Natürlich konnte sich Donald Trump einen Kommentar zu Emmanuel Macrons Sonnenbrille nicht verkneifen. Die diente dem US-Präsidenten als perfekte Steilvorlage, um beim Weltwirtschaftsforum in Davos in der vergangenen Woche gegen den französischen Präsidenten zu stänkern. „Was zur Hölle ist los mit ihm?“, fragte also Trump. „Ich habe gesehen, wie er den harten Kerl spielte.“
Was los war, hatte Macron indes erklärt: Ein Blutgefäß in seinem rechten Auge war geplatzt. Um das zu kaschieren, wählte er nicht etwa eine Art Piratenklappe, wie einst der heutige Altkanzler Olaf Scholz nach einer Augenverletzung. Sondern eben eine sportliche Pilotenbrille, über die er schmunzelnd sagte, sie lasse sich als „unbeabsichtigte Anspielung auf das Tigerauge“ sehen. Heißt: als Zeichen für Entschlossenheit. Bezug nahm er dabei offenbar auf den gleichnamigen Film mit Sylvester Stallone, und manche dachten auch an Tom Cruise im Streifen Top Gun. Der in der Jura-Region angesiedelte Hersteller des Brillenmodells für 659 Euro, Henry Jullien, weiß sich seitdem jedenfalls vor Anfragen kaum zu retten.
Viele Franzosen sehnen das Ende von Macrons zweiter Amtszeit herbei
Zumindest, das zeigte die Episode, schaffte es Macron, durch ein auffälliges Accessoire zum Gesprächsthema zu werden. Gekonnte Selbstinszenierung liegt ihm – man denke an das vor knapp zwei Jahren veröffentlichte Schwarz-Weiß-Foto, das ihn mit hartem Blick und angespanntem Bizeps beim Boxen zeigte. Dass er das Ringen um Aufmerksamkeit immer noch gewinnt, ist durchaus bemerkenswert angesichts der Blockadesituation in Frankreich und Macrons historisch schlechter Umfragewerte.
Seit der Auflösung der Nationalversammlung im Jahr 2024 und der neuen Parlamentswahlen, bei denen sein Lager die bis dahin relative Mehrheit in der Nationalversammlung einbüßte, ist der französische Präsident innenpolitisch dauerhaft geschwächt – so dynamisch er auch auftritt. Viele im Land sehnen das Ende seiner zweiten Amtszeit herbei. Die nächsten Präsidentschaftswahlen sind im Frühjahr 2027. Eine dritte Kandidatur in Folge verbietet ihm Frankreichs Verfassung.
Auch darüber war Trump informiert und auch das nahm er zum Anlass für einen boshaften Kommentar. Keiner wolle Macron mehr, sagte der US-Präsident, er werde „bald weg sein“. Zuvor hatte Macron eine Beteiligung an Trumps „Friedensrat“ abgelehnt, trotz der Drohung, französische Produkte wie Wein und Champagner mit 200 Prozent Zoll zu belegen. Bei einer offensiven Rede in Davos warnte Macron vor Imperialismus und Kolonialismus, vor einer „Welt ohne Gesetze, in der das Völkerrecht mit Füßen getreten“ werde. Wen er damit meinte, war klar.
Zumal mit dem neuen Account „French response“, „französische Antwort“, das französische Außenministerium seit Kurzem in den sozialen Medien mit beißender Ironie und auf Englisch Nachrichten kommentiert, die überwiegend aus dem Weißen Haus oder von Kreml-nahen Stellen kommen.
Längst ist der Bruch zwischen den beiden Männern offenkundig, die ihre Beziehung vor Jahren mit virilen Gesten wie endlos scheinenden Händedrücken und Schulterklopfen besiegelten. Macron gehört zu den wenigen europäischen Staats- und Regierungschefs, die Trump bereits seit dessen erster Amtszeit kennen. Dieser schien damals offen für eine „Bromance“ mit dem gut 30 Jahre jüngeren Amtskollegen zu sein.
