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Frankreich
23.06.2022

Vom Zimmermädchen zur Abgeordneten der französischen Nationalversammlung

Rachel Keke (Mitte) kam in der Elfenbeinküste zu Welt.
Foto: Thomas Padilla, dpa

Die ehemalige Hotelangestellte Rachel Keke ist für die Linkspartei in die französische Nationalversammlung eingezogen. Kampferprobt ist sie, jetzt will sie das Parlament zum Beben bringen.

„Ist das ein Traum oder ist das kein Traum?“ Rachel Keke blickt strahlend um sich, in lachende Gesichter und in all die Kameras um sie herum. Sie steht an diesem Dienstagmorgen vor der Nationalversammlung in Paris, ihrem neuen Arbeitsplatz, in dem sie gleich wie alle Abgeordneten einen Zugangspass und einen Schal in den Farben der Trikolore bekommen wird. Zuvor stellt sie sich noch zum Gruppenfoto mit den anderen „Unbeugsamen“ auf – ihren Fraktionskolleginnen und Kollegen der Linkspartei La France Insoumise („Das unbeugsame Frankreich“), die mit dem rot-grünen Bündnis Nupes bei den Parlamentswahlen am Sonntag einen Erfolg erzielte.

Keke war Friseurin und Zimmermädchen

Von den 79 Abgeordneten der Partei gehört die Franko-Ivorerin mit ihren geflochtenen Zöpfen und der farbigen Kleidung zu den Bekanntesten. Sie gilt als Symbol dafür, dass es in Frankreich doch jeder schaffen kann – von ganz unten nach ganz oben. Mit 50,3 Prozent und einem Vorsprung von nur 177 Stimmen hat sie in ihrem Wahlbezirk südöstlich von Paris gegen die ehemalige Sportministerin Roxana Maracineanu vom Regierungslager gewonnen. Vor ihrem Sprung in die Politik war Keke Friseurin und Zimmermädchen in Hotels, eine „Unsichtbare“, wie sie selbst sagt.

Kampf gegen unbezahlte Überstunden machte sie bekannt

Landesweit sichtbar machte sich die Gewerkschafterin, als sie im Jahr 2019 mit Kolleginnen eines Ibis-Hotels in einen Arbeitskampf mit ihrem Arbeitgeber, der Reinigungsfirma STN, und dem Hotelkonzern Accor eintrat. Sie beklagten unbezahlte Überstunden, einen unzumutbaren Rhythmus und großen Druck. Keke machte sich zur Sprecherin des Protests – selbstbewusst, laut und furchtlos trat sie auf. Nach fast zwei Jahren Streik hatten die Frauen eine höhere Bezahlung und verbesserte Arbeitsbedingungen durchgesetzt. Nun greift sie die Forderung ihrer Partei nach einem höheren Mindestlohn auf.

„Ich bin eine Kämpferin“, sagt die 48-Jährige von sich selbst. Sie habe keinerlei politische Ausbildung, ihre Schullaufbahn endete nach der vierten Klasse. Dazu stehe sie, sagte sie bei ihrer Rede am Wahlabend am Sonntag: „Die Nationalversammlung gehört auch uns, sie ist nicht nur für die Reichen da.“ Künftig wolle sie „die Stimme all derer sein, die sonst keine Stimme haben“.

Damit meinte sie die Putzfrauen und Sicherheitsleute, die Bauarbeiter und Zimmermädchen, die fast immer wie sie aus afrikanischen Ländern eingewandert sind. Die sogenannten „Papierlosen“, die oft keinen regulären Aufenthaltsstatus und kaum Rechte haben, obwohl sie einer festen Arbeit nachgehen und in die Sozialkassen einzahlen. Das Innenministerium schätzt ihre Zahl in Frankreich auf 600.000 bis 700.000. Rachel Keke selbst ist keine „Papierlose“.

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Keke: "Nationalversammlung zum Beben bringen"

In Abidjan in der Elfenbeinküste als Tochter einer Kleiderverkäuferin und eines Busfahrers geboren, kam sie 2000 nach Frankreich. 2015 erhielt die Mutter von fünf Kindern die französische Staatsbürgerschaft. Sie selbst nennt es „historisch“, dass sie als Schwarze und erstes ehemaliges Hotel-Zimmermädchen künftig das französische Volk repräsentiert. „Sie kann die Massen anführen“, sagt ihr Parteikollege Eric Coquerel. „Sie ist stark und findet die richtigen Worte.“

Mit ihren Worten hält sie sich freilich nicht zurück. Auf Twitter kündigte sie am Wahlabend an, sie werde „die Nationalversammlung zum Beben bringen“.

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