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Russland will ukrainisches AKW Saporischschja verstaatlichen
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  3. UNICEF-Chef Christian Schneider zu Ukraine-Krieg: "Wo Bomben fallen, hört Kindheit auf"

Interview
24.03.2022

UNICEF-Chef über Ukraine-Krieg: "Wo Bomben fallen, hört Kindheit auf"

Besonders dramatisch ist die Situation gerade in Mariupol.
Foto: Evgeniy Maloletka, AP

Exklusiv Mehr als 1,5 Millionen Kinder sind bereits aus der Ukraine geflohen. Das sagt Christian Schneider, UNICEF-Deutschlandchef, im Interview. Die, die blieben, würden Traumata davontragen. Die Lage für Kinder sei dramatisch.

Herr Schneider, der Angriffskrieg der russischen Armee in der Ukraine dauert nun schon vier Wochen an. Was berichten Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über die humanitäre Lage vor Ort?

Christian Schneider: Der Krieg trifft immer mehr Städte und Regionen der Ukraine. Er ist eine Katastrophe für die Kinder. Jeden Tag werden Mädchen und Jungen verwundet oder getötet, werden Schulen und Gesundheitseinrichtungen getroffen. Selbst an Orten, an denen Kinder und ihre Familie Schutz suchen, sind sie nicht sicher. Hunderttausende Menschen sind ohne sauberes Wasser, Nahrung und Strom. Tausende Kinder sind gezwungen, in unterirdischen Unterkünften oder U-Bahn-Stationen Schutz zu suchen. Die Lage ist besonders dramatisch in den umkämpften Städten, in denen Familien eingeschlossen sind, insbesondere im Osten des Landes. Den Familien fehlt es dort an allem. Wir erleben die größte Fluchtbewegung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg: Mehr als 1,5 Millionen Kinder sind bereits in die Nachbarländer geflohen – das heißt: Jede Sekunde flieht ein Kind.

Christian Schneider ist der Geschäftsführer von UNICEF Deutschland.
Foto: UNICEF

Unser Reporter Till Mayer hat in den vergangenen Tagen mit vielen Familien gesprochen. Eine Nacht hat er mit einigen sogar im Bunker verbracht. Wie sehr leiden die Kinder in der Ukraine gerade insbesondere auch seelisch?

Schneider: Ein Kollege sagte letzter Tage: Wo Bomben fallen, hört Kindheit auf. Die Kinder befinden sich seit Wochen im Ausnahmezustand. Von einem Tag auf den anderen mussten sie lernen, wie sie sich vor Angriffen schützen, anstatt in die Schule zu gehen. Sie mussten ihre Väter, Freundinnen und Freunde verlassen, sind häufig tagelang unterwegs, um Schutz zu suchen. UNICEF-Mitarbeiter berichten von Kindern, die in U-Bahn-Stationen oder Bunkern geboren werden. Von Krankenhäusern, die Verletzte oder Kranke in Kellern versorgen müssen. Die Kinder sind erschöpft, viele stehen unter Schock und sind traumatisiert.

Wie hilft UNICEF den Menschen, die bleiben?

Schneider: Gemeinsam mit unserem großen Netzwerk an Partnern sind wir weiter im Land im Einsatz, um Kindern zu helfen und trotz der Kämpfe die Versorgungskette auszubauen. Das ist eine enorme Herausforderung angesichts der unsicheren Situation. Wir liefern große Mengen lebenswichtiger Hilfsgüter, darunter medizinische Ausrüstung, Medikamente, Hygienesets, Spiel- und Lernmaterialien, aber auch Decken und warme Kleidung. Wo immer möglich, bringen wir Trinkwasser und Ausrüstung, um beschädigte Wasserleitungen zu reparieren. Mobile Teams leisten an Hotspots und Sammelpunkten für Familien, die innerhalb des Landes auf der Flucht sind, psychosoziale Hilfe. An 29 U-Bahn-Stationen in Charkiw haben wir Lern- und Spielecken eingerichtet. Aber der Bedarf an Hilfe wächst jeden Tag. Gleichzeitig erschweren die Unsicherheit sowie fehlender Zugang unsere Arbeit.

Es sind vor allem die Frauen und Kinder, die seit Kriegsbeginn ihre Heimat, die Ukraine, verlassen.
Foto: Victoria Jones, dpa

Und jenen, die fliehen?

Schneider: Kinder, die aus der Ukraine fliehen, sind den Angriffen entkommen. Aber sie sind weiter vielen Risiken ausgesetzt. Sie laufen jetzt Gefahr, von ihren Familien getrennt oder Opfer von Gewalt, sexueller Ausbeutung oder Menschenhandel zu werden. Um Mütter und Kinder auf der Flucht zu unterstützen, richten wir an den Grenzübergängen in den Nachbarländern sogenannte "Blue Dot"-Anlaufstellen ein. Das sind sichere Orte, an denen Kinder und ihre Familien wichtige Hilfe erhalten und etwas durchatmen können. Die "Blue Dots" helfen auch dabei, unbegleitete und von ihren Eltern getrennte Kinder zu identifizieren und dafür zu sorgen, dass sie geschützt werden.