2017 etwa absolvierten Donald und Melania Trump einen pompösen Staatsbesuch am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli, und ließen sich mit dem Ehepaar Macron auf dem Eiffelturm von einem Sternekoch verwöhnen. In Erinnerung blieb auch Trumps Kompliment für Brigitte Macron, sie sei „in einer tollen körperlichen Form“.
Er war die treibende Kraft beim Drohen mit der „Handels-Bazooka“
Achteinhalb Jahre später ist der Umgang ein völlig anderer. Macron hat sich zuletzt zu einem von Trumps schärfsten europäischen Gegenspielern entwickelt, zu einem Kritiker der europäischen Appeasement-Politik, die andere fuhren. Beim Festakt zur Wiedereröffnung der Kathedrale Notre-Dame Ende 2024 lud er den damals lediglich designierten US-Präsidenten noch in die erste Reihe ein. In seiner ersten Reaktion auf die US-Intervention in Venezuela und die Festnahme von Machthaber Nicolas Maduro äußerte er sich wohlwollend zum Regime-Wechsel und verzichtete auf Kritik am Bruch internationalen Rechts – diese schob er später nach. Doch sowohl im Zollstreit als auch angesichts der US-Ansprüche auf Grönland reagierte Frankreichs Staatschef unmissverständlich. Er war die treibende Kraft beim Drohen mit der „Handels-Bazooka“, mit harten Gegenmaßnahmen bis hin zu Importverboten in die EU. Dazu kam es nicht, Trump ruderte zurück.
Macron habe sich nie Illusionen über diesen gemacht, verriet ein französischer Diplomat der Zeitung Le Monde. „Aber durch Realismus und auch Opportunismus setzte er auf eine gewisse Nähe zu ihm.“ Der Preis dafür sei inzwischen zu hoch.
Im Verborgenen wirbt Macron gleichwohl weiter um Trump, das offenbarte eine von Trump entgegen aller diplomatischer Gepflogenheiten öffentlich gemachte persönliche Nachricht. „Mein Freund, wir sind auf einer Linie mit Blick auf Syrien. Wir können Großes vollbringen im Iran“, schrieb Frankreichs Präsident. „Ich verstehe nicht, was du in Grönland tust.“ Auf den Vorschlag eines spontan einberaumten Treffens der G7-Staaten mit Russland und Dänemark ging der US-Präsident nicht ein. Einmal mehr wollte Macron Paris ins Zentrum des diplomatischen Weltgeschehens rücken. Er war es, der vor knapp einem Jahr gemeinsam mit dem britischen Premierminister Keir Starmer die „Koalition der Willigen“ für die Unterstützung der Ukraine ins Leben rief, als die Zweifel an der Verlässlichkeit der USA als Partner immer größer wurden.
Seine Fehde mit Trump hilft dem 48-Jährigen innenpolitisch. Innerhalb einer Woche stiegen seine Umfragewerte von 18 auf 20 Prozent an – welchen Anteil daran die coole Sonnenbrille hatte, ist nicht messbar. Sogar Oppositionsvertreter unterstützten ihn gegen Trumps Erpressungsversuche. „Niemand darf unsere Nation so behandeln“, betonte der sozialdemokratische EU-Abgeordnete Raphaël Glucksmann. Macron sei „der Präsident, den mein Volk gewählt hat, ich werde ihn immer gegen einen Angriff aus dem Ausland verteidigen“, sagte der rechtsextreme Parlamentarier Jean-Philippe Tanguy, der sonst wenig zimperlich mit Kritik an der Regierung ist.
Auch der überzeugte Europäer Macron gibt im Zweifelsfall nationalen Interessen den Vorrang
In Frankreich kommt es gut an, wenn Politiker den Amerikanern die Stirn bieten. Unabhängigkeit von der Großmacht jenseits des Atlantiks predigte schon der weithin verehrte General Charles de Gaulle. Der frühere Außenminister Dominique de Villepin zehrt bis heute von seinem Ruhm, den er sich 2003 in einer flammenden Rede vor den Vereinten Nationen erwarb. In der verweigerte er den USA die Gefolgschaft im Irak-Krieg.
Ähnlich wie der 72-jährige de Villepin, der mit einer Präsidentschaftskandidatur liebäugelt, legte auch Macron stets großes Selbst- und Sendungsbewusstsein auf der internationalen Bühne an den Tag. Regelmäßig betonen seine Berater, dass sich innerhalb der EU heute die „französische Sichtweise“ durchgesetzt habe: der Ruf nach „strategischer Autonomie“ Europas in Sicherheits- und Verteidigungsfragen. Paris forderte sie schon 2022, als es die turnusmäßig wechselnde EU-Ratspräsidentschaft innehatte. „Das Erdbeben, das wir gerade erleben, ist eine Chance, es zeigt die Notwendigkeit, eine neue Form der europäischen Unabhängigkeit aufzubauen“, sagte er in Davos.
Dabei gibt auch der überzeugte Europäer Macron im Zweifelsfall nationalen Interessen den Vorrang – so wie im Fall des Freihandelsabkommens der EU mit den Mercosur-Staaten. Eine große Anzahl der Landwirte, allen voran die Rinderzüchter, leisteten massiv Widerstand dagegen, die öffentliche Meinung wussten sie hinter sich. Obwohl das Abkommen auch vielen französischen Branchen zugutekäme und der EU laut Befürwortern zur Erschließung neuer Handelsräume und Partnerschaften verhelfen würde, blieb Macron bei seinem „Non“. „Seine Haltung ist nicht nachvollziehbar, da er in seinem tiefen Inneren für den freien Handel ist“, analysierte der Politologe Pierre Jequier-Zalc. „Den Text lehnte er rein aus internen politischen Gründen ab.“ Und nahm dafür auch den Konflikt mit Berlin in Kauf.
Trotz der vielen freundschaftlichen Worte und Gesten zwischen ihm und Bundeskanzler Friedrich Merz bleiben inhaltliche Gräben bestehen und Kompromisse schwierig. Noch immer ist unklar, ob es mit der Entwicklung des gemeinsamen Luftkampfsystems der Zukunft namens FCAS weitergeht, das Macron und die damalige Kanzlerin Angela Merkel 2017 ins Leben riefen – als Symbol der Wiederbelebung der deutsch-französischen Partnerschaft. Ein Scheitern wäre ein Rückschlag für die vertrauensvolle Kooperation, die in Sonntagsreden stets so betont wird.
In seiner zweiten Amtszeit ist nur ein Reformprojekt nennenswert
Dabei ist der Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik der einzige, in dem Macron angesichts seines dramatischen Machtverfalls im eigenen Land noch handlungsfähig ist. Sein Premierminister Sébastien Lecornu versucht seit Monaten, einen Kompromiss für einen Haushalt für das laufende Jahr auszuhandeln. Ziel ist es, das Defizit von 5,4 Prozent im Jahr 2025 – welches auf Macrons Konto geht – auf fünf Prozent zu drücken. Um eine neuerliche politische Krise zu verhindern, machte Lecornu den Sozialisten im Gegenzug für ihre zumindest indirekte Unterstützung wesentliche Zugeständnisse von der höheren Besteuerung großer Unternehmen bis zum Aussetzen der umstrittenen Rentenreform bis 2028 – Macrons einzigem nennenswertem Reformprojekt seiner zweiten Amtszeit.
Bereits jetzt stellt sich die Frage, was von dem Mann bleiben wird, der 2017 als großer Hoffnungsträger gestartet war. Er wollte die Mitte vertreten – und stärkte die politischen Ränder, allen voran die Rechtsextremen. Er versprach, die Menschen mit der Politik zu versöhnen – heute ist der Verdruss größer denn je. Auch wenn Macron bei seiner Neujahrsansprache versicherte, er werde „bis zur letzten Sekunde an der Arbeit sein“, viel ausrichten kann er nicht mehr, zumindest innenpolitisch. Für sein außenpolitisches Profil könnte ihm Trump sogar dabei behilflich sein, einen Teil seines Erbes zu retten. Denn bei aller Kritik – wenige Spitzenpolitiker in der EU dringen mit ihrer Stimme derart durch. Und noch weniger stechen so heraus, und sei es dank einer coolen Sonnenbrille.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren