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Corona-Pandemie
09.01.2022

Erste Omikron-Fälle: In China steigt die Nervosität

Eine Mitarbeiterin der Regierung an einem Kontrollpunkt vor einem Wohnblock in der Stadt Xi'an.
Foto: Chinatopix, dpa

Die Volksrepublik hat bisher eine radikale, aber erfolgreiche "Null-Covid-Strategie" gefahren. Mit der neuen Virusvariante aber könnte ein Wendepunkt erreicht werden.

Die Hiobsbotschaft kam mit Ansage – und traf die meisten Chinesen dennoch wie ein Schock. Am Samstag wurde ein Paar in der Küstenstadt Tianjin positiv auf Corona getestet, tags darauf lieferte das Staatsfernsehen die Bestätigung zu den Spekulationen: Es handelt sich um die ersten lokalen Omikron-Fälle im Reich der Mitte. Mindestens 20 Infektionen sollen bereits auf die Mutante zurückzuführen sein. Für China ist dies das denkbar schlimmste Szenario.

International führende Virologen haben bereits davor gewarnt, dass Omikron die Karten in der Pandemie neu mischen wird. Auch Christian Drosten von der Berliner Charité hatte China als seine „größte Sorge“ bezeichnet. Wie er glauben die meisten Experten, dass die hochinfektiöse Mutation eine Null-Covid-Politik – wie sie China fährt – zum Scheitern bringe. Trotz strengster Quarantäne- und Lockdown-Regeln ließe sich die Verbreitung des Virus nicht mehr aufhalten.

In China wird vor allem das Corona-Vakzin Sinovac verimpft. Doch die Wirkung auf die Omikron-Variante gilt als schwach.
Foto: Zhang Yuwei, dpa

In der Volksrepublik kommen zwei Dinge erschwerend hinzu: Die zugelassenen Vakzine von Sinopharm und Sinovac liefern nach ersten Daten keinen ausreichenden Schutz gegen Omikron. Und aufgrund der extrem niedrigen Fallzahlen seit Ausbruch der Seuche ist die „natürliche“ Immunität weitaus geringer als in anderen Staaten: Nur etwas mehr als 100.000 der rund 1,4 Milliarden Menschen haben sich mit dem Virus infiziert.

Gefährliche Entwicklung ausgerechnet kurz vor den olympischen Winterspielen

Doch die Nervosität steigt offenkundig, abzulesen an drastischen Reaktionen der Behörden - und das ausgerechnet jetzt kurz vor den Olympischen Winterspielen im Land. Seit über zwei Wochen ist die Metropole Xian vollständig abgeriegelt, die 13 Millionen Einwohner dürfen nur zum verpflichtenden Covid-Test auf die Straße. Dabei waren die Zahlen im weltweiten Vergleich nie besorgniserregend: In Xian wurden bisher weniger als 2000 Infektionen registriert, es gab keinen Covid-Toten.

Weite Teile der Welt blicken mit Befremden auf den radikalen Viruskampf der Volksrepublik, die nach wie vor ganze Städte wegen einer Handvoll Infektionen abriegelt und zwei Jahre nach Ausbruch der Pandemie seine Grenzen weiterhin geschlossen hält. Doch wie eine Bestandsaufnahme vor Ort zeigt, ist Chinas Sonderweg weitaus rationaler und moralisch komplexer.

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Opfer der Minderheit sichern Wohlergehen des Kollektivs - aber wie lange noch?

Er beruht auf einem Gesellschaftsvertrag, der im konfuzianisch geprägten China starken Rückhalt in der Bevölkerung genießt: Die rigiden Opfer einer Minderheit sichern das Wohlergehen des Kollektivs. Bislang ging dieser Deal erstaunlich gut auf: Laut offiziellen Zahlen sind weniger als 6000 Menschen an Covid gestorben. Selbst wenn die Dunkelziffer höher liegt, ist sie angesichts einer Gesamtbevölkerung von 1,4 Milliarden noch immer verschwindend gering. Für die große Mehrheit der Chinesen spielt das Infektionsrisiko seit gut anderthalb Jahren keine Rolle mehr im Alltag. Und dank der weitgehenden Normalität konnte sich auch die Wirtschaft schneller erholen als in vielen anderen Staaten.

Auf der Online-Plattform Weibo vergleicht ein Nutzer die Situation zwischen Chinas Null-Covid-Politik und den lockeren Maßnahmen in USA mit dem Dilemma eines selbstfahrenden Autos, dessen Software sich beim Unfall entscheiden muss: „Zwischen einem Toten oder hundert Toten sollte immer der niedrigere Verlust gewählt werden.“

 

Ausländische Experten stimmen darin teilweise überein. „Aus epidemiologischer Sicht ist das Vorgehen der Chinesen durchaus beeindruckend und sehr konsistent“, sagt ein früherer Funktionär der WHO. Eine „Null-Covid“-Politik könne nur funktionieren, wenn jede einzelne Ansteckung unterbunden wird. Breitet sich das Virus erst einmal exponentiell aus, ließe sich die Entwicklung nicht mehr umkehren. Dafür nimmt China viel in Kauf – nicht nur strenge Regeln, sondern auch Menschenleben.

Todesfälle, weil medizinische Hilfe wegen strenger Regeln zu spät kam

Laut Recherchen in sozialen Medien sind in Xian seit dem Jahreswechsel mindestens sechs Personen an Herzinfarkten oder anderen Leiden gestorben, da ihre medizinische Versorgung zu spät kam. Ein zweieinhalbjähriges Mädchen mit hohem Fieber sei nach Einlieferung ins Spital beim Warten auf den negativen Covid-Test gestorben. Mitarbeiter des Gaoxin-Spitals verwehrten einer Hochschwangeren Einlass, da ihr negativer Covid-Test um vier Stunden abgelaufen war. Ehe das Resultat des neuen Tests vorlag, erlitt die Frau eine Fehlgeburt.

Nach dem Auftreten der ersten lokalen Omikron-Fälle in China hat die nordostchinesische Stadt Tianjin Massentests für die gesamte Bevölkerung angeordnet.
Foto: Chinatopix, dpa

Trotz des repressiven politischen Klimas und einem omnipräsenten Zensurapparat wird der Frust der Menschen immer öfter offen geäußert. „Vor was sollen wir Angst haben? Die Lage ist besonders unverständlich, weil die Sterberate des Virus mittlerweile bereits sehr niedrig ist“, schreibt ein Nutzer. Ein anderer entgegnet: „Es ist kein Coronavirus, es ist ein politisches Virus.“

Die Investigativjournalistin Jiang Xue, die wegen der Zensur nur mehr für einen ausgewählten Kreis auf der Plattform Wechat publiziert, veröffentlichte aus Xian eine Art Lockdown-Tagebuch, in dem sie mit deutlichen Worten nicht hinterm Berg hielt. „Wir müssen bereit sein, jedes Opfer zu bringen, heißt es“, schreibt die 47-jährige Intellektuelle: „Aber das gemeine Volk sollte sich sehr wohl fragen: Sind wir in dem Ganzen wirklich das ,Wir‘ oder vielmehr das ,Opfer‘?“ Es dauerte einige Tage. Dann löschten die Zensoren den Beitrag.

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