Läuft der Rest Europas und Deutschland Gefahr, Polen, Rumänien und Co. mit der riesigen Zahl an Flüchtlingen im Stich zu lassen?

Schneider: Jedes Kind, das vor Krieg flieht, hat Anspruch und Recht auf Schutz und Unterstützung. Die Einigung der EU-Staaten auf die Massenzustrom-Richtlinie für geflüchtete Menschen aus der Ukraine ist historisch und angesichts der dramatischen Situation eine wichtige Weichenstellung. Es ist offensichtlich, dass die Hilfe auf viele Schultern verteilt werden muss.

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UNICEF engagiert sich in Krisengebieten auf der ganzen Welt. Gibt es etwas, was die Arbeit in der Ukraine unterscheidet von Einsätzen, die Sie in der jüngsten Vergangenheit begleitet haben?

Schneider: Der Krieg trifft ein modernes Land mitten in Europa. Die Spannungen in der Ukraine waren in den vergangenen Jahren hoch – trotzdem haben nur wenige mit einer solchen Katastrophe gerechnet. Es ist im Moment völlig offen, wie die Gewalt gestoppt werden und die Zukunft aussehen wird. Fest steht: Es wird schon jetzt Jahre dauern, um die tiefen Wunden in den Seelen der Kinder aufzuarbeiten. Sie sind die Hauptleidtragenden dieses Krieges. Sie können nichts für die Gewalt – das gilt auch für andere Krisensituationen wie Syrien, Afghanistan oder den Jemen.

Ukrainische Kinder erhalten Stofftiere auf einem polnischen Bahnhof.
Foto: dpa

Die russische Armee greift zunehmend auch zivile Ziele an: Wie schätzen Sie die Gefahrenlage für Ihre Kolleginnen und Kollegen ein?

Schneider: UNICEF und unsere Partner arbeiten unter schwierigen und gefährlichen Bedingungen. Wo immer es möglich ist, weiten wir die Hilfe aus. Im Moment wird die Arbeit von Lwiw aus organisiert – dort ist gewissermaßen unser Drehkreuz für die humanitäre Hilfe. Diese zielt darauf ab, Städte und Gemeinden, Krankenhäuser, Schulen und Freiwillige zu unterstützen, damit die Grundversorgung der Kinder aufrechterhalten werden kann. Aber damit das überall möglich ist, brauchen wir eine Waffenruhe und humanitäre Korridore.

Ein Mann verabschiedet ein weinendes Mädchen in einem Zug in Lwiw.
Foto: Bernat Armangue, dpa

Kann für UNICEF eine Situation eintreten, in der Sie sagen müssen: Wir müssen raus?

Schneider: Die Sicherheit unserer Kolleginnen und Kollegen, darunter viele Ukrainerinnen und Ukrainer, und der Partner hat höchste Priorität. Daher überprüfen und bewerten wir kontinuierlich die Sicherheitslage. Unser Ziel bleibt es, alle Kinder mit lebenswichtiger Hilfe zu erreichen. Es kann sein, dass in manchen Regionen die Hilfe unterbrochen wird – aber unser Team ist fest entschlossen, im Land zu bleiben und weiter im Einsatz für Kinder zu sein.

Ihre Kolleginnen und Kollegen vor Ort sind meist kriegs- und krisenerprobt im Gegensatz zu den vielen zivilen Helfern, die sich etwa aus Deutschland auf den Weg in Richtung ukrainischer Grenze aufmachen. Was würden Sie empfehlen: Welche Hilfe von Laien hilft aktuell am meisten?

Schneider: Die Solidarität mit den Menschen in der Ukraine ist sehr groß. Als Teil der professionellen humanitären Hilfe schiebt UNICEF ein großes Nothilfeprogramm an, auch mit Hilfe der Spenden aus Deutschland. Diese Spenden sind weiter dringend nötig. Wir arbeiten mit standardisierten Hilfsgütern für den Krisenfall, die aus unseren Warenlagern ins Land gebracht werden. Wir leisten auch organisatorische Hilfe und Unterstützung für unsere Partner in den Städten und Gemeinden. Dies ist unter den sich ständig verändernden Bedingungen und dem enorm wachsenden Bedarf eine sehr schwierige Aufgabe. Wir können deshalb zum Beispiel keine Sachspenden entgegennehmen.

Zur Person: Christian Schneider ist der Geschäftsführer von UNICEF Deutschland. Die Aufgabe übernahm er 2010. Zuvor hatte Schneider, der seit 1998 bei UNICEF ist, von 2002 bis 2010 den Bereich Kommunikation und Kinderrechte geleitet.

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