel Innovationspotenzial.

Indien hat großen Bedarf an Umwelttechnik aus Deutschland. Starker Smog plagt die Hauptstadt Neu Delhi.
Foto: Partha Sarkar, XinHua, dpa

Zwar erschwert „Indiens neutrale Haltung gegenüber dem russischen Vorgehen in der Ukraine“ die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit, wie der Bundesverband der Deutschen Industrie am Montag anmerkte. Gleichzeitig hieß es vom BDI jedoch: „Der Dialog mit Indien ist kompliziert, aber chancenreich.“

Indien hat den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine nicht verurteilt und auch keine Sanktionen gegen die russische Wirtschaft verhängt. Das Land will zudem als Absatzmarkt für russisches Gas und Öl einspringen, wenn der Westen die Verträge mit Moskau kündigt. Modi streifte das heikle Thema und beklagte, dass die rapide gestiegenen Preise für Öl, Gas, Kohle und Getreide für die armen Länder der Welt ein Desaster seien. „Wir sind der Auffassung, dass es keinen Sieger geben wird am Ende dieses Krieges“, sagte der Premier.

Weil Nachfragen nicht zugelassen waren, konnte er bei dem Aspekt Energie aus Russland vage bleiben. Modi und Scholz unterstrichen viel stärker eine neue Kooperation bei grünem Wasserstoff, der Erdgas in Zukunft als saubere Alternative ersetzen soll.

Grüner Wasserstoff und grüne Wälder als Ziel

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und der indische Energieminister Raj Kumar Singh etwa unterzeichneten eine Kooperation dazu. Bundesumweltministerin Steffi Lemke und ihr indischer Amtskollege Bhupender Yadav vereinbarten eine Intensivierung der Zusammenarbeit bei der Wiederherstellung von Wäldern. Erleichtert werden soll auch der Zugang von Fachkräften auf dem jeweiligen Arbeitsmarkt. Indien hat viele junge Menschen, die Lücken im alternden Deutschland schließen könnten.

Der neue Präsident der Asienbrücke, Ex-Verkehrsminister Andreas Scheuer, lobte die Konsultationen als richtiges Format zur richtigen Zeit. „Diese Kooperation braucht jetzt einen neuen strategischen Überbau, zum Beispiel im Bereich der Sicherheit, bei Hightech, dem Warenaustausch, der Lieferketten und der Energiefrage“, sagte der CSU-Politiker unserer Redaktion. Deutschland müsse sich um Indien sowie den gesamten indo-pazifischen Raum bis Australien intensiv bemühen und eben nicht nur um China.

Die Bundesregierung will am Ball bleiben. Den Regierungskonsultationen folgt schon bald der nächste Aufschlag. Ende Juni ist Indien neben dem Senegal, Südafrika und Indonesien Gastland des G7-Gipfels in Schloss Elmau.

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03.05.2022

Kompromisse schliessen ist angesagt. Ob mit Indien , China , zu den arab., afrik. Ländern wie für Südamerika. wenn DEU als große Industrienation bestehen will. Wenn wir die hohen Moralstandards der EU noch getoppt durch Wertepolitik a la Baerbock ansetzen
und potentielle Vertragspartner damit konfrontieren, werden wird bald überhaupt keine Bodenschätze mehr von ausserhalb bekommen oder im Gegenzug unsere Waren dorthin verkaufen können. Da läßt sich aktuell die EU Politik in Sachen Ukraine praktisch nicht durchsetzen und erzeugt eher Missfallen und Ablehnung.

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