Es bleibt das Geheimnis der neuen Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU), was sie dazu bewogen hat, ausgerechnet Ostern eine Debatte darüber anzustoßen, ob und inwieweit sich die Kirchen in politische Debatten einmischen dürfen. Klöckner, seit wenigen Tagen immerhin die Nummer zwei im Staat, findet: bei christlichen Kernthemen ja, bei der Tagespolitik eher nein. Bei der Debatte um die Abtreibung also ja, beim Ringen um die richtige Migrationspolitik eher nein. Sonst würden die Kirchen eher zu einer „austauschbaren NGO“, warnt Klöckner, einer Nichtregierungsorganisation wie es so viele gibt von etwa Amnesty International bis zur Deutschen Umwelthilfe.
Klöckner ist bekennende Christin, man darf ihr unterstellen, dass sie es gut meint. Das ändert allerdings nichts daran, dass die Mahnung der Bundestagspräsidentin Unsinn ist. Richtig ist vielmehr das Gegenteil: Die Kirchen sollten ihre Stimme eher stärker und aktiver in aktuelle Debatten einbringen, anstatt zu schweigen. Heiner Geißler, der frühere CDU-Generalsekretär hatte recht, als er kurz vor seinem Tod 2017 darauf hinwies, dass das Evangelium „eine politische Dimension“ habe: Nicht nur „fromm sein, beten, Posaune blasen, sondern sich einmischen, wie das Jesus natürlich auch gemacht hat“.
Es ist die Pflicht der Kirche aufzuzeigen, welches Menschenbild hinter der AfD hat
Sicher, man kann darüber streiten, ob es kurz vor der Bundestagswahl klug von einigen Kirchenleuten war, das waghalsige Manöver von Friedrich Merz zu kritisieren, wichtige Punkte seiner Flüchtlingspolitik gemeinsam mit der AfD durch den Bundestag zu bringen. Doch der eigentliche Tabubruch, daran darf man schon erinnern, war Merzens Versuch eines Schulterschlusses mit der Rechtsaußen-Partei – und nicht die kirchliche Kritik daran. Es ist das gute Recht, ja sogar die Pflicht einer politisch wachen Kirche aufzuzeigen, welch oftmals abstoßendes Menschenbild hinter der Politik der AfD steckt.
Trotz der anhaltend großen Zahl der Austritte gehören in Deutschland noch immer rund 38 Millionen Menschen einer der beiden großen Kirchen an. Von einer prägenden Kraft für die Geschicke des Landes allerdings, Einfluss, den die Kirchen parteipolitisch missbrauchen könnten, davon kann längst keine Rede mehr sein. Zudem stehen die Kirchen seit Jahren – zurecht – selbst in der Kritik, sei es wegen der oft schleppenden Aufarbeitung unendlich vieler abscheulicher Missbrauchsskandale, sei es wegen eines Frauenbildes aus finsterer Vergangenheit.
Der neue Papst muss sich politisch einmischen – auch gegen Donald Trump
All das zeigt aber auch: Die Kirchen gehören – mit ihrer ganzen Widersprüchlichkeit – mitten in unser Leben. Wer, wenn nicht die Kirchen, sollte sich zu Fragen nach einem gerechten Wirtschaftssystem äußern, das die Umwelt bewahrt? Wer, wenn nicht sie, hat etwas zu sagen, wenn es um die Zukunft der Pflege in einer älter werdenden Gesellschaft geht? Oder, anders formuliert: Wer Geflüchtete integriert, Pflegedienste leistet, Krankenhäuser betreibt und gegen Armut kämpft, der muss Debatten über diese Themen ganz sicher nicht der Berufspolitik überlassen.
Der am Ostermontag verstorbene Papst Franziskus war – bei allen enttäuschten Erwartungen und unterbliebenen Reformen – ein gutes Beispiel für eine Kirche, die sich einmischt. Seine erste Reise etwa hatte ihn 2013 gleich dorthin geführt, wo es besonders weh tut – nach Lampedusa, jener Insel im Mittelmeer, vor der bereits damals tausende Flüchtlinge ertrunken waren bei ihrem Versuch, Europa zu erreichen.
Bald richten sich die Augen auf die Wahl eines neuen Papstes. Auch dieses Prozedere sollte man nicht als Folklore mit Schweizer Garde und weißem Rauch abtun. Denn das nächste Kirchenoberhaupt könnte eine Rolle spielen, die weit über die Geschicke einer weltweiten Gemeinde hinausreicht. Wer, wenn nicht das Oberhaupt der katholischen Kirche mit ihren 1,4 Milliarden Mitgliedern, kann einem Donald Trump zumindest hier und da den mahnenden Zeigefinger entgegenhalten? Wer, wenn nicht die Stimme des Papstes wird – auch in den USA – gehört, wenn Trump mal wieder Lügen zur Wahrheit umdeutet, Verlässlichkeit im Umgang mit Partnern mit Füßen tritt und die Drohung mit Gewalt (Grönland, Panama…) als Mittel internationaler Politik wieder hoffähig macht?
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