Menschen aus den umliegenden Häusern strömen herbei und stellen sich geduldig in die Reihe. Wer dran gewesen ist, macht einen glücklichen Eindruck. Vor allem die Älteren sind froh, sich nicht auf den Weg zum Impfzentrum im Messezentrum unweit des Hauptbahnhofs machen zu müssen. Den Piks gibt es sozusagen in der Nachbarschaft – mit seiner Strategie, die Menschen dort zu impfen, wo sie leben, hat sich die Hansestadt im vergangenen Jahr zum Primus in Sachen Bekämpfung der Corona-Pandemie entwickelt. 88,8 Prozent der Bevölkerung haben zwei Impfungen bekommen – die sogenannte Grundimmunisierung. Im Bundesdurchschnitt sind es nur 73,3.
Doch das Bild vom Impfprimus hat seit Jahresbeginn mächtig Schrammen bekommen. Denn bei den dringend empfohlenen Auffrischungsimpfungen zum Schutz gegen die hochansteckende Omikron-Virusvariante ist Bremen mit einer Quote von 55,7 Prozent auf Platz drei abgerutscht. Impfprimus ist zurzeit das Saarland mit 58,6 Prozent. Auf Platz zwei liegt Schleswig-Holstein mit 56,2 Prozent. Hinzu kommt, dass Bremen derzeit bundesweit die dritthöchste Inzidenz hat. Mit Stand vom 23. Januar liegt diese bei 1256,7. Spitzenreiter sind Hamburg mit einer Inzidenz von 1552,9 und Berlin mit 1483,8. Aktuell die niedrigste Inzidenz hat Thüringen mit einem Wert von 304,1.
Impfen vor Ort in den Stadtvierteln: In Bremen sind die Impftrucks wieder unterwegs
Seit Ende vergangener Woche setzt die Stadt Bremen nun ihr erfolgreiches Konzept des Impfens vor Ort fort. Dieses war in den vergangenen Wochen unter anderem wegen Überlastung der Mitarbeitenden ausgesetzt worden. Bereits seit vergangener Woche sind die mobilen Impfteams in Stadtteil- und Kulturzentren unterwegs. Ab diesem Montag starten die beiden Impftrucks wieder. Auch die vier Impfstellen versorgen die Menschen ohne Terminvergabe. Hierauf hat sich Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) mit den Hilfsorganisationen verständigt, die die Impfstellen betreiben.
Das alles sei „den Umständen geschuldet“, sagt Lübbo Roewer, Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Bremen schaffe mit seinen mobilen Teams, den beiden Impftrucks und den offenen Angeboten „zusätzliche Angebote vor Ort, um mehr Menschen zum Boostern zu ermuntern.“ Der Verband stellt im Auftrag des Gesundheitsressorts das Personal für alle mobilen Teams und die Impftrucks. „Wir erhoffen uns dadurch die Menschen zu erreichen, die vielleicht nicht die Möglichkeit haben in eine Impfstelle zu kommen. Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Impfungen direkt in den Quartieren die Impfbereitschaft deutlich steigern“, erklärt Bernhard.
Eine hohe Impfquote bei der Grundimmunisierung und gleichzeitig die höchste Inzidenz aller Bundesländer – was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch wirkt, passt für Andreas Dotzauer, Leiter des Laboratoriums für Virusforschung an der Universität Bremen, zusammen und ist logisch. Weil nämlich die Kampagne an der Unterweser vergleichsweise flott an Fahrt aufgenommen hatte und die Menschen entsprechend frühzeitig ihre beiden notwendigen Spritzen bekommen konnten, lässt „die Schutzwirkung graduell nach“, sagt Dotzauer.
In Städten verbreitet sich Omikron rasend schnell – gerade auch in Bremen
Hinzu kommt, dass sich in Stadtstaaten mit engem Kontakt zwischen den Menschen gerade die hochansteckende Omikron-Variante noch schneller verbreiten kann. Bei den hohen Fallzahlen in Bremen sieht Christine Falk von der Medizinischen Hochschule Hannover auch eine psychologische Komponente: Wegen der dortigen Spitzenquote bei den Impfungen hätten die Menschen gedacht und von der Politik auch vermittelt bekommen, sie könnten es nun lockerer angehen lassen. „Doch dann kam Omikron.“ Und zwischen den Ansteckungs- und Weitergaberisiken von Delta und Omikron lägen nun einmal Welten. In Bremen und etwa auch in Schleswig-Holstein, wo vor und zu den Weihnachtsfeiertagen noch die Discos offen gewesen seien, habe das zu Superspreader-Events und in der Folge hohen Inzidenzen geführt.
Während sich die Hilfsorganisationen im Auftrag der Gesundheitssenatorin in der Stadt Bremen ordentlich ins Zeug legen und auch in Bremerhaven viel mobil geimpft wird, schauen die Verantwortlichen der sogenannten kritischen Infrastruktur bei Feuerwehr, Polizei, den Krankenhäusern und den Energieversorgern mit Sorge auf die kommenden Wochen. Zwar ist die Inzidenz der Stadt Bremen seit einigen Tagen rückläufig, doch in der zweiten zum kleinsten Bundesland gehören Kommune sieht es anders aus. „Mit einer 7-Tage-Inzidenz von 1190,6 hat die Stadt Bremerhaven einen Höchststand erreicht, der aber in den nächsten ein bis zwei Wochen voraussichtlich noch weiter ansteigen wird“, sagt Sprecher Stefan Zimdars.
In Bremerhaven wird die Lage kritischer – Lage auf Intensivstationen nicht dramatisch
Für Bremerhaven geht das Bremer Gesundheitsressort davon aus, dass sämtliche Infektionen auf die Omikron-Virusvariante zurückzuführen ist. In Bremen sind es laut Ressortsprecher Lukas Fuhrmann 90 Prozent. Immerhin: „Wir haben keinen Anstieg der Intensivpatienten wegen Covid.“ In den Kliniken sei die Situation „angespannt, aber nicht dramatisch“. Als angespannt bezeichnen auch die Sprecher der Kliniken in Bremen und Bremerhaven die Lage. Dort, aber auch bei der personell sowieso schon auf dem sprichwörtlichen Zahnfleisch gehenden Bremer Polizei und der Feuerwehr sind wie in allen Bundesländern besondere Vorsichtsmaßnahmen getroffen worden. So muss etwa bei den Ordnungshütern mindestens auf eingehende Notrufe reagiert werden können. Dies Polizei nennt es „Reduzierung auf die Kernprozesse“.
Hören Sie sich dazu auch unseren Podcast an. In der aktuellen Folge spricht eine Betroffene über ihre Long-Covid-Erkrankung – und über den mühsamen Weg zurück in ein normales Leben